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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 56, (Winter 2016)

Glück

17. Gyalwa Karmapa Trinle Thaye Dorje

Welche Art von Glück sucht ihr?
Was wissen wir eigentlich wirklich über Glück? Im Buddhismus heißt es, dass alle fühlenden Wesen, auch die Tiere, nach Glück streben. Es ist ein unbewusster Instinkt, dem wir alle folgen, obwohl viele von uns keine klare Vorstellung davon haben, was Glück eigentlich genau ist oder wie man es erlangen könnte. Der Buddhismus unterscheidet zwei Arten von Glück: Emotionales Glück und Zeitloses Glück. Emotionales Glück wäre beispielsweise die Freude, wenn man aus der Kälte in die Wärme kommt, oder wenn man ein gutes Einkommen, eine Position oder Status erreicht hat. Es ist nichts Falsches an dieser Art von "weltlichem" Glück, aber wenn man es genau betrachtet, wird man zu dem Schluss kommen, dass all diese Beispiele ihrer Natur nach kurzlebig sind. Emotionales Glück ist nicht von Dauer, und deswegen wird die Suche nach Zeitlosem Glück umso wichtiger.
Zeitloses Glück
Zeitloses Glück erfährt, wer die ihm innewohnenden Qualitäten - wie Mitgefühl und liebende Güte - versteht und durch Weisheit die wahre eigene Natur erkennt. Schauen wir uns diese Art von Glück an, entdecken wir, dass sie unveränderlich und dauerhaft ist - und deswegen erstrebenswert.
Vielleicht fragen wir uns, was dieses "Zeitlose Glück" eigentlich sein soll. Emotionales Glück ist uns vertraut, und wir erleben es tagtäglich als eine Art augenblicklicher Belohnung. Zeitloses Glück klingt vielleicht erhaben und großartig, aber kann man es sehen und im normalen Alltag erleben? Ja, das kann man.

Glück in der Familie
Meine verstorbene Großmutter führte ein sehr einfaches Leben als Mutter meines Vaters. Aber wie sie dieses Leben lebte, wird mir immer in Erinnerung bleiben und ist für mich persönlich das vielleicht größte Beispiel für Zeitloses Glück. Sie hatte keine besonderen Verantwortungen, die man "beeindruckend" oder "interessant" nennen könnte. Aber einfach, indem sie eine Mutter war und liebende Güte und andere grundlegende Qualitäten ihrer selbst und des Lebens praktizierte, konnte ich beobachten, dass sie eine unveränderliche Einstellung zum Leben hatte, ganz gleich wer auf sie zukam oder in welcher Lage sie sich befand. Sie begegnete allen Menschen mit Güte und Fürsorge, wie eine Mutter. Man konnte es sehen und in ihren Worten hören: Alles, was sie sagte, war voller Wärme und Sanftmut. Und natürlich entsprangen diese Qualitäten ihrem eigenen Bewusstsein.
Als Karmapa führe ich natürlich das Leben eines spirituellen Praktizierenden, aber ich lerne auch sehr viel aus ihrem Verhalten und wie sie ihre Haltung lebte. Diese Erinnerung ist sehr kostbar für mich, denn sie erinnert mich daran, dass Zeitloses Glück in uns allen sichtbar und offenkundig ist. Das Glück, nach dem wir alle suchen, ist schon da. Ihr Beispiel hilft mir immer wieder und zaubert mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht und ins Herz. Ich bin mir sicher, dass jeder von uns ähnliche Erlebnisse und Erinnerungen hat, die man sich ins Gedächtnis rufen kann.

Buddha und Glück
Aus buddhistischer Sicht liegen der Same und die Qualität des wahren Glücks, der Erleuchtung, in jedem fühlenden Wesen. Deswegen ist es wichtig, Zeitloses Glück nicht als fern und unerreichbar anzusehen oder als etwas, dass man zu besonderen Gelegenheiten feiert und für den Rest des Jahres ins Regal stellt. Zeitloses Glück ist etwas, womit wir wirklich arbeiten und das wir erleben können, ganz gleich was für ein Leben wir führen und unter welchen Bedingungen. Aber dazu müssen wir es erst einmal wahrnehmen.

Der Nutzen, den es hat, die ersten Schritte in Richtung Zeitloses Glück zu tun, ist schon im Wort "zeitlos" enthalten. Aus buddhistischer Sicht ist der Nutzen von Anfang an nobel, anständig und verdienstvoll. Und auch wenn wir weitergehen ist es nobel, anständig und verdienstvoll, und ebenso am Ende - nicht nur in diesem Leben und danach, sondern bis zum Schluss, bis wir die volle Verwirklichung von Zeitlosem Glück erlangt haben.
Aus buddhistischer Sicht ist Buddha selbst das beste Beispiel für dieses unveränderliche Glück. "Buddha" ist ein "erleuchtetes Wesen" - ein völlig erwachtes Wesen. Wenn wir uns anschauen, wie er Zeitloses Glück gesucht und letztendlich erlangt hat, sehen wir, dass er das Gleiche gemacht hat, was wir heute tun: Die Ursachen und Bedingungen für Glück untersuchen und darüber nachdenken.

Die Untersuchung von Glück
Die einzige Weise, Glück zu untersuchen, ist, tief in uns selbst zu schauen: Wer sind wir, wie benehmen wir uns, wie verhalten wir uns im Alltag und welche Gewohnheiten haben wir? Dadurch werden wir uns selbst besser verstehen, und wenn wir uns selbst verstehen, werden wir auch andere besser verstehen.
Wir alle besitzen die grundlegenden Qualitäten, um Glück zu erlangen, wir alle haben das Potenzial dazu - einfach weil wir ein Bewusstsein haben. Wir haben alle den gleichen Wunsch, die gleiche Ausrichtung, da wir alle nach Glück streben.
Wenn wir uns die Lebensgeschichte des Buddha anschauen, sehen wir, dass er alles haben konnte - und hatte - , was er sich vom weltlichen Leben nur hätte wünschen können. Aber nachdem er es untersucht hatte, erkannte er, dass jedes Gefühl und jede Situation - ganz gleich wie angenehm oder befriedigend sie auch sein mochten - doch nur vorübergehend waren. Ihm wurde klar, dass diese Art von Erfahrung, die wir emotionales Glück nennen, nicht das letztendliche Ziel oder die höchste Priorität sein konnten. Deswegen gab er sein altes Leben auf und begab sich auf die Suche nach etwas Dauerhaftem und Unveränderlichem. Genau das tun alle, die Buddhas Weg folgen: Sie streben nach Zeitlosem Glück.
Was bedeutet das nun? Müssen wir, um Glück zu erlangen, mit einem Schlag unsere Lebensweise ändern? Müssen wir alles aufgeben und den Dingen in unserem Leben entsagen? Es ist ganz natürlich, dass uns solche Fragen und Zweifel kommen. Ich würde sagen, es ist alles eine Frage der Einstellung, wie wir unser Leben führen wollen. Es kommt darauf an, welche Prioritäten wir setzen und was unser letztendliches Ziel ist. Wenn die Suche nach Zeitlosem Glück für uns an vorderster Stelle steht, müssen wir vor allem einmal anfangen nachzudenken.

Fünf Minuten pro Tag
Es ist sehr nützlich, jeden Tag darüber nachzudenken, wonach wir wirklich streben, welche Bedingungen wir geschaffen haben und welche Methoden wir anwenden. Es schadet nicht, sich jeden Tag ein bisschen Zeit dafür zu nehmen. Wir könnten mit fünf Minuten pro Tag anfangen, was wirklich nicht viel ist, und die Übung selbst erfordert keine intensiven Methoden oder strengen Rituale. Wir brauchen uns nur irgendwo hinzusetzen oder zu stehen, wo wir uns wohl, ruhig und friedvoll fühlen. Dann, wenn der Geist ruhig und der Körper entspannt ist, meditieren und reflektieren wir einfach. Wir gehen in Gedanken die letzten 24 Stunden durch, nichts weiter, und schauen uns genau an, was geschehen ist. Wir tun das ganz unsentimental und ohne Wertung, und es ist sehr nützlich. Wir werden uns selbst - die verschiedenen interessanten Aspekte unseres Lebens - besser verstehen. Das hilft nicht nur dem Gedächtnis und fördert Klarheit, sondern es kann wirklich helfen, sich selbst und das wahre Wesen des Glücks zu begreifen.
Ich möchte euch alle ermutigen, das auszuprobieren. Ich selbst mache diese Übung so oft ich kann, und sie bringt wirklich großen Nutzen. Sie hilft mir zu verstehen, wo genau ich stehe und was ich in der Vergangenheit erlebt habe, und damit auch, was in der Zukunft möglich ist. Somit kann diese einfache Übung uns helfen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verstehen. Wir erlangen Zuversicht und Einsicht über das Glück.
Ich hoffe, dass euch das von Nutzen sein wird, und richte meine Wünsche und Anrufungen darauf, dass wir alle fähig werden, Zeitloses Glück zu erlangen. Ich mache Wünsche, dass wir alle Klarheit gewinnen und die Bedingungen finden, um unsere Verbindung wertschätzen zu können. Ich mache Wünsche, dass wir die Bedingungen pflegen, die es uns ermöglichen, unser Potenzial zu verwirklichen, die Bände, die wir alle teilen, das der Familie und das der Freundschaft. Ich bete dafür, dass dadurch in unserer Welt nicht nur emotionales Glück, sondern auch Zeitloses Glück entstehen.

Aus dem Englischen

Diese öffentliche Ansprache, die live per Internet gestreamt wurde, hielt der 17. Gyalwa Karmapa anlässlich des von den Vereinten Nationen ausgerufenen "Internationalen Tages des Glücks 2015" am 20.03.2015 in New Delhi, Indien.


17. KARMAPA TRINLE THAYE DORJE

Karmapa verkörpert die Tatkraft aller Buddhas und ist das Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie des Diamantweg- Buddhismus. Der Karmapa gilt als der erste bewusst wiedergeborene Lama Tibets - so war ein Schüler des 4. Karmapa der Lehrer des 1. Dalai Lama. Bis heute gab es 17 Inkarnationen dieses „Königs der Yogis von Tibet". Der 16. Karmapa floh 1959 aufgrund der chinesischen Besetzung aus Tibet und sicherte von Sikkim (Indien) aus das Weiterbestehen des Diamantweg-Buddhismus. Er starb 1981 in der Nähe von Chicago.

Der jetzige 17. Karmapa Trinle Thaye Dorje (geb. 1983) wurde vom 14. Shamar Rinpoche als authentische Inkarnation anerkannt. Shamar Rinpoche ist der zweithöchste Lehrer der Karma-Kagyü-Linie und für das Wiederauffinden des Karmapa verantwortlich. Im Frühjahr 1994 konnte Karmapa im Alter von elf Jahren das chinesisch besetzte Tibet verlassen und in die Freiheit nach Indien gebracht werden.

Seitdem lebt Gyalwa Karmapa in Indien, wo er unter der Leitung von Shamar Rinpoche eine gründliche spirituelle Ausbildung absolviert hat.
Diese deckt die gesamte Theorie und Praxis des Buddhismus ab. 2003 erhielt er den Titel eines Vidyadhara, der den formellen Abschluss seiner klösterlichen Ausbildung markiert. Daneben erhielt er auch eine moderne Ausbildung, die unter anderem die westliche Philosophie umfasst, und erlernte mehrere Fremdsprachen.

Im Jahr 2000 besuchte der 17. Karmapa Thaye Dorje das erste Mal Deutschland. Der damals knapp 17-jährige Karmapa wurde von 6000 Schülern empfangen. Seitdem besucht er regelmäßig die westlichen Schüler und Zentren. Umgekehrt reisen Buddhisten aus aller Welt zu den traditionellen buddhistischen Ritualen, die Karmapa in Asien leitet.

Karmapa fühlt sich der westlichen Welt eng verbunden und hält durch die Nutzung ihrer modernen Kommunikationsmittel engen Kontakt zu seinen Schülern.

www.karmapa.org