Aus: Buddhismus Heute Nr. 60, (Winter 2019)

Karma – Fragen und Antworten

Künzig Shamar Rinpoche

Gilt das Karma-System für alle fühlenden Wesen oder nur für Buddhisten?
Karma ist einfach das, was im Geist aller fühlenden Wesen stattfindet. Jedes fühlende Wesen hat einen Geist und in jedem Geist liegen viele selbst erzeugte Karmas. Jedes davon wird heranreifen und als verschiedene Illusionen erlebt werden.
In diesem Sinne kann man also nicht von einem "System" sprechen. Karma ist nicht von Menschen gemacht, wie eine Religion oder ein politisches System, wie zum Beispiel eine Demokratie, eine Republik, der Kommunismus, Hinduismus, Buddhismus oder das Christentum. Es ist auch kein Rechtssystem, das verurteilt oder bestraft.

Ist es möglich, dass einige der großen nichtbuddhistischen Weisen in der Vergangenheit hochentwickelte und heilige Menschen waren? Vielleicht waren sie Bodhisattvas und frei von Karma, ohne es selbst zu wissen?
Deine Frage beruht auf der Idee, dass "Heilige" – weise Menschen – frei von Karma gewesen sein könnten. Aber solange der Geist noch in Illusion gefangen ist, ganz gleich ob man als ein "Heiliger" angesehen wird oder nicht, ist man nicht frei von Karma. "Heilig sein" ist ein religiöser Begriff, eine Vorstellung. Aber das Gesetz von Ursache und Wirkung – Karma – beruht aber nicht auf religiösen Vorstellungen.
Es scheint auch so, als wäre Karma zu haben etwas Schlechtes in deinen Augen. Vielleicht denkst du, dass ein "Heiliger" frei von Karma im Sinne von "frei von Strafe" sei. Es geht aber nicht um Bestrafung. Karma ist etwas ganz Individuelles und kann positiv oder negativ sein. Karmische Gedanken reifen im Geist der Unwissenheit heran und führen zu Illusionen. Diese Gedanken werden nicht von einem Richter, einem Boss oder einem König beurteilt. Karma ist kein Urteilsspruch einer höheren Autorität. Wenn Karma reif wird, entsteht einfach eine Illusion. Wesen in Samsara haben Karma, ob sie Buddhisten sind oder nicht. Unser Karma ist das, was uns im Moment ausmacht.

Meine Frage war anders gemeint. Wenn jemand Verwirklichung erlangen würde, ohne je etwas über Buddhismus zu hören, könnte er dann frei von Karma sein? Vielleicht wäre er als christlicher Heiliger ja auch zugleich ein Bodhisattva.
Ja, das ist möglich. Man muss nicht Buddhist sein, um sich vom Karma befreien zu können. Auch wenn der Wunsch eines Bodhisattvas wahr wird, so wie in dem Beispiel mit dem guten Fisch, der im Ozean den anderen Fischen hilft, geschieht das einfach, unabhängig davon, ob wir es Buddhismus nennen oder nicht.

Karma ist eine Illusion. Ob man angenehme oder unangenehme Illusionen erfährt, hängt nicht davon ab, welcher Religion man angehört, sondern vom eigenen Geist. Karma wird vom eigenen Geist erfahren, und deshalb solltest du wissen, was richtig und was falsch ist. Dann kann man Probleme im eigenen Geist selbst beheben. Wie würde man es nennen, wenn man das gelernt hat? Eine Religion, eine Art von Ausbildung? Man lernt, sich selbst zu korrigieren und sich zu verbessern. Das ist alles. Man könnte es Religion nennen oder auch einfach nur Information. Der Schlüssel ist, dass man lernt, wie man an sich arbeiten, sich korrigieren und verbessern kann.
Wenn man auf dem Weg zur Erleuchtung ist, dann ist der Geist bereits schon sehr rein. Man könnte das auch "heilig", "positiv", "gut", "am höchsten" oder mit einem anderen positiven Ausdruck benennen.
Nehmen wir einmal an, ich hätte eine sehr böse und hasserfüllte Einstellung gegenüber anderen Wesen. Eine bestimmte karmische Ursache hätte mich zum Beispiel zu einem sehr bösartigen Tier werden lassen, das Menschen und Tiere tötet, zum Beispiel zu einem Krokodil. Man könnte mich sogar Mara1 nennen. Das wäre aber nur ein Etikett, eine Zuschreibung, nur Worte. Es würde nichts an der Tatsache ändern, dass ich ein Krokodil wäre. Ob man das "böse" nennt, oder ob man sagt, ich sei ein "Monster" – ich wäre doch weiterhin einfach nur ein Krokodil.
Jetzt nehmen wir mal das Gegenteil an, nämlich, dass ich eine gute Einstellung gegenüber anderen Wesen hätte. Ich hätte Bodhicitta, hätte viel Gutes aufgebaut und wäre nun ein Buddha geworden, was bedeutet, dass ich vielen Wesen helfen könnte.
Es ist möglich, dass es ein Krokodil gibt, das den Wesen schadet. Genauso kann es auch ein Wesen geben, das ihnen nutzt. Das ist die Natur der Dinge. Wenn Wesen durch andere Wesen Schaden erfahren können, ist es auch möglich, dass sie Hilfe bekommen können. Auch das ist natürlich.
Wie nennen wir jemanden, der uns beisteht und uns hilft – einen Helfer? Man könnte ihn auch "Gott" oder "Arzt" nennen. Wie man sie auch nennt, es wäre doch einfach eine Person, die einem hilft. So ist es auch bei den Bodhisattvas und Buddhas: Sie sind nicht von einem religiösen oder politischen System abhängig oder darin gefangen. Ob man Hilfe erfährt oder ob einem Schaden zugefügt wird: Es ist die Natur der Dinge.

Kann man sein gegenwärtiges Karma verändern?
Man kann die schwächeren Karmas ändern, aber starke Karmas sind zunächst einmal festgelegt. Wenn man zum Beispiel jetzt als ein Mensch geboren ist, kann man das nicht einfach ändern und ein Gott werden. Erst wenn das derzeitige Leben zu Ende ist, kann man in eine andere Form wechseln.
Positive Karmas können negative Karmas entfernen. Deswegen sind positive Gedanken so wichtig. Sie sind das Gegenmittel gegen negative Gedanken. Bodhicitta – der Erleuchungsgeist – zum Beispiel entsteht durch starke positive karmische Gedanken, ebenso wie Hingabe zu den Buddhas und Bodhisattvas, die so viele gute Wünsche für alle Wesen gemacht haben. Der Verdienst, der aus dieser Hingabe entsteht, macht es möglich, dass ihre Wünsche uns erreichen. Anders gesagt: Hingabe gegenüber den erleuchteten Qualitäten erzeugt eine Verbindung, die es ermöglicht, dass einen die Wünsche der Buddhas und Bodhisattvas berühren und so für uns wahr werden können.
In gleicher Weise ist es aber auch möglich, dass man von jemandem verletzt wird, wenn derjenige es will und man eine entsprechende karmische Verbindung mit ihm hat. Wenn er es wirklich darauf anlegt, einen zu töten, wird es dann geschehen. Das eigene schlechte Karma macht einen dafür verwundbar. Pol Pot hat zum Beispiel drei Millionen Menschen in Kambodscha getötet. Uns konnte er nicht töten, da wir nicht die karmische Ursache dafür hatten, seine Opfer zu werden. Diejenigen, die er tötete, hatten jedoch diese karmische Verbindung dafür, von ihm geschädigt zu werden. Bedingt durch sein früheres Karma, erfüllte Pol Pot seine bösen Wünsche.

Etwas stark zu bedauern, ist ein kraftvoller Gedanke, der negatives Karma abschwächen kann. Es sind hier nicht emotionale Reuegefühle gemeint, sondern es geht darum, dass es einem wirklich leid tut, negativ gehandelt zu haben. Man kann dann auch bestimmte Übungen verwenden, bei denen man sich auf dieses negative Karma einstellt, um es zu reinigen.
Bodhicitta, Hingabe und starkes Bereuen sind drei Methoden auf relativer Ebene, um Karma zu reinigen. Die kraftvollste Methode überhaupt ist aber die absolute Ebene: Das direkte Erkennen der leeren Natur von Karma. Das ist das effektivste Mittel um Karma zu reinigen, aber es ist nicht so leicht, denn man muss dafür Weisheit entwickeln.
Wenn wir in unserem jetzigen Leben all diese Mittel anwenden, können wir negative Karmas aus früheren Leben in sehr kurzer Zeit nicht nur erheblich abschwächen, sondern sogar völlig entfernen. Aber auch wenn uns das jetzt noch nicht vollständig gelingt, kann man sie doch soweit schwächen, dass sie zunächst nicht heranreifen können. In der Zwischenzeit meditiert man weiter, bis man Erleuchtung erlangt hat, und dann lösen sich die schlechten Karmas völlig auf.

Es ist sehr effektiv, die beiden beschriebenen Methoden – auf relativer und auf absoluter Ebene – zu kombinieren. Mit Hilfe der ersten erzeugt man positives Karma und blockiert so das Heranreifen schlechter Karmas, um nicht all unsere guten Bedingungen wieder zu verlieren. Das positive Karma schwächt unser negatives Karma und bringt viele gute Resultate.
Für die zweite Methode – das Erkennen der leeren Natur von Karma – brauchen wir Meditation. Während unser schlechtes Karma durch unser gutes Karma abgebaut wird, meditiert man, damit im Geist Weisheit entsteht. Durch sie löst sich dann jede Illusion auf. So führt die Kombination der beiden Methoden zur Erleuchtung.

Der stärkste positive Gedanke, der in einem entstehen kann, ist Bodhicitta, und der stärkste negative Gedanke ist Selbstsucht. Eine selbstsüchtige Haltung gepaart mit Zorn schafft sehr starkes schlechtes Karma. Wenn man weniger an sich selbst anhaftet, ist auch der Zorn schwächer.

Karma findet im Raum der Unwissenheit statt, und wenn diese sich aufgelöst hat, verschwindet natürlicherweise auch alles Karma. Dieses Gesetz von Karma wurde nicht von den buddhistischen Lehrern für euch eingeführt, es liegt in der Natur aller fühlenden Wesen. Karma ist einfach die Natur der Dinge, wenn man in Unwissenheit ist. Es ist auch sinnlos, sich irgendetwas schönzureden, wenn es das eigentlich gar nicht ist. Wenn diese Natur von Karma negativ ist, muss man nicht alles mögliche Nette über sie sagen. Bei Wahlen denken manche Menschen über einen Kandidaten: "Ich werde ihn wählen, denn ich habe nichts gegen ihn und ich will daran glauben, dass er ein guter Mann ist." Wenn dieser Kandidat aber eigentlich schlecht ist, macht so eine Denkweise ihn nicht zu einem guten Mann. Es ist naiv, einfach nur zu glauben, dass jemand oder etwas gut sei.

Die wahre Natur des Geistes ist einfach wie sie ist, und man sollte danach streben, sie genau zu verstehen. Die Gedanken über die Vier Edlen Wahrheiten verdeutlichen das: Bei der ersten, der "Wahrheit vom Leiden" geht es um diese Natur, und deshalb gibt es die Lehren über das Leiden. Auch die Ursache des Leidens ist Teil der Natur, und deswegen gibt es die "Wahrheit der Ursache des Leidens". Das Gegenmittel entspricht der Natur der Ursache des Leidens, und deswegen gibt es die "Wahrheit des Weges". Die "Wahrheit vom Aufhören des Leidens" gibt es, weil Erleuchtung das natürliche Resultat der "Wahrheit des Weges" ist. Diese vier der Natur entsprechenden Wahrheiten wurden von Buddha oder einem anderen Lehrer nicht erfunden, um den Leuten – wie mit einem Film – etwas Interessantes vorzusetzen.

Welche Rolle spielt die Diamantgeist-Praxis für Karma?
Sie ist sehr kraftvoll und dient vor allem dazu, gebrochene Vajrayana-Versprechen (skt. Samayas) und subtileres negatives Karma zu reinigen.
Ein Beispiel für ein gebrochenes Versprechen ist, wenn man eine Praxis angefangen und dabei ein Versprechen für die Entwicklung des Erleuchtungsgeistes im eigenen Geist gemacht hat. Wenn man nun später seine Haltung ändert und denkt: "Ich will eigentlich gar kein Bodhisattva mehr sein, sondern lieber anderen Wesen schaden", erzeugt das sehr negatives Karma. Es kommt vor, dass Menschen das tun, und die Diamantgeist-Praxis ist besonders effektiv darin, solche gebrochenen Versprechen wieder zu reinigen.

Ich wollte heute das Bodhisattva-Versprechen ablegen, bin jetzt aber verunsichert. Kann ich mir überhaupt selbst vertrauen? Ich kenne ja nicht mal die Konsequenzen von all dem, was ich in diesem Leben getan habe, ganz zu schweigen von den früheren Leben.
Natürlich kannst du dir vertrauen! Zuerst einmal bist du als Mensch geboren. Zweitens hast du gute Sinnesfähigkeiten, kannst also alles, worauf du dich einstellst, richtig verstehen. Drittens stehst du in Verbindung mit den Lehren Buddhas. Du hast nicht nur verstanden, worum es bei dem Bodhisattva-Versprechen geht, sondern auch was Bodhicitta ist, wie man es entwickelt und bewahrt. Das ist die Chance etwas zu verstehen. Es gibt keinerlei Grund dafür, an sich selbst zu zweifeln, wenn man mit so viel gutem Potenzial ausgestattet ist. Wenn du das Bodhisattva-Versprechen abgelegt hast, wirst du dich mit den verschiedenen geschickten Methoden sanft weiterentwickeln. Es geht dabei gar nicht darum, dass man sofort wie ein großer Bodhisattva sein muss.

Kann man die Illusion vollständig auflösen oder wird am Ende ein kleiner positiver Rest übrig bleiben?
Wenn die Buddha-Natur im Geist aufscheint, löst sich die Illusion vollständig auf, was aber nicht bedeutet, dass man in ein Koma fällt. Es hat aber eigentlich nicht viel Sinn, jetzt darüber zu spekulieren, was dann geschehen wird.

Wie kann man beurteilen, ob eine Illusion gut oder schlecht ist?

Du lebst jetzt in einer guten Illusion, denn du hast ein menschliches Leben. Es gibt durchaus verschiedene Arten von Menschenleben, aber deines ist gut, denn du bist geistig und körperlich gesund. Du bist zum Beispiel nicht als eine Spinne geboren worden, was eine schlechte Illusion wäre. Wenn du in der guten menschlichen Form aber nicht an dir arbeitest, um dich zu verbessern und Weisheit zu entwickeln, vergeht deine gute Illusion wieder.

Wie kannst du über die Getöteten in Kambodscha sagen, dass es ihre eigene Schuld war? Dass es ihr Fehler war, von Pol Pot getötet worden zu sein?
Wer von Pol Pot getötet wurde, hatte eine karmische Verbindung mit ihm. Es gibt andere Beispiele: In Tibet und in China wurden auch viele Menschen in den Gefängnissen getötet, weil sie eine karmische Verbindung mit Mao Tse Tung hatten. Dadurch konnten sie von ihm geschädigt werden.
Manche Tiere leben in schöner Umgebung ohne die Angst, geschlachtet zu werden. Andere hingegen werden geschlachtet. Der Grund dafür ist, dass sie unterschiedliche karmische Verbindungen haben. Auch wenn man zum Beispiel im Krieg getötet wird, ist das die Folge von schlechtem Karma.

Das alles sind einfach nur Beispiele, es ist keine Wertung darin. Es geht in diesen Beispielen nicht darum, dass wir die Beteiligten als gut oder schlecht beurteilen, sondern wir sollten im Verständnis dieser Dinge flexibel und achtsam sein. Ein buddhistischer Lehrer hat die Pflicht, den richtigen Weg zu zeigen, indem er sagt: "Dies ist richtig und jenes ist falsch!" Im Mittelalter durften Menschen nicht sagen, was sie dachten, aber heute gibt es Redefreiheit und die Freiheit alles zu wissen. Diese Freiheit solltet ihr nutzen, um herauszufinden was gut und was schlecht ist.
Ich suchte für meine Erklärungen nach einem Beispiel für jemanden, der schlechte Wünsche gemacht hat, der vielen Wesen schaden wollte. Es sollte jemand sein, den alle kennen, jemand aus unserer Zeit, den es auch wirklich gab. Man sollte in gleicher Weise eigentlich auch ein konkretes Beispiel für einen Bodhisattva nennen, der gute Wünsche gemacht hat, um Wesen von ihrem Leid zu befreien. Damit das Beispiel überzeugt, sollte auch er eine Person sein, die alle aus ihrem Leben oder der Geschichte kennen.

Pol Pot als negatives Beispiel ist gut geeignet, denn er war weltbekannt, er ist keine Märchenfigur. Jeder weiß heute, dass er ein schlechter Mensch war, der Millionen von Menschen auf dem Gewissen hat. Hätte es keine karmische Verbindung zwischen ihm und den getöteten Menschen gegeben, wäre Pol Pot aus buddhistischer Sicht gar nicht in diese Situation gekommen, so etwas anrichten zu können. Ohne seine bösen früheren Wünsche als Ursache hätte er dieses Ausmaß an Negativität nicht verwirklichen können.

Das gilt genauso für positive karmische Verbindungen: Auch diese beruhen auf früheren – aber eben guten – Wünschen. Wenn man hört: "Es gab einmal einen Bodhisattva, der viele Wesen vor den bösen Wünschen einer Person retten konnte", berührte einen das nicht besonders. Es klingt nach einem Märchen. Wenn man aber ein konkretes Beispiel hat, mit dem wir alle etwas anfangen können, ist das eine gute Belehrung und kann die Bedeutung von Karma und Verbindungen aufzeigen.

Das Entscheidende ist die Geisteshaltung. Es gibt zwei Ursachen dafür, dass die Buddhas und Bodhisattvas fühlende Wesen retten können: Auf der einen Seite ist es die Kraft ihres Erleuchtungsgeistes und ihrer guten Wünsche und auf der anderen der innere Reichtum der Wesen und ihre Verbindung zu den Wünschen der Bodhisattvas, also ihr positives Karma.
Es gibt aber eben auch negative Wesen, die den Wesen schaden können, die eine karmische Verbindung mit ihnen haben.

Heutzutage habt ihr hier in Deutschland Redefreiheit und könnt alles Mögliche sagen, ohne damit gegen das Gesetz zu gehen. Ihr habt auch die Freiheit, euch verschiedene Themen anzuhören, und wir nutzen diese gute Gelegenheit um über das Dharma zu sprechen. Reagiert aber bitte nicht so überempfindlich auf Worte oder auch nicht auf Regeln. Es gibt zum Beispiel Tisch-Etiketten, die vorschreiben, wie die Tasse, der Löffel, das Messer usw. platziert werden sollten. Es ist völlig in Ordnung, diesen Tisch-Sitten zu folgen. Wenn es euch aber wirklich stören würde, dass jemand sein Messer anders ablegt, dann stimmt etwas bei euch nicht. Ihr solltet euch über so etwas nicht aufregen, sondern solchen Sitten ganz entspannt und nicht überempfindlich folgen.
Ich war viel in Amerika und Europa und mir ging einmal durch den Kopf, dass die Hippies in manchen Dingen durchaus Recht hatten. Sie sind ja vor allem an den Drogen gescheitert, aber davon abgesehen hatten sie auch gute Ideen. Die Menschen im Westen waren damals in mancher Hinsicht übersensibel, es musste immer alles perfekt sein. Sie waren zum Beispiel schockiert, wenn jemand auch nur einen kleinen Fehler mit den Tisch-Sitten machte.
Versucht auch, dem Wortlaut nicht zu viel Bedeutung beizumessen. Im Buddhismus sagte man: "Die Bedeutung ist wichtig, nicht der Wortlaut". Ich habe dafür einmal das Bild verwendet: "Eine gute Bedeutung ist vergleichbar mit einer schönen Frau. Die Wortwahl wäre dann wie ihr Schmuck." Jemand aus dem Publikum wollte mich korrigieren: "Du solltest es so sagen: ‚Die gute Bedeutung ist wie eine schöne Frau oder wie ein schöner Mann‘, sonst bist du ein Sexist."
Er war völlig davon überzeugt. Wenn manche Menschen "schöne Frau" hören, halten sie das bereits für sexistisch. Für einen Buddhisten ist es ziemlich absurd, dass jemand so denken kann.
Mir wurde dadurch noch klarer, wie überempfindlich der Geist der Leute heutzutage im Westen geworden ist. Auch in asiatischen Kulturen sind die Menschen sehr sensibel, aber im Westen muss immer alles perfekt sein. Diese Empfindlichkeit führt zu vielen geistigen Problemen, und deswegen ist es wichtig, dass ihr versucht, in dieser Hinsicht etwas mehr Offenheit zu haben.

Der Buddha lehrte einmal als Antwort auf die vielen Fragen einer sehr schönen Frau ein Sutra. Einige Amerikaner würden, wenn dieses ins Englische übersetzt würde, den Buddha für einen Sexisten halten, denn im Laufe des Gespräches sprach der Buddha seine Schülerin durchgehend als "schöne Frau" an.
Man sollte wirklich nicht so überempfindlich mit Worten sein. Die Hippies haben zurecht solch ein neurotisches Denken durchbrechen wollen. Die frühindische Kultur war in dieser Hinsicht übrigens wundervoll: Die Menschen waren damals sehr entspannt und tolerant und man konnte ganz frei alles Mögliche aussprechen.

1 Im Buddhismus die Personifikation von all den Hindernissen, die einem von Erleuchtung abzuhalten versuchen.

Auszug aus Vorträgen in 2004, Bodhi Path Remetschwiel.

Aus dem Englischen

Teil 2 im nächsten Heft


Künzig Shamar Rinpoche
ist der zweithöchste Lehrer der Karma-Kagyü-Linie. Seine Inkarnationslinie stand von jeher in engster Verbindung mit derjenigen der Gyalwa Karmapas, so dass er auch zu dem Beinamen "Rothut-Karmapa" kam. Der letzte – der 14. Shamarpa – wurde 1952 geboren und starb 2014.

1959 verließ Shamar Rinpoche aufgrund der chinesischen Invasion sein Heimatland Tibet an der Seite des 16. Karmapa. Bis 1979 erhielt er im Kloster Rumtek in Sikkim sämtliche Belehrungen und Übertragungen der Kagyü-Linie vom 16. Karmapa.

Seitdem reiste er durch die ganze Welt und lehrte den Diamantweg-Buddhismus. Im März 1994 erkannte er offiziell Trinle Thaye Dorje als den 17. Gyalwa Karmapa an und leitete dessen Ausbildung.

1996 gründete er "Bodhi Path", eine Organisation von buddhistischen Zentren in Ost und West. Rinpoche ist Autor von verschiedenen Büchern wie zum Beispiel "Lojong – der buddhistische Weg zu Mitgefühl und Weisheit" und "A Golden Swan in Turbulent Waters".
www.shamarpa.org

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