Aus: Buddhismus Heute Nr. 58, (Sommer 2017)

"Hannah – Buddhism’s Untold Journey" Film

Interview mit den Filmemachern: Marta György Kessler und Adam Penny

"Hannah – Buddhism's Untold Journey" erzählt die Geschichte von Hannah Nydahl und davon, wie sie auf abenteuerliche Weise den tibetischen Buddhismus in den Westen gebracht hat. Der Film hatte 2014 im Egyption Theatre in Hollywood Premiere, als Beitrag auf dem ARPA Film Festival, wo er den Publikumspreis für die beste Dokumentation erhielt. Seitdem wird der Film rund um die Welt gezeigt, mit Vorführungen unter anderem in Nordamerika, Südamerika und Europa. Zur Zeit, Anfang 2017, wird er in Australien und Asien vorgeführt und ist nun auch auf Netflix USA verfügbar. Für 2017 sind Vorführungen in Deutschland geplant, sowie die Veröffentlichung einer DVD in Europa.

Der Film folgt Hannah und ihrem Mann Ole, angefangen bei ihren wilden und idealistischen Wurzeln als Kopenhagener Hippies bis nach Kathmandu. Sie wurden 1968 die ersten westlichen Schüler seiner Heiligkeit, dem 16. Karmapa, dem ersten bewusst wiedergeborenen Lama Tibets. Dieser Mann veränderte Hannahs und Oles Leben für immer.
Im Mittelpunkt des Films steht die einzigartige und eindrucksvolle Liebesgeschichte von Hannah und Ole in ihrem unerschütterlichen Engagement dafür, den Buddhismus in den Westen zu bringen. Von Europa nach Nordamerika, über den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und Russland bis hin zu einer Entführung durch Guerillas in Südamerika folgt der Film einer großartigen Frau in einer turbulenten und sich stets verändernden Welt.

"Hannah" zeigt uns, warum das buddhistische Ideal der Freiheit in all seinen Facetten gerade heute aktueller ist denn je – und warum alles Tibetische nicht unbedingt mit "heilig" gleichzusetzen ist.

2009 begannen Marta György Kessler und Adam Penny, einen Film darüber zu drehen, wie Hannah und ihr Mann Ole – wilde Kinder der sechziger Jahre – zu den wichtigsten Wegbereitern des tibetischen Buddhismus im 20. Jahrhundert wurden. Anfangs ahnten sie nicht, wie weit sie für dieses Projekt würden gehen müssen.

Marta: "Neun Monate", hat er gesagt. [Marta lacht]

Adam: Stimmt, so lange, dachte ich, würde es dauern, den Dokumentarfilm zu machen. Naja, so dachte ich. Ein paar Interviews ... ein bisschen schneiden ... Wie habe ich mich getäuscht! Letztlich dauerte es fünf Jahre!

Warum habt ihr "Hannah" gemacht?

Marta: Hannah war eine außergewöhnliche Frau, die durch ihr Verständnis vom Buddhismus das Leben tausender Menschen weltweit verändert hat. Ich stand Hannah nah und bin viele Jahre mit ihr gereist.
Wir haben also viel Zeit miteinander verbracht, besonders während ihrer letzten Monate.
Nach ihrem Tod im Jahre 2007 wurde ich immer wieder gebeten, Vorträge über sie zu halten. Ich war damals schon seit einiger Zeit buddhistische Lehrerin und mir wurde klar, dass es ein großes Interesse an ihr als Mensch gab.
Sie war so einzigartig. Also habe ich beschlossen, ihre inspirierende Lebensgeschichte anderen mitzuteilen.

Adam: Marta kam zu mir und fragte, wie man einen Dokumentarfilm macht. Da hatte sie noch nicht entschieden, ob es eine Dokumentarfilm oder ein Buch werden sollte.
Ich hatte bereits seit neun Jahren eine Produktionsfirma in London und war sofort begeistert. Damals war ich schon vier Jahre lang praktizierender Buddhist und hielt das Projekt für eine unglaubliche Chance, tiefer in dieses Thema einzutauchen.
Ich hatte schon einige Fernsehdokus gemacht, aber noch nichts in dieser Größenordnung. Eine völlig neue Erfahrung.
Ich erinnere mich, dass einige Jahre zuvor ein erfahrener Filmemacher zu mir gesagt hatte: "Egal, was du tust – mach einen Film, der dein Leben verändert.
Selbst wenn du damit nicht erfolgreich bist, hast du zumindest dein Leben verändert." Ein großartiger Zugang, finde ich.
Also haben wir angefangen.

Warum war Hannah Nydahl so einzigartig?

Marta: Aus vielen Gründen. Sie lebte sehr einfach und war ausgesprochen bescheiden. Hannah war eine buddhistische Gelehrte, eine hochverwirklichte Praktizierende und eine autorisierte Lehrerin, ein Lama. Jeder – wirklich jeder Lama, jeder hohe Lehrer, mit dem wir geredet haben – sprach davon, wie Hannah durch ihre Art zu leben die buddhistischen Lehren verkörperte.
Das ist nicht so leicht, wie es klingt. Sie und ihr Mann Ole haben es geschafft, das grundlegende Wesen der buddhistischen Belehrungen herauszufiltern und Menschen in allen von ihnen besuchten Ländern näher zu bringen – dadurch haben sie Tausende inspiriert.
Und sie reisten nicht an die einfachen, bequemen Orte. Sie waren in Polen und Russland, als der Kommunismus zusammenbrach, sie wurden in Südamerika von Guerillas entführt. Sie gingen an wilde Orte, weil sie dort etwas verändern wollten. So hat Hannah tausende Frauen auf der ganzen Welt inspiriert. Sie war vielen von uns nicht nur eine unterstützende Freundin, sondern arbeitete auch hart und war ganz ehrlich einfach die coolste Frau, die ich je getroffen habe. Stark, ausdauernd und dabei trotzdem weiblich. Außerdem verbrachte sie als Frau sehr viel Zeit in einer Männerwelt. Die Welt des tibetischen Buddhismus ist sehr von Männern dominiert. Doch sie schaffte es, das Vertrauen und die Achtung der Lamas zu gewinnen.

Adam: Ich denke, zum einen war es Hannahs Geschick als Übersetzerin der tibetischen Belehrungen. Auch das klingt wieder so leicht, doch sprechen wir hier von tiefgründigen Texten über Meditationspraktiken und unsere Wahrnehmung. Davon hatte sie ein so tiefes Verständnis.

Marta: Selbst Hannahs Tod war außergewöhnlich.
Ich erinnere mich, wie ihr Körper vom Krebs zerfressen war, aber dank ihrer buddhistischen Praxis blieb sie bemerkenswert bewusst. Es war faszinierend zu sehen, wozu ein starker Geist fähig ist.

Wie habt ihr Hannahs Leben zu einem Film gemacht?

Marta: Wir wollten einfach etwas ganz anderes als die üblichen buddhistischen Dokumentarfilme, die wir gesehen hatten – nicht allzu fromm oder heilig. Wir wollten die Kraft und Freiheit zeigen, die dieser Buddhismus gibt.

Adam: Genau. Wir wollten keine netten Geschichten, sondern dem Zuschauer einen wirklichen Eindruck ihrer Reise geben – ein Gefühl dafür, wer Hannah war und welcher unglaublichen Welt sie angehörte. Hannah war ein wildes Kind der Sechziger. Zum Teil wollten wir auch zeigen, was aus dieser Wildheit, diesem Idealismus jener Menschen
geworden ist.

Wie hat es sich verstärkt, wie hat es sich über die nächsten 50 Jahre verändert?

Marta: Wir haben ein Jahr recherchiert: Filme gesehen, Bücher gelesen und Aufnahmen gehört, die wir von Hannah gefunden haben. Wir haben viel diskutiert.

Adam: Wir mussten auch sicherstellen, dass wir alle Geschichten richtig wiedergaben. Zusätzlich zu ihrer Persönlichkeit gab es so viele weitere Ebenen in ihrem Leben; 60 Jahre und mehrere Kontinente. Was geschah in der Welt? Was im buddhistischen Kontext? Was geschah mit dem Frauenbild und was betraf Hannah direkt?

Wir haben viel an der Geschichte gearbeitet, bevor wir überhaupt zu filmen begannen. Wir hatten diese alles verbindende, übergeordnete Matrix. Dann kam die Frage, wen wir interviewen und was wir zeigen wollten, um den Stoff für unseren Film zusammenzustellen. Und dann hatte Marta die Idee, dass Hannah im Film ihre eigene Geschichte erzählen sollte.
Das hielt ich einfach für eine fantastische Idee.

Marta: Das war noch bevor "Senna" mit etwas Ähnlichem herauskam. Wir wussten, dass es viele Aufnahmen von Hannah gab. Es lag also im Bereich des Möglichen. Das Ganze erwies sich als Fluch und Segen gleichermaßen.
Ihrer Stimme Gehör zu verleihen, war wundervoll, aber das machte es sehr schwer, den Film objektiv wirken zu lassen. Immer wieder scheint ihre Stimme, ihre Erfahrung, durch.

Adam: Wir haben schließlich zweieinhalb Jahre lang in Kathmandu, New Delhi, Darjeeling, Sonada, Hong Kong, Deutschland und natürlich Dänemark, ihrer Heimat, gefilmt und dabei etwa 60 Interviews geführt: das kürzeste dauerte etwa 20 Minuten, das längste zwei Tage.

Wie sah euer Team aus?

Adam: Wir hatten das Glück, mit Guy Nisbett, einem wundervollen Kameramann, zu arbeiten, mit dem ich schon viele Jahre lang zusammengearbeitet hatte. Er hatte bereits viel Erfahrung mit Musikvideos und Modefotografie. Das verlieh dem Film eine unglaublich reiche Bildwirkung, die es dem Zuschauer ermöglicht, ganz in die Reise einzutauchen.

Marta: Dann waren da noch unsere zwei Cutter: den fantastischen australischen Cutter, Hamish Lyons, der 30 bis 40 Wochen lang den Film aus dem Gröbsten herausbrachte; sowie in den letzten 15 Wochen den sehr erfahrenen Cutter Simon Barker, der während dieser Zeit für einen Oskar nominiert wurde. Es war beeindruckend zu sehen, wie sein Geist die Geschichte zusammensetzte.

Adam: Des Weiteren leisteten die Komponisten Christ Hill und Tom Hickox phänomenale Arbeit. Ihre Musik versetzte den Film in eine andere Dimension.

Marta: Und zusätzlich hatten wir enorme Unterstützung aus der ganzen Welt. Von Freunden und Buddhisten, die Hannah gekannt hatten und es für wichtig hielten, diese Geschichte zu erzählen. Das hat uns wirklich angetrieben.
Sie haben in so vielerlei Weise geholfen: übersetzen, transkribieren... sie fanden Fotos, Filmmaterial, Audioaufnahmen und halfen natürlich mit der Finanzierung des Projekts.
Und nicht zuletzt erhielten wir unglaubliche Unterstützung von den tibetischen Lamas und natürlich von Lama Ole, Hannahs Mann, der unglaublich großzügig seine Zeit und Unterstützung anbot.

Adam: Die wunderbarste Überraschung war die Kickstarter-Kampagne als letzte große Anstrengung, mit der wir innerhalb von fünf Wochen 54 000 Dollar zusammenbekamen. Wirklich atemberaubend. Die Großzügigkeit der Menschen war unglaublich bewegend.

Was würdet ihr anderen raten, die einen ersten Dokumentarfilm machen?

Marta: Als Neuling unter den Regisseuren würde ich sagen: Vertraut denen mit Erfahrung, aber bleibt gleichzeitig bei der eigenen Vision und folgt ihr! Möglicherweise erschafft man so etwas gänzlich Neues, was noch nie zuvor gemacht worden ist.

Adam: Es ist wirklich ein Marathon. Wenn man das fünf Jahre lang macht, muss man sich darauf einstellen, sich zu verlaufen und doch immer, immer wieder einen Weg zu finden.
Es gibt dieses großartige Zitat aus einem Dokumentarfilm über Pixar, der vor einigen Jahren herauskam: „Der Schmerz ist vorübergehend, aber der Film bleibt für immer."
Und ich würde sagen, das war's: Einfach weitermachen, Leute, weitermachen!
Jetzt mag es vielleicht weh tun, aber wenn es einmal fertig ist ... dann ist es genau das. Genau das. Und nicht nur jetzt, sondern für die nächsten 30, 40, 50 Jahre oder wie lange auch immer der Film gezeigt werden wird.

Weitere und aktualisierte Informationen auf: www.hannahthefilm.com


Marta György Kessler
Produzentin und Regisseurin. Arbeitete als Schauspielerin in Ungarn, als sie durch Lama Ole und Hannah im Jahr 1990 den Buddhismus kennenlernte. Seitdem hat sie in vielen Buddhistischen Zentren in Europa gelebt und gearbeitet. Seit 2002 ist sie selbst in vielen Ländern als buddhistische Lehrerin unterwegs. Über 15 Jahre lang reiste sie gemeinsam mit Hannah und Lama Ole. In dieser Zeit erlebte sie deren Aktivität direkt mit und bekam besonders zu Hannah eine sehr nahe Verbindung. Im Jahr 2009 kam sie auf die Idee, Hannahs Lebensgeschichte aufzuschreiben – die Grundlage für dieses Projekt.
HANNAH ist Martas erster Dokumentarfilm.

Adam Penny
Produzent und Regisseur. Adam ist seit zwölf Jahren in der Medienbranche tätig und hat sich auf Dokumentarfilme, Werbefilme und Markenkampagnen spezialisiert. Movimento für Channel 4, ein Film über Straßenkinder und Favelas in Rio aus dem Jahr 2002 war sein erster Dokumentarspielfilm. In seinem Portfolio sind unter anderem The Urban Chef für BBC2, World's Youngest Daredevils für Sky und The Four Year Plan, ein Dokumentarfilm über den verschuldeten Fußball Club QPR, der von Milliardären übernommen wurde.
Als Kreativdirektor und Geschäftsführer von Connected Pictures hat Adam außerdem für verschiedene namhafte Agenturen (unter anderem Saatchi&Saatchi, CHI&Partners, Adam&EveDDB) an Markenkampagnen für bekannte Marken wie Microsoft, SABMiller, British Airways, HSBC und Nissan gearbeitet.

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