Aus: Buddhismus Heute Nr. 53, (Herbst 2013)

Gesundheit & Krankheit aus buddhistischer Sicht

Manfred Seegers

Der Buddha hat uns durch sein Beispiel und durch seine Lehre gezeigt, dass es möglich ist, die Grundprobleme des Menschseins, Geburt, Krankheit, Alter und Tod, zu überwinden. Die gesamte Lehre Buddhas kann in ein einziges Thema zusammengefasst werden, nämlich wie wir bleibendes Glück erreichen können. Solange wir das Glück außerhalb in angenehmen Sinneserfahrungen suchen, kann auch das schönste Erlebnis niemals dauerhaft sein. Die bedingte Welt ändert sich ständig. Einzig unser eigener Geist, der Erleber aller Dinge, bietet bleibendes Glück, weil er selbst kein Ding und daher unzerstörbar ist. Durch die Arbeit mit dem Geist gelingt es uns mehr und mehr, die in uns liegenden Eigenschaften von Furchtlosigkeit, Freude, Mitgefühl sowie Heilfähigkeiten zu entwickeln und letztendlich dauerhaftes Glück zu erreichen.

Gesundheit durch nützliches Verhalten
Buddha gab bei entsprechenden Anlässen auch medizinische Ratschläge an seine Schüler, um verschiedene Krankheiten zu beseitigen. Aus vielen einzelnen Fällen entstanden im Laufe der Zeit ganze Sammlungen von Anweisungen, die den bestmöglichen Gebrauch von Medizin zum Inhalt hatten.Sie dienten damit sogar als Modelle für spätere medizinische Handbücher. In dem Buch Mahavagga, das den Verhaltenslehren (Vinaya) des Pali-Kanon und damit vor allem dem Südlichen Buddhismus (skt. Theravada) zugeordnet wird, finden wir ein ganzes Kapitel über Medizin. Hier lehrt der Buddha, wie man sich und andere gesund erhält und welche Arten von Medizin im Fall von Krankheit für seine Schüler erlaubt sind. Er empfahl unter anderem als besondere Speise mit vielen gesundheitlichen Vorzügen Milchreis mit Honig. Um den Buddha und seine Schüler zu unterstützen, richtete Jivaka, der Leibarzt desBuddha, am Fuß des Geierbergs bei Rajgir im Norden Indiens das erste buddhistische Krankenhaus ein.

Zu den allgemeinen buddhistischen Regeln gehört, dass wir im Alltag so gut es geht schädliche Gewohnheiten vermeiden und nützliche stärken sollten. Wichtige Voraussetzungen dafür sind, Ursache und Wirkung zu beachten, sowie in allem das rechte Maß zu finden, das heißt sich von Extremen fernzuhalten. Auch als Arzt sollte man beim Untersuchen des Patienten die Mitte bewahren. Als Behandlung sollte man nicht zu starke oder zu schwache Mittel verabreichen, sondern auch hier in allem das richtige Maß finden. Besonders für unheilbar Kranke empfahl der Buddha, ein tiefes Verständnis von der Vergänglichkeit der bedingten Welt zu entwickeln und gleichzeitig Vertrauen in die Qualitäten des eigenen Geistes, des Erlebers aller Dinge, aufzubauen.

In besonderen Fällen verwendete der Buddha einige eher ungewöhnliche Mittel, die auf seinem vollständigen Verständnis von Ursache und Wirkung beruhten. In den Mahavamsa-Chroniken aus Sri Lanka wird etwa berichtet, dass gelegentlich eine bestimmte Schutz-Rezitation und Meditation (Pali: Paritta), wie zum Beispiel die der Sieben Qualitäten auf dem Weg zur Erleuchtung, Krankheiten beseitigte. Ein anderes Beispiel: Nach dem "Großen Buch des Schutzes (Sinhala-maha-pirit-pota)" brach zu Lebzeiten des Buddha in der nordindischen Stadt Vaishali eine Pest-Epidemie aus. Die Bewohner baten daraufhin den Buddha um Hilfe und dieser sprach das Ratana-Sutra, das vor bestimmten Arten von Störungen schützt. Sein Schüler Ananda ging mit der gesamten Anhängerschaft um die Stadt und sie rezitierten ebenfalls dieses Sutra, während sie Wasser aus der steinernen Bettelschale des Buddha versprenkelten. Nach dieser Zeremonie verschwand die Epidemie vollständig.

Die gute Einstellung im Umgang mit Krankheit

Aus buddhistischer Sicht haben alle Krankheiten ihren eigentlichen Ursprung in grundlegender Unwissenheit und Selbstbezogenheit mit den daraus hervorgehenden Störgefühlen. Daher besteht das Gegenmittel in der Entwicklung von Weisheit und Mitgefühl, einer auf das Glück anderer ausgerichteten Geisteseinstellung. Hier werden besonders im Nördlichen Buddhismus die sogenannten Vier Unermesslichen Qualitäten praktiziert: Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut. Liebe ist eine aktive Haltung mit dem Wunsch, den Wesen zu Glück zu verhelfen. Mitgefühl sollte allen Leidenden gegenüber entwickelt werden, gleich ob arm oder reich, berühmt oder unbekannt. Freude ist Freiheit von Leid und das Gefühl von Glück, dass man anderen helfen kann. Gleichmut oder Ausgeglichenheit bedeutet, niemanden zu bevorzugen oder zu benachteiligen.

Eine auf die Stärkung von Mitgefühl und Weisheit ausgerichtete Praxis im Großen Fahrzeug (skt. Mahayana) ist die Geben-und-Nehmen-Meditation. Hier sollten wir uns zunächst der Leiden im Kreislauf der Wiedergeburten während unzähliger vergangener Leben bewusst sein und an den Nutzen aller Wesen denken. Sie alle wollen genauso wie wir möglichst dauerhaftes Glück erleben. Zusammen mit dem Ein- und Ausatmen tauschen wir dann das eigene Glück gegen das Leid anderer aus. Führen wir bereits eine regelmäßige Meditationspraxis durch, so ist es möglich, die Geben-und-Nehmen-Meditation an das Ende der Hauptpraxis als besondere Form der Widmung der angesammelten guten Eindrücke zum Wohl aller Lebewesen anzufügen.

Meditation ist ein wichtiges Heilmittel. Dabei sollte allerdings das Ziel klar sein: entweder allgemeine Gesundheit oder volle Erleuchtung, die Erkenntnis der Natur des eigenen Geistes. Um das erstere Ziel zu erreichen, verwendet die Medizin die heilende Kraft der Meditation gezielt in Krankenhäusern. In vielen Bundesstaaten der USA gehört Meditation zum festen Gesundheits-Programm. Professor Siegel, Chirurg an der Yale University, beschreibt einige Vorzüge der Meditation: "Sie trägt dazu bei, den Blutdruck, die Pulsfrequenz und den Pegel der Stresshormone im Blut zu senken oder zu normalisieren. Meditation hebt auch die Schmerzschwelle an und senkt das biologische Alter. Kurz, sie verringert den Verschleiß, dem Körper und Geist gleichermaßen ausgesetzt sind und verhilft den Menschen zu einem besseren und längeren Leben." (siehe Tulku Thondup: Die heilende Kraft des Geistes, Freiamt 2007, S. 27- 28). Dazu gibt es neuere Untersuchungen in der Hirnforschung, speziell darüber, wie Meditation langfristig die für das Erleben von Glück zuständigen Areale im Gehirn positiv beeinflusst.

Was das zweite Ziel betrifft, das Erlangen der Erleuchtung, meditieren wir hier im besten Fall mit einer auf die Erleuchtung aller Lebewesen ausgerichteten Geisteshaltung. Gelingt es uns, zum Wohl aller Lebewesen zu meditieren, ist deutlich mehr Kraft in der Praxis enthalten und wir können nicht so leicht durch widrige Umstände behindert werden. Über die allgemeine Gesundheit hinaus entfernen wir die Wurzel für alle Krankheiten, die grundlegende Unwissenheit, aus dem Geist. Die Erkenntnis der Selbstlosigkeit der Person und der Erscheinungen bedeutet schließlich höchste Weisheit und damit Freiheit von allen Störungen, einen Zustand von bleibendem Glück.

Heilung auf höchster Ebene
Im buddhistischen Diamantweg (skt. Vajrayana), der mehr oder weniger mit dem Tibetischen Buddhismus gleichzusetzen ist, wird die von Buddha gelehrte Sichtweise verwendet, dass unser Geist von seiner Natur her rein ist und eine Fülle hervorragender Eigenschaften besitzt. Diese sind allerdings zumindest teilweise noch von oberflächlichen Schleiern verdeckt. Die sogenannte Reine Sicht ermöglicht es, sich unmittelbar auf Buddha-Formen als Symbole der erleuchteten Qualitäten auszurichten. Zu diesem Zweck hat der historische Buddha in den Medizin-Sutras und -Tantras gegen alle Krankheiten die Meditation auf den Medizinbuddha gelehrt. Er drückt zusammen mit dem lapislazuli-blauen Licht, das er ausstrahlt, die in unserem Geist vorhandenen Heilfähigkeiten aus. Es gibt diese Meditation in kurzer oder längerer Form. Patienten, Ärzte und Heiler können die Praxis zur Unterstützung aller Heilungsprozesse sowohl für sich selbst als auch für andere verwenden.

Auf der Grundlage der Sichtweise von der reinen Natur des Geistes gelingt es uns mehr und mehr, die Weisheit auch in den schwierigen Erfahrungen des Lebens zu erkennen. Wir verwenden dann alle Krankheiten und Hindernisse als Schritte auf dem Weg, als Lernprozesse. So dienen sie eher dazu, unsere eigene Entwicklung zu beschleunigen, als sie zu blockieren. Ihre letztendliche Funktion besteht darin, tiefes Mitgefühl und mehr Offenheit für geistige Entwicklung hervorzurufen. Wir lernen zum Beispiel Schmerz oder andere Symptome leichter zu akzeptieren, indem wir die Weisheit darin erkennen. Auch wenn niemand Schmerzen mag – ohne die Signale des Schmerzes würden wir nicht auf eine Fehlfunktion im Körper aufmerksam. Zu irgendeiner Zeit würde ohne diese Signale das gesamte System zusammenbrechen, weil wir die anfänglichen Probleme nicht bemerkt hätten.

Die tibetische Medizin stützt sich sehr stark auf die buddhistischen Lehren über die Funktionsweise und die Natur des Geistes. Sie geht davon aus, dass Krankheiten ihren Ursprung in einem Ungleichgewicht der drei Prinzipien von Wind, Galle und Schleim haben, die jeweils aus Anhaftung, Abneigung und Unwissenheit heraus entstehen. Befinden sich umgekehrt diese drei Prinzipien im Gleichgewicht, sind Geist und Körper in Harmonie und der Mensch ist gesund. Durch Puls-Diagnose, Befragung und andere Methoden können tibetische Ärzte Krankheiten sehr genau erkennen. Als Therapie werden zunächst sanfte Methoden verwendet wie Ratschläge zur Ernährung und zum Verhalten. Wenn diese nicht genügend wirksam sind, werden kraftvollere Mittel wie Medikamente verschrieben, die aus bis zu 150 verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt sein können. Heilkräuter aus dem Himalaya haben den größten Anteil daran.

Ist der Patient in der Lage, buddhistische Meditation zu praktizieren, so empfehlen tibetische Lamas gegen verschiedene Arten von Krankheiten außer der Meditation auf den Medizinbuddha auch Rezitationen unterschiedlicher Mantras. Mantras sind Sanskrit-Silben, die bestimmte Qualitäten wie Weisheit oder Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Ihre Rezitation kann Körper und Geist vor Störungen schützen. So schützt zum Beispiel das Mantra der Grünen Befreierin (skt. Tara) vor Ängsten und Frustrationen. Das Mantra des Langlebens-Buddha (skt. Amitayus) stärkt die Lebenskraft und schützt vor vorzeitigem Tod. Kraftvoll schützende Buddha-Aspekte können manchmal auch schwere Krankheiten und Hindernisse beseitigen. Es hängt von den gewohnheitsmäßigen Neigungen im Geist ab, ob jemand sich mit dieser Art von Praxis gut fühlt. Letztendlich geht es in der buddhistischen Meditation darum, Geist und Körper vollständig zu heilen und den Zustand der vollkommenen Erleuchtung zu verwirklichen.

Zusammenfassend kann man sagen: In innerem Frieden, ohne emotionale Beschwerden zu leben und uns von unserem Festhalten an einem Selbst zu lösen, ist der tibetischen Heilkunde zufolge das ultimative Mittel für geistige und ebenso für körperliche Gesundheit.


Manfred Seegers, 
nach Abschluss eines 5-jährigen Studiums autorisierter buddhistischer Lehrer. Studierte und lehrte 1990 bis 2000 am KIBI in New Delhi. Er trägt den Titel eines Masters of Philosophy in Religionswissenschaft an der University of Kent, England. Seine Bücher "Buddhistische Grundbegriffe" und "Wissen über Meditation" sind in viele Sprachen übersetzt.
Er hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland.