Aus: Buddhismus Heute Nr. 21, ( 1996)

"Ein ungekünsteltes, frisches Bewußtsein"

Tsema - die buddhistische Lehre des Erkennens / Von Khenpo Tschödrag Rinpoche

Die Weisheit eines Buddhas

"Pramana" ist der im Sanskrit verwendete Begriff für "richtiges oder genaues Erkennen" und steht für "ursprüngliches Bewußtsein", "nicht gekünsteltes, frisches Bewußtsein".

Die wörtliche Übersetzung dieses Begriffs Pramana ins Tibetische hat keine besondere Aussagekraft. Daher reichte eine wörtliche Übersetzung nicht aus, um den Inhalt zutreffend zu vermitteln. Im Tibetischen wurde deswegen eine freie Übersetzung gewählt und zwar "Tsema'i Shepa", kurz "Tsema". Dies bedeutet soviel wie "genaues, klares und richtiges Erkennen".

"Tsema" ist also richtiges Erkennen und bezieht sich auf einen Geisteszustand, der frei von allen Fehlern in bezug auf das Wahrgenommene ist. Er ist genau, klar und richtig.

Letztendliches richtiges Erkennen ist der Geisteszustand, wie er von einem Buddha erfahren wird. Es ist die Weis­heit eines Buddhas, die frei von jeglichem Fehler und immer frei von jeglicher Täuschung ist.

Die buddhistische Lehre des Erkennens wurde in Indien hauptsächlich von Dharmakirti formuliert, der eine ganze Reihe bedeutender Werke zur buddhistischen Lehre des Erkennens verfaßt hat. Das wichtigste seiner sieben Werke heißt Pramanavartika. Das erste Kapitel ist der Erklärung des Begriffs "Tsema" gewidmet. Dharmakirti erläutert hier, was mit Erkennen, das frei von aller Täuschung ist, das also klar und richtig ist, gemeint ist. In diesem Kapitel wird bewiesen, daß der Buddha authentisch ist, das heißt, daß er ein Lebewesen ist, dessen Erleben klar und frei von jeglicher Täuschung ist. Der Beweis beruht darauf, daß die Verwirklichung eines Buddha durch die Praxis eines fehlerfreien Weges der Er­kenntnis erlangt wird. Weil diese Ursache, also der Weg, authentisch ist, ist die damit erlangte Wirkung, das heißt Buddhaschaft, auch authentisch.

Im Gegensatz zu einem authentischen, also von allen Täuschungen freien Bewußtseinszustand, stehen jene Bewußtseinszustände, die der Täuschung unterliegen. In der Vergangenheit haben die Gelehrten etwas unterschiedliche Interpretationen zu diesem Thema entwickelt.

Wie der Geist funktioniert

Die buddhistische Lehre des Erkennens ist ein riesiges Feld und enthält viele subtile Erklärungen darüber, wie der Geist funktioniert, wie also die Prozesse des Erkennens stattfinden. Um Tsema voll und ganz zu lernen, bräuchte man eigentlich viel mehr Zeit. Eine siebenjäh­rige Studienzeit ist dafür nichts Außergewöhnliches oder jedenfalls mindestens fünf Jahre für jemanden, der in seinen Studien sehr gut ist. Wir haben hier [Kurs in Dhagpo Kagyü Ling im Sommer '95] relativ wenig Zeit zur Verfügung. Ich versuche daher, so viel Information wie möglich, und dies so klar wie möglich zusammenzustellen.

An diesem Punkt ist es wohl sinnvoll, noch einmal auf die Bedeutung der diversen Diskussionen im Bereich der buddhistischen Lehre des Erkennens einzugehen. Es stellen sich wahrscheinlich viele immer wieder die Frage, welchen praktischen Nutzen das hier erklärte Wissen für die Entwicklung auf dem eigenen Weg hat. Viele denken sich: "Mir sind diese Diskussionen gleichgültig, ich will doch eigentlich nur meine Meditationspraxis durchführen."

Der springende Punkt ist jedoch folgender: Im Buddhismus geht es darum, sich der Vorgänge im eigenen Geist wirklich bewußt zu werden.

Anhand eines Beispiels wird dies deutlich werden: Wir stoßen in den Erklärungen immer wieder auf die Aussage, daß die Dinge leer von einer Eigennatur seien. Wir haben natürlicherweise die Tendenz, die Welt und unser Erleben der Welt, unsere Gedanken und Empfindungen für etwas Wirkliches zu halten. Hören wir daher, die Dinge sind leer, entsteht in unserem Bewußtsein unwillkürlich die Neigung, auch den Gedanken "alles ist leer von einer Eigennatur" für etwas Wirkliches zu halten. Wir bleiben also im gleichen Gewohnheitsmuster und haben dabei nur die Inhalte ausgetauscht, nicht aber das geistige Muster selbst, das heißt unser konzepthaftes Festhalten an den Dingen.

Haben wir durch ein Verständnis vom Ablauf der Konzepte in unserem Geist erkannt, wie und warum ihnen jegliche tatsächliche Grundlage fehlt, wird uns auch deutlich, daß der Ge­danke "Die Dinge sind leer" nichts Wirkliches ist. Es handelt sich dabei genauso um ein vom Wesen her inhaltsloses Konzept wie bei allen anderen Gedanken. Durch diesen Prozeß durchschauen wir daher unsere gewohnheitsbedingten geistigen Muster, und genau dieses Verständnis ermöglicht es uns, vom Festhalten loszulassen. Wir werden tatsächlich frei von Konzepten.

Fehlt uns dieses Verständnis, können wir zwar von "Meditation frei von Konzepten" usw. sprechen, können uns vormachen, in der Natur des Geistes, also frisch im "natürlichen Bewußtseinszustand" zu ruhen, aber wir werden nie genau verstehen, was eigentlich gemeint ist und auf welchen Grundlagen dies beruht. Haben wir nicht einmal begriffen, wie der Geist konzepthaft arbeitet, wie sollen wir uns dann davon lösen können? Wie können wir etwas überwinden, wenn wir es nicht einmal kennen?

Unser Bewußtsein befaßt sich in den meisten Fällen mit Wahrnehmungen, deren Objekte überhaupt nicht existent sind. Haben wir dies erkannt, wird auch verständlich, wie und warum die Dinge und unser Erleben derselben leer von einer Eigennatur sind. Dieses Verständnis bildet daher eine gute Grundlage, um Meditation praktizieren zu können. Ansonsten ist es schwierig für uns, auf die Natur der Wirklichkeit zu meditieren.

In welcher Weise sind die Dinge "leer"?

Wir haben alle oft gehört, daß die Dinge frei von einer Eigennatur sind. Leerheit ist schließlich ein Thema, das sich im Buddhismus wiederholt. Wir denken normalerweise, daß diese Aussagen klar sind; die Dinge sind eben leer, frei von einem Eigenwesen. Aber was bedeutet dies tatsächlich? In welcher Weise sind die Dinge leer? Was versteht unser Geist hier eigentlich? Was erleben wir im Zusammenhang mit Leerheit? Stellen wir uns diese Fragen, werden die Antworten für uns selbst schon ein bißchen schwieriger.

Der Grund dafür, daß es nicht so einfach ist, ist folgender: Wir haben die Tendenz, unser eigenes Selbstverständnis für etwas Richtiges zu halten, für etwas Untrügerisches. Wir vertrauen unseren Gedanken, halten sie für richtig und halten uns damit selbst für eine Autorität. Sehen wir jedoch einmal genauer hin, wird deutlich, daß wir uns meistens selbst täuschen. Sämtliche Ideen, Gefühle usw. sind Abläufe, die wir durch unsere eigenen Konzepte produziert haben; es fehlt ihnen ein Eigenwesen, einfach deshalb, weil es sich ausschließlich um Vorstellungen handelt. Sie existieren nicht für sich - wie soll dann Verlaß auf sie sein?

Der Fehler ist, daß wir an unsere eigenen Konzepte glauben, die aber nicht wirklich vorhanden sind, die also keine echten, fundierten Grundlagen haben.

Haben wir einmal begriffen, daß unser Bewußtsein, wie es derzeit funktioniert, voll und ganz in einem konzepthaften Rahmen erfolgt und wir daher in einer gewissen Weise ständig unserer eigenen Täuschung unterliegen, werden wir dieses Spiel allmählich durchschauen können und allmählich die Bedeutung von "Leer-heit" begreifen.

Setzen wir uns mit den Erklärungen über die Abläufe unseres Bewußtseins auseinander, und bemerken wir immer deutlicher, wie die Muster ablaufen, dann bekommen wir einen ganz anderen Zugang zu Aussagen wie "alles ist frei von einer Eigennatur". Wir lernen dann zu verstehen, wie und warum konzepthafte Geisteszustände durchwegs eine Illusion, eine Täuschung sind, und über diesen Zugang wird uns klar werden, was es bedeutet, frei von Konzepten zu sein.

Haben wir dazu einen Zugang bekommen, sind wir automatisch am direkten, klaren Erkennen angelangt; dies ist es nämlich, das frei von Konzepten funktioniert.

An diesem Punkt ist die Frage nur noch, inwieweit wir das Erleben von direktem, klarem Erkennen ausgedehnt haben. Das macht dann den Unterschied aus zwischen allgemeinen Lebewesen und jenen, die erleuchtete Stufen erlangt haben.

Aus diesem Grund ist für Praktizierende eine genaue Kenntnis des Ablaufs von Bewußtseinsprozessen, wie sie in der buddhistischen Lehre des Erkennens vermittelt wird, sehr wertvoll. Welche Meditation wir auch praktizieren, es hat immer damit zu tun, daß wir in einer bestimmten Weise mit unserem konzepthaften Geist arbeiten und über diesen Weg einen Zugang zur Nichtkonzepthaftigkeit suchen. Wir bedienen uns also der konzepthaften Muster unseres Geistes, um zum Freisein von Konzepten zu gelangen. Bei Meditation geht es darum, diese Theorie in Praxis umzusetzen; sie bezieht sich also darauf, zwischen konzepthaften und konzeptfreien Momenten in unserem Bewußtsein unterscheiden zu lernen.

Die buddhistische Lehre des Erkennens ist daher für alle Bereiche des Buddhismus relevant, sei es für das intellektuelle Studium, sei es für das Üben von Meditation.

"Direktes, klares" und "schlußfolgernd richtiges" Erkennen: Ein Überblick

Im unerleuchteten Zustand, in unserem allge­meinen Geisteszustand, funktioniert richtiges, also genaues Erkennen folgendermaßen:

1. Direktes, klares Erkennen:

Dies sind jene Momente des Erkennens, in denen konkrete Phänomene direkt erlebt werden. Diese Momente im Wahrnehmungsprozeß sind frei von Konzepten und daher auch frei von Täuschung.

Direktes, klares Erkennen wird in vier Arten unterschieden:

a) Direktes, klares Erkennens, das durch die Sinnesfähigkeiten erfolgt:

Auf der Basis der fünf Sinnesorgane (Auge, Ohr, Nase, Zunge und Körper) und der damit zusammenhängenden Sinnesfähigkeiten nimmt das jeweilige Sinnesbewußtsein die jeweiligen konkreten Phänomene (Formen, Laute, Gerüche, Geschmack und Tastbares) direkt und konzeptfrei wahr.

Das Bewußtsein, das auf der Basis der Sinne erfolgt, kann (laut Sautrantika-Lehrmeinung) nicht unmittelbar mit dem äußeren materiellen Objekt in Beziehung treten, weil das Bewußtsein und die materiellen Dinge von gegensätzlicher Natur sind, nämlich Geist und Materie. Was passiert ist, daß durch das Zusammenkommen von Sinnesorganen und damit verbundenen Sinnesfähigkeiten und dem jeweiligen Objekt, ein geistiges Abbild von diesem Objekt erzeugt wird. Dieses geistige Abbild ist es, das vom Bewußtsein, das durch die Sinne funktioniert, erfaßt wird. In anderen Worten: das geistige Abbild und das Bewußtsein, das dieses geistige Abbild erlebt, sind von einer Natur; beides ist Bewußtsein.

b) Direktes, klares Erkennens auf Grundlage der Geistfähigkeit:

Das direkte Erkennen durch die Sinnesbewußtseinsarten aktiviert das Bewußtsein, das durch die Geistfähigkeit funktioniert.

Die sogenannte Geistfähigkeit bezeichnet jene Facette unseres Geistes, die darin besteht, daß nachdem der erste Moment im Wahrnehmungsvorgang zu Ende ist, der nächste Moment im Prozeß dieser Wahrnehmung zum Entstehen kommt. Das Bindeglied zwischen diesen Momenten heißt "Geistfähigkeit". Im Gegensatz zum Sinnesbewußtsein, das auf Basis eines physischen Organs erfolgt, wie z. B. dem Auge, der Retina und der damit verbundenen Sehfähigkeit, geht es bei der Geistfähigkeit nur um Bewußtsein; keinerlei physische, materielle Form kommt hier zum Tragen.

Dieser Moment im Wahrnehmungsablauf geschieht auf Grundlage der Geistfähigkeit und besteht in einem direkten, klaren Erfassen des geistigen Abbilds durch den Geist allein; die Sinne haben damit nichts zu tun. Auch hier funktioniert die Wahrnehmung ohne Konzepte.

Dieser Moment wird nicht immer mitgezählt. Ob dieser Moment als wirklich zweiter Moment im Prozeß der Wahrnehmung gezählt wird oder nicht, hängt davon ab, ob man der Geistfähigkeit eine Kontinuität zuschreibt oder nicht. Zu diesem Thema gibt es zwei Ansichten:

Einige sagen, die Geistfähigkeit hat eine Kontinuität. In diesem Fall erfüllt die Geistfähigkeit zwei Funktionen. Erstens erfüllt sie die Funktion, daß sie das Bewußtsein, das durch das Medium des Geistes allein erfolgt, auslöst und zweitens erfüllt sie die Funktion, den nächsten Moment des Bewußtseins, das durch die Sinnesfähigkeiten erfolgt, auszulösen. Laut dieser Annahme, wird das Erkennen auf Basis der Geistfähigkeit nicht als zweites Moment gezählt, weil es einfach in diesem fortlaufenden Geiststrom besteht.

Einige sagen, sie hat keine Kontinuität, weil sie nur in einem Moment besteht, nämlich als Bindeglied und darauf sofort das Geist-Bewußtsein selbst erfolgt:

In diesem Fall ist jener Moment in der Wahrnehmung, in dem das Bewußtsein auf Grundlage der Geistfähigkeit direkt und klar, also konzeptfrei wahrnimmt, die zweite Art von direktem, klaren Erkennen.

c) Direktes, klares Erkennens durch Eigen-Bewußtheit:

Unabhängig davon, ob wir jetzt vom direkten klaren Erkennen sprechen, das durch das Medium der Sinne erfolgt, oder vom direkten klaren Erkennen, das unmittelbar durch den Geist erfolgt - das eigentliche Wesen dieser Momente ist Erleben. Es ist Erleben, das frei von Konzepten, frei von Täuschungen, frei von Fehlern ist, weil es direkt und klar ist. Und die­ses Erleben als solches nennt sich Eigen-Bewußtheit oder Bewußtheit, die sich ihrer selbst bewußt ist.

Eigen-Bewußtheit wird auch als die innere Facette jedes Wahrnehmungsmoments bezeichnet. Dies steht dann im Gegensatz zur nach außen gerichteten Facette, wo das Bewußtsein auf ein Objekt ausgerichtet ist.

d) Direktes, klares Erkennen der Leerheit (= das eines Yogi): Dieses besteht darin, daß Leerheit direkt und unmittelbar erfahren wird.

Das also sind die vier Arten von direktem, klarem, von Konzepten freiem Erkennen.

2. Schlußfolgerndes Erkennen:

Dies bezieht sich auf jene Momente des Erkennens, in denen man mit Hilfe von Schlußfolgerungen Sachverhalte richtig erkennt. Diese Bewußtseinszustände sind konzepthaft, das heißt, die konkreten Phänomene werden nicht direkt erfaßt.

Das Erkennen ist richtig, wenn die Schlußfolgerungen stimmig sind, aber dennoch unterliegt der Geist einer gewissen Täuschung, weil er mit Hilfe von Konzepten funktioniert.

(aus dem Tibetischen von Tina Draszczyk)


Khenpo Tschödrag Rinpoche

erhielt seine Ausbildung unter der direkten Leitung des 16. Gyalwa Karmapa. Er lehrte zehn Jahre als einer der Hauptlehrer am Nalanda-Institut in Rumtek/Sikkim. Zur Zeit ist er zusammen mit Topga Rinpoche maßgeblich für den Unterricht am Karmapa International Buddhist Institute, KIBI, in New Delhi zuständig, sowie für die Ausbildung des 17. Karmapa Thaye Dorje.

Die hier abgedruckte Belehrung  gab er im Sommer 1995 in Dhagpo Kagyü Ling/ Südfrankreich im Rahmen des 5-jährigen Kurses "Buddhismus - ein Lehrgang für buddhistische Philosophie in Europa.