Aus: Buddhismus Heute Nr. 59, (Frühjahr 2018)

Frauen im Buddhismus

Hannah Nydahl

1993 besuchten Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl "Casa Tibet" in Mexiko. Hannah gab dort einen Kurzvortrag über "Frauen im Buddhismus" und beantwortete die Fragen mexikanischer Frauen zu dem Thema.
Die wichtigste Lehre des Buddhismus ist, dass jedes einzelne Wesen die sogenannte Buddha-Natur hat, das Potenzial für Erleuchtung. Das bedeutet, dass das Wesen unseres Geistes bei allen gleich ist - ganz egal ob wir Männer, Frauen, Tiere oder Götter sind. Deswegen kann auch ich euch nicht wirklich sagen, wie man Buddhismus aus weiblicher Sicht betrachten könnte und halte es für das Beste, wenn ich hier vor allem eure Fragen dazu beantworte.
Die meisten buddhistischen Lehrer, die ihr bisher gesehen habt, waren wahrscheinlich Männer. In Tibet gab es zwar sowohl männliche als auch weibliche Lamas, aber die tibetischen Lehrer, die wir hier im Westen sehen, sind fast nur Männer. Deswegen wird sehr oft die Frage gestellt:  Buddhismus hat keine Regeln dafür und es ist keine Religion, in der Frauen nicht Lehrer werden könnten, wie man es von gewissen anderen Religionen kennt. Buddhismus besteht aus Methoden, die uns ermöglichen, unseren Geist zu verwirklichen, und wie das geschieht, ist völlig individuell.
Wer auch immer buddhistische Methoden benutzt, wird Ergebnisse erzielen. Die Unterschiede zwischen den vielen verschiedenen Arten von Methoden sind nicht so, dass es bestimmte Methoden für Männer und andere für Frauen gäbe. Die Unterschiede haben eher damit zu tun, welche Einstellung eine Person hat, und so muss jeder die Methode finden, die zu ihm oder ihr am besten passt. Im tibetischen Buddhismus haben wir das große Glück, dass wir die Möglichkeit haben, fast alle Methoden praktizieren zu können, die Buddha gegeben hat.
Ich denke, dass die meisten der hier Anwesenden Buddhisten sind und Zuflucht genommen haben. Einige von euch vielleicht vor langer Zeit, andere gerade erst gestern. Wenn man Zuflucht genommen hat, heißt das, dass man den Methoden, die Buddha gelehrt hat, folgen möchte. Das ist, was zählt.
Im Buddhismus geht es darum, diese Methoden in unser Leben einfließen zu lassen. Buddhismus ist nichts Abstraktes oder etwas ganz Verschiedenes von dem Leben, das wir führen. Er beinhaltet eine klare Entscheidung, dass wir unser Leben in sinnvoller Weise führen wollen, denn wir sehen die Situation der Welt, dass sie voller Probleme und schwierig ist. Wir verstehen, dass all diese Probleme mit uns selbst zu tun haben. Sie entstehen in den Wesen, die in dieser Welt leben. Wir entscheiden uns dann, etwas zu lernen, damit wir all den Wesen helfen können.
Die beste Weise, wie wir die Praxis in unser tägliches Leben einbinden können, ist, unserem Tag einen gewissen Rahmen zu geben. So beginnen wir morgens mit dem wirklich starken Wunsch, dass alles, was wir tun, anderen nutzen möge. Dann versuchen wir in unserer Arbeit, was auch immer es sein mag, wacher und uns unseres Geistes mehr bewusst zu sein. Wir gehen nicht nur mit allem, was in der Außenwelt geschieht, emotional auf und nieder, sondern versuchen, mehr Bewusstheit zu halten. Wenn wir die Gelegenheit dazu finden, üben wir die formelle Praxis, bei der wir uns hinsetzen und meditieren. Aber wichtig ist, dass wir immer die Bewusstheit halten.
Auf diesem Kurs hier1 wurden die Belehrungen über den Geist detailliert besprochen. Wenn ihr mich irgendetwas fragen möchtet, weil ich eine Frau bin und ihr denkt, dass ich etwas sagen könnte, das ihr sonst normalerweise nicht hören würdet, seid ihr willkommen.

Was ist deine Rolle als buddhistische Lehrerin?
Als Ole und ich heirateten, machten wir unsere Hochzeitsreise nach Nepal, wo wir dann unseren ersten Kontakt mit Buddhismus bekamen. Wir trafen den 16. Gyalwa Karmapa und sein Beispiel war so überzeugend, dass wir uns entschlossen, dazubleiben. Ole und ich durchliefen dann zusammen die Ausbildung. Wir blieben für einige Jahre dort, bekamen viele Belehrungen und praktizierten all die grundlegenden Übungen.
Eines Tages gingen wir wieder nach Rumtek, um unseren Lehrer, den 16. Karmapa, zu sehen - was wir so oft wie möglich taten. Da sagte er uns plötzlich, wir sollten zurück nach Europa gehen. Das war eine große Überraschung für uns, diese Möglichkeit hatten wir nicht im Geringsten in Betracht gezogen. Es war offensichtlich die Zeit, in der viele Menschen dafür bereit waren, mit dem Buddhismus in Verbindung zu treten.
Als wir nach Europa kamen, begann tatsächlich auch eine große Entwicklung. Am Anfang machten Ole und ich alles gemeinsam. Ole war immer der Hauptlehrer, natürlich, aber wir machten alles zusammen. Der 16. Karmapa hatte uns dann verschiedene Funktionen gegeben, denn Buddhismus war zu dieser Zeit etwas ganz Neues in Europa, und Karmapa schickte uns los, um die Menschen vorzubereiten und mit Buddhismus in Verbindung zu bringen. Danach schickte er einige seiner Lamas, und mir wurde dabei die Aufgabe zugeteilt, für sie zu übersetzen.
Unser Hintergrund und unsere Ausbildung sind also gleich, aber es entwickelte sich in der Weise, dass wir verschiedene Funktionen ausübten. Für die Verbreitung der Lehren wurde das eine sehr runde und gute Situation. Einerseits brauchen wir ja unsere Wurzeln, die direkte Übertragung der Linie. Zugleich aber wäre es ohne jemanden wie Ole nicht möglich gewesen, diese Brücke zu schlagen. So wurden also Ole zum Lama, zum Lehrer, und ich zur Übersetzerin. Das Thema heute ist ja "Frauen und Buddhismus", und ich werde manchmal gefragt, warum es so wenig weibliche Lehrer gibt. Ich sage dazu immer, dass es offensichtlich nicht so viele Frauen gibt, die das sein wollen.

Welche Form buddhistischer Praxis würdest du Frauen anraten, die sehr eingespannt sind mit ihren Familien?
Es hat damit zu tun, worüber ich gerade sprach: Buddhismus ist etwas, das man lebt und es sollte wirklich Teil des Lebens sein. Aus diesem Grunde ist es überhaupt kein Hindernis, wenn man eine mit der Familie beschäftigte Frau ist. Man kann auch in solch einer Situation sehr gut praktizieren.
Man versucht, seinem Leben diesen bereits erwähnten Rahmen zu geben, indem man morgens ganz bewusst damit beginnt, starke Wünsche zu machen. Wir mögen denken, dass das nicht so wichtig sei, aber tatsächlich sind Wünsche sogar sehr wichtig, denn sie geben uns die Kraft dazu, etwas zu tun.
Wenn ihr in ganz natürlicher Weise allgemein allen Wesen die Erleuchtung als höchstes Glück wünscht, gibt das dem Leben eine Perspektive. Es wird alles beeinflussen, was ihr tut - ob ihr mit den Kindern seid, dem Ehemann, den Freunden ... Dieser ernsthafte Wunsch wird als etwas Positives zum Tragen kommen. Wenn man zum Beispiel in einen Konflikt gerät, wird es einem helfen, nicht völlig darin verwickelt zu werden, denn man nimmt die Dinge dann nicht mehr so persönlich. Es wird einem auch ermöglichen, mehr von sich selbst zu geben, was wiederum die Menschen, mit denen wir zu tun haben, beeinflusst.
Eine klassische buddhistische Methode, um Mitgefühl zu entwickeln, ist, dass man an die eigene Mutter als die Person denkt, der man am meisten dankbar sein sollte. Man liebt alle Wesen, so wie eine Mutter ihr einziges Kind liebt. Der Grund für dieses Beispiel ist, dass darin ein sehr großes positives Potenzial enthalten ist. Das ist etwas, was man entwickeln kann.
Auch wenn man es nicht jeden Tag schafft, stundenlang zu meditieren, so kann man doch immer einmal 10 oder 15 Minuten während des Tages finden. Versucht, mit einer einfachen Praxis wie der Meditation auf den 16. Karmapa, oder was ihr sonst mögt, vielleicht auf "Liebevolle Augen", zu arbeiten. Es sollte etwas sein, was ihr mögt. Versucht dann, diese Übung jeden Tag zu machen, auch wenn es nur ganz kurz ist. Ihr werdet feststellen, dass diese Gewohnheit euch eine Art innerer Kraft gibt. Es wird euch helfen, eure Bewusstheit zu bewahren und geistesgegenwärtiger zu sein.
Um Bewusstheit zu üben, ist es hilfreich, zumindest ein bisschen Meditation im Sitzen zu praktizieren, denn normalerweise ist der Geist die ganze Zeit über sehr abgelenkt und diese Gewohnheit ist sehr stark. Um sie zu ändern, hilft es uns, dass all diese kleinen Zeiten des Sitzens während des Tages uns stark machen. Manchmal hat man dann vielleicht auch mehr Zeit und kann etwas länger sitzen.
Mantras zu rezitieren ist auch sehr gut, das kann man in jeder Situation tun - wenn man kocht, arbeitet, geht, sich unterhält. Ihr könnt Karmapa Chenno, Om Mani Peme Hung oder was auch immer euch liegt, verwenden.

Kannst du etwas über Kinder und buddhistische Praxis sagen?
Wenn man ein Kind hat, sieht man die Möglichkeit, die man einem anderen Wesen geben kann, bestenfalls die Entwicklung zur Erleuchtung. Natürlich kann man ein anderes Wesen nicht zu einer bestimmten Aufgabe zwingen, aber man kann dabei mithelfen, die Bedingungen dafür zusammenzubringen, damit sich ein Wesen in bestimmter Weise entwickeln kann.
Im Buddhismus wird es so gesehen, dass ein Neugeborenes kein Wesen ist, das uns "gehört". Es ist ein völlig eigenständiges Wesen mit seinem eigenen Karma. Der Grund dafür, dass es bei uns geboren wurde, ist, dass eine Verbindung besteht. Diese kann sehr positiv sein, oder negativ oder gemischt. Es ist gut, sich dessen immer bewusst zu sein, auch wenn man alles, was man nur tun kann, für ein Kind tut, so weiß man doch nie... Wenn das Kind sich plötzlich ganz anders entwickelt, als man erhofft hat, kann dieses Verständnis helfen und es gibt weniger Konflikte.
Durch die Praxis, die guten Wünsche und das Geistestraining, wird man eine mentale Kraft entwickeln, die einem in jeder Situation hilft und stärker macht. Man wird nicht das Gefühl haben, dass man weniger Energie hätte wegen der Kinder. Warum sollten sie ein Hindernis sein?
Ich selbst habe ja keine Kinder, und deswegen ist es für mich vielleicht leicht, so zu reden... Ich habe keine Kinder, weil Ole und ich eine Entscheidung treffen mussten. Als wir vom 16. Karmapa diese Aufgaben bekamen, die ich gerade erwähnte, mussten wir uns entscheiden, ob wir eigene Kinder oder viele Schüler haben wollten. Das war mein eigener Lebensweg, aber wenn jemand Familie und Kinder hat oder gerne Kinder haben möchte, dann ist das natürlich eine Verantwortung. Das bedeutet auch, dass man vielleicht nur so viele Kinder haben sollte, wie man unterstützen kann. Wenn man sie hat, dann ist es unsere Praxis, ihnen zu helfen. Kinder zu haben ist dann auch kein Hindernis, sondern Dharma-Praxis. Wenn man es für ein Hindernis hält, entfernt man sich tatsächlich vom Dharma.

Was ist der karmische Unterschied zwischen Männern und Frauen?
Offensichtlich ist es verschiedenes Karma. Aber sobald man sich entschieden hat zu praktizieren, spielt das keine Rolle mehr. Unsere Methoden helfen jedem, schlechtes Karma zu reinigen. Was es im Einzelnen ist, spielt keine besondere Rolle, denn die Wurzel unseres Problems ist die Unwissenheit und all die Störgefühle, die aus ihr entstehen. Damit arbeiten wir, und in unserer Praxis reinigen und transformieren wir es. Das ist bei allen gleich, ob Mann oder Frau.

Was hat es mit männlichen und weiblichen Buddha-Aspekten auf sich?
Das ist etwas verwirrend, weil es sowohl das Absolute als auch das Relative beinhaltet. Die verschiedenen männlichen und weiblichen Buddha-Aspekte symbolisieren verschiedene Qualitäten in unserem Geist. Die Qualitäten, die sie vertreten, finden sich sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Es ist nicht so, dass die weiblichen Buddhas für die Frauen da wären und die männlichen für die Männer. Die weiblichen Buddhas stehen für die Leerheit des Geistes bzw. für seine Weisheit. Die männlichen Buddhas stehen für die Aktivität, die Methoden und die Freude. Im Wesen unseres Geistes, das wir alle haben, sind beide Qualitäten untrennbar.
Wenn wir auf die verschiedenen Buddhas meditieren, ist das eine sehr effiziente Methode, um diese schon in unserem Geist liegenden Qualitäten hervorzubringen. Es sind einige der geschicktesten Methoden, die Buddha gegeben hat. Alles, was man an den Buddha-Aspekten sieht - ihre verschiedenen Ornamente, wie sie ihre Hände halten, wie sie sitzen usw., ist Ausdruck von innewohnenden Qualitäten unseres Geistes. Wenn wir uns damit identifizieren, hilft das, diese Qualitäten in uns zum Vorschein zu bringen.
Man kann sagen, dass das Weibliche für Weisheit steht und das Männliche für Freude. Wenn man sich mit einem Buddha-Aspekt völlig identifizieren kann, ganz gleich ob es ein männlicher oder ein weiblicher ist, dann verwirklicht man damit die Ganzheit.

Sollten weibliche Praktizierende eine Praxis auf einen Buddha-Aspekt aufgrund bestimmter Attribute oder seines Geschlechtes auswählen?
Das ist ganz individuell. Man könnte denken, dass viele Frauen es leicht hätten, sich mit der Tara zu identifizieren, denn sie ist der weibliche Ausdruck von Mitgefühl und Schutz, aber das ist nicht immer so. Eine Frau kann auch mit einem ganz anderen Yidam, wie die Buddha-Aspekte auf Tibetisch heißen, arbeiten. Es gibt keine festen Regeln dafür und es ist individuell. Wenn es einen Buddha-Aspekt gibt, den man natürlicherweise sehr mag und der sich sehr vertraut anfühlt, kann man mit seinem Lehrer, wenn man einen hat, darüber sprechen. Es kann ein Zeichen sein, dass es gut wäre, das zu praktizieren. Aber wenn man keine spezielle Verbindung zu einem bestimmten Buddha-Aspekt hat, wartet man und macht, wenn man die Zeit dafür hat, allgemeine Praktiken.
Vielleicht kann man auch sehr viel auf "Liebevolle Augen" meditieren, was hilft, unser Mitgefühl zu entwickeln. Wenn man später eine konzentriertere Praxis machen möchte, fragt man seinen Lehrer, ob er einen bestimmten Buddha-Aspekt als nützlich empfiehlt. Im Allgemeinen folgt man dem, womit man sich vertraut fühlt. All die Buddha-Aspekte gleichen sich insofern, dass sie alle wie ein Schlüssel zum eigenen Geist sind. Je besser man sich damit identifizieren kann, umso schneller kommt man zu einer Erfahrung vom Geist.
Wichtig ist hier auch, sich der Bedeutung des Lamas zu erinnern. Auch wenn man auf "Liebevolle Augen" oder "Befreierin" meditiert, so sind sie einfach eine andere Form des Lamas, nicht verschieden von ihm. Seht sie nicht als etwas Getrenntes vom Lama, sondern einfach als einen anderen Weg, den Geist zu verstehen.

Was sollen wir tun, wenn wir einen Partner haben, der nicht Buddhist ist und uns an der Praxis hindern will?
Das kommt überall vor, nicht nur hier in Mexiko. Ich denke, dass es das Beste ist, ein gutes Beispiel zu sein. Natürlich ist es ideal, wenn beide Partner das gleiche Interesse am Buddhismus haben. Wenn das aber nicht der Fall ist und nur einer der beiden Buddhist ist, sei es nun der Mann oder die Frau, muss man einfach versuchen, ein guter Buddhist zu sein. Man sollte nicht versuchen, den anderen davon zu überzeugen, dass er auch diesem Weg folgen soll. Versucht so gut es geht zu lernen und zu praktizieren, und wenn der andere dann anfängt, Fragen zu stellen oder mehr wissen will, kann man etwas erklären. Wenn der andere gar nicht will, dass man praktiziert, ist das natürlich schwierig. Man wird Geduld üben müssen und man sollte versuchen, Streit darüber zu vermeiden. Man kann nicht wirklich über diese Themen streiten.

Kann man heimlich praktizieren, wenn der andere oder die Familie es nicht mag?
Man kann Buddhist sein, ohne dass irgendjemand es einem ansieht. Insofern werden solche Situationen einen nicht von der Praxis abhalten können. Natürlich wäre es schön, wenn man etwas gemeinsam hat und wenn Buddhismus nicht etwas ist, worüber man kämpfen muss, aber für die eigene Entwicklung ist es nicht unbedingt nötig. Denkt daran, dass es wichtig ist, den anderen zu respektieren. Man muss auch respektieren, dass jemand eine andere Sicht hat.

Wie wählt man im Leben einen spirituellen Weg? Ist es gut, das in Momenten von Schwierigkeiten oder Lebenskrisen zu tun?
Wie man einen Weg findet, ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Manche haben schon eine alte starke Verbindung zu einem bestimmten Weg, und wenn sie diesem begegnen, gibt es keinerlei Zweifel. In diesem Fall hat man vielleicht schon in früheren Leben mit den Praktiken gearbeitet.
Wenn man es nicht so erlebt, muss man sich ein bisschen umschauen und sehen, wo man eine Verbindung eingehen kann. Dafür sollte man für sich selbst Klarheit darüber haben, was man wirklich will. Sucht man zum Beispiel nur etwas für sich selbst oder will man etwas lernen, um anderen zu helfen?
Die verschiedenen spirituellen Pfade oder Religionen betonen unterschiedliche Dinge. Wenn ihr euch schon umgeschaut habt, aber bisher noch nicht wirklich mit etwas in Verbindung treten konntet, so ist das ziemlich normal, wenn ihr in schwierigen Zeiten gesucht habt. Versucht die Tatsache zu sehen und darüber nachzudenken, dass ihr nicht die einzigen seid, die Problemen haben - jeder hat Probleme. Dreht es etwas in diese Richtung, macht es größer, bringt es in die richtige Perspektive. Dann schaut einmal, ob es nicht etwas gibt, das nicht nur euch hilft, sondern allen.

Wie hast du dich für den Buddhismus entschieden?
In meinem Fall muss da eine Verbindung von früher gewesen sein. Schon seit meiner Kindheit hatte ich viele Fragen. Ich komme aus Dänemark, eigentlich kein sehr religiöses Land. Es ist christlich, aber dänischer Protestantismus ist nicht besonders überzeugend. Ich hatte viele Fragen zu vielen Dingen - über die Welt und was wir alle hier tun und ich fand nie befriedigende Antworten. Ich habe auch nie an einen Schöpfergott geglaubt, denn das war mir unverständlich.
Als ich zum ersten Mal etwas über Buddhismus las, war das ein Text2 eines Lehrers namens Gampopa. Er erklärte zu Anfang relative, alltägliche Lehren und ging dann bis hin zu den höchsten Vajrayana-Belehrungen, der absoluten Ebene. Da wurden auf einmal all meine Fragen beantwortet und es war die glücklichste Zeit meines Lebens.

Was denkst du, wer dich erschaffen hat?
Wer mich erschaffen hat? Ich habe mich selbst erschaffen. Alles, was man tut, sagt und denkt, hinterlässt Eindrücke im Geist. Ich denke, dass wir schon viele, viele Male gelebt haben und dass all diese Eindrücke eine Form annehmen. Das ist es, was ich bin, was ihr seid, was jeder ist - wir entsprechen den Eindrücken in unserem Geist.

Wie hat der Geist angefangen? Hat er einen Anfang oder ein Ende?
Der absolute Geist, der wahre Geist, der reine Geist, ist ohne Anfang und Ende. Im Buddhismus sagen wir, dass man ein Buddha ist, wenn man diesen reinen Geist verwirklicht hat. Wenn nicht, dann ist man ein gewöhnliches Wesen. Das ist der einzige Unterschied zwischen Buddhas und normalen Wesen. Bei dem ganzen buddhistischen Weg geht es darum, die Methoden zu nutzen, die uns helfen, das zu entfernen, was uns jetzt daran hindert, den eigenen Geist zu erkennen.

Ich arbeite in einem Krankenhaus mit schwierigen pubertierenden Jugendlichen. Deswegen habe ich ein Problem damit, mir die Dakinis oder Bodhisattvas als jung vorzustellen. Was tun?
Es kommt drauf an, wie stark die geistigen Gewohnheiten sind. Wenn sie bei dir sehr stark sind, ist es nicht so leicht für dich, sie zu transformieren, aber das macht nichts. Wichtig ist, dass wir in unserer Praxis versuchen, so gut wir können, genau den Anweisungen zu folgen. Wir verstehen, dass es eine Methode ist und versuchen nicht zu denken, dass sie so oder so sein müsste. Wenn es gut läuft u nd m an d as s chafft, i st m an froh. Wenn man es nicht so gut kann, denkt man vielleicht, man würde es falsch machen. Was wir stattdessen tun sollten, ist, unseren Geist zu trainieren, natürlich zu sein und nicht an allem anzuhaften, was im Geist erscheint. Wenn es nicht so gut läuft, dann denkt nicht "Ich kann es nicht und das ist schlecht", sondern versucht, innerlich immer und immer wieder einfach neutral zu bleiben.

Wie kann ich meinen Sohn dazu bringen, Konzentration und Bewusstheit zu entwickeln?
Ein gutes Beispiel zu sein ist das Wichtigste. Wenn du ihm gute Qualitäten zeigen kannst, wird er sie natürlicherweise übernehmen wollen und zuhören, wenn du darüber sprichst. Wenn du aber etwas sagst und ganz anders handelst, wird das kein besonders gutes Resultat bringen.
Erwarte auch nicht, dass das immer funktioniert, dein Kind könnte auch ein ganz anderes Karma haben. Es könnte zum Beispiel Tendenzen mitbringen, die schwierig sind. Gib ihm genug Vertrauen mit, damit es, wenn es später im Leben einmal Probleme hat, zu dir kommt.

Welche Meditation würdest du für Kinder empfehlen?
Mantras sagen, wenn sie das mögen. Viele Dharma-Freunde stellen fest, dass ihre Kinder natürlicherweise gerne kommen und sich dazusetzen. Sie haben nicht gelernt, wie man meditiert, mögen es aber.
Du kannst nicht so viel tun. Sei einfach gut zu ihnen und versuche, ihnen eine Führung im Leben zu geben in der Hoffnung, dass sie ihren Weg finden. Bring ihnen die grundlegenden menschlichen Qualitäten des Lebens bei. Man findet sie in vielen Religionen in der Welt - Werte wie Mitgefühl, Geduld und Großzügigkeit sind alle positiv. Du kannst immer versuchen, sie zu inspirieren und sie zu entwickeln.

Was ist die Rolle der weiblichen Praktizierenden in europäischen Ländern?
Es ist von Land zu Land verschieden, im Allgemeinen gibt es aber viele weibliche Praktizierende im Westen. In Europa zum Beispiel sind es oft Frauen, die die Zentren am Laufen halten. Es gibt aber auch Stellen mit sehr vielen Männern. Norwegen ist interessant, da sind zurzeit fast nur Männer im Zentrum. In Russland ist es sehr ausgewogen. Ich denke, dass es auch mit dem kulturellen Hintergrund zu tun hat.

Kann es zu zunehmendem Stolz und einer Verstärkung des Egos führen, wenn man sich in Meditation immer wieder mit einem Buddha-Aspekt identifiziert?
Ein Buddha-Aspekt hat kein Ego. Wenn man sich damit identifiziert, ist das ein sehr geschicktes Mittel, um das eigene Ego loszuwerden. Das zu verstehen ist ganz wichtig, darum dreht sich alles. Je mehr man sich mit dieser perfekten Form identifizieren kann, die tatsächlich deine wahre Natur ist, umso weniger Ego wird man haben. Ein Buddha ist nicht zornig, nicht eifersüchtig, nicht stolz. Je mehr man sich mit diesen reinen Formen identifiziert, umso weniger wird man diese Störgefühle haben.
Du hast das Wort Stolz genannt, hier hat man eine aber ganz andere Art von Stolz, nicht den normalen. Es ist vielmehr Identifikation, denn worum es geht ist, dass man durch die Identifikation mit dieser äußeren Form untrennbar von ihr wird. In dieser Weise erkennt man seine eigene reine Form, die ohne jegliche Störgefühle und ohne Ego ist.

Lama Ole:
Ich möchte nur ergänzen, dass es zwei Arten von Stolz gibt, den einschließenden und den ausschließenden Stolz. Letzterer sagt: "Ich bin besser als du", was natürlich nur Schlechtes bewirkt. Der inklusive Stolz sagt: "Sind wir nicht alle wundervoll?", und das gibt viel gute Energie für die Arbeit. Dann ist jeder im Kraftkreis, jeder ist ein Buddha. Es hebt die eigene Erfahrungsebene auf ein Niveau, auf dem jede Negativität bedeutungslos wird.

Funktionieren die Übungen auch bei Anfängern, die ja noch Stolz und Ego haben?
Natürlich. Die Methoden sind darauf ausgerichtet, Entwicklung zu ermöglichen. Jede unserer Übungen ist in sich vollständig.
Man fängt mit der Zuflucht an, entwickelt dann den Erleuchtungsgeist, was bedeutet, dass man nicht nur für sich selbst eine gute Zeit anstrebt. Man denkt: "Ich mache diese Übung, um fähig zu werden anderen zu helfen." Am Ende der Praxis widmet man all die guten Eindrücke, die man angesammelt hat, allen anderen Wesen. Dadurch ist es nicht so bedeutend, ob man während der Meditation etwas nicht ganz richtig gemacht hat. Es geht alles in die richtige Richtung, denn man ist durch diesen Rahmen abgesichert. Fehler machen wir ja alle, und deswegen machen wir ja die Praxis. Man gibt einfach immer sein Bestes. Wenn man die Methoden verwendet, werden sie die Ergebnisse bringen, dessen können wir uns sicher sein. Das Resultat ist, dass unser Ego schwächer wird, man liebevoller gegenüber anderen wird und mehr für sie tun kann.

Wie steht Buddhismus zu Heirat?
Das ist sehr individuell und hat viel mit der Kultur zu tun in der man lebt. Die buddhistische Sicht ist vor allem, niemandem zu schaden. Es hängt also sehr davon ab, was für eine Beziehung man hat. Im Allgemeinen ist ja die Beziehung zwischen Mann und Frau der Punkt auf weltlicher Ebene, wo man sowohl das größte Glück als auch das schlimmste Leid erleben kann. Es ist etwas sehr Verletzliches. Es hängt von deiner Beziehung ab, ob du damit jemandem weh tust oder nicht.

Was hat es mit der Praxis auf die "21 Befreierinnen" auf sich?

Das ist eine ganze Lehre in sich selbst und etwas sehr Spezielles, denn Tara ist der weibliche Aspekt von Mitgefühl. Sie hat eine sehr schnelle Aktivität, sie schützt alle Wesen vor Angst und Gefahren. Ihre 21 Aspekte haben mit Schutz vor verschiedenen Arten von Angst zu tun. Das kann die Angst vor Gefahren durch die Elemente sein, vor Krieg, vor Räubern, Krankheit und alles mögliche weitere. Jede von ihnen hat ein eigenes Mantra, aber die Grüne Befreierin in der Mitte schließt sie alle ein. Das Wurzelmantra von Tara kann für alle 21 verwendet werden.

Was denkst du über Abtreibung in Extremsituationen, wenn eine Frau zum Beispiel vergewaltigt wurde, oder nicht in der Lage ist, sich um ein Kind zu kümmern?
Buddhismus erklärt wie die Dinge sind, er lehrt über Ursache und Wirkung. Es liegt dann an jedem selbst, Schlüsse daraus zu ziehen. Was Abtreibung angeht: Da ist Leben und Abtreibung bedeutet ein Wesen zu töten. Man kann es nicht anders sagen.
Es ist ein schwieriges Thema, genau wie die Frage nach Sterbehilfe. Wenn jemand bald sterben wird, oder sterben will: Wir fragen uns manchmal, ob es in Ordnung ist, demjenigen zu helfen, schneller zu sterben? Aber so hart es in diesem Kontext klingen mag: Man hilft niemandem, indem man ihn tötet.
Selbst wenn die Person leidet: Man beendet das Leiden nicht, indem man sie tötet, denn die Ursache des Leidens ist immer noch da. Es geht weiter und wird in anderer Form erscheinen. Man kann aber helfen, das Leiden zu lindern. Wenn es sich zum Beispiel um ein junges Mädchen handelt, das vergewaltigt und schwanger wurde, kann man helfen, dass das Kind vielleicht von einer Familie die keine eigenen Kinder kriegen kann, adoptiert wird.
Es gibt immer viele andere Wege zu helfen, die nicht Töten beinhalten. Die Ursache dafür, dass eine Person in einem bestimmten Zustand ist, kann man nicht stoppen, indem man die Person tötet. Es wird eine weitere Geburt im gleichen Zustand folgen.

Hatten Frauen in Tibet den gleichen Status wie Männer?
In Asien sind Frauen normalerweise nicht gleichberechtigt. Verglichen mit anderen Ländern hatten Frauen in Tibet jedoch eine außergewöhnliche Position. Es gab für Frauen immer die Möglichkeit, aus der Gesellschaft auszubrechen, wenn sie die Qualitäten hatten und es wollten. Es gab viele große Yoginis in Tibet und sie wurden sehr verehrt. In den Familien waren die Frauen eher für die Kinder verantwortlich.
Viele eurer Fragen kann man nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Buddhismus ist nicht eine Kultur, sondern eine Praxis, die in vielen verschiedenen Kulturen geübt werden kann. In Tibet war es zum Beispiel üblich, dass Leute um die 40, wenn die Kinder erwachsen waren, ins Retreat gingen. Oft haben sie sich auch abgewechselt. Die Mutter machte eine Zeit lang Retreat und der Vater passte auf das Haus auf, danach ging dann der Vater. Als Laien-Praktizierende praktizierten sie oft später im Leben mehr, und die Kinder unterstützten sie dabei.

1 Kurs mit Lama Ole Nydahl in Mexiko City
2 An anderer Stelle erzählte Hannah einmal, dass es der Text Lamchog Rinchen Trengwa war, "Die Kostbare Mala des Höchsten Weges".


HANNAH NYDAHL
(1946 - 2007)
war eine der gefragtesten Übersetzerinnen aus dem Tibetischen ins Englische, Deutsche oder Dänische. Die Hälfte des Jahres übersetzte sie für Lamas am Karmapa International Buddhist Institute (KIBI) in New Delhi, Indien, wo sie sowohl an der Übersetzung zahlreicher buddhistischer Texte beteiligt war als auch die Reisen hoher Lamas der Karma-Kagyü-Linie organisierte. Die andere Hälfte des Jahres reiste sie mit ihrem Mann Lama Ole Nydahl um die Welt. Besonders wegen ihrer Arbeit als Sprecherin und Vertreterin für die buddhistische Übertragung der Tibeter wurde sie später oft "Mutter des Buddhismus" genannt.

Hannah und Ole Nydahl wurden 1969 die ersten und engsten westlichen Schüler des 16. Gyalwa Karmapa, dem Oberhaupt der tibetisch-buddhistischen Karma-Kagyü-Tradition. Nach einigen Jahren der Ausbildung im Himalaya bat er die beiden, den Buddhismus in den Westen zu bringen. Seit 1972 verbrachten beide ihr Leben mit Reisen und Lehren und mit dem Gründen von weltweit über 650 Meditationszentren.

Hannah starb im Frühjahr 2007.