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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 55, (Sommer 2015)

Ein Interview mit Künzig Shamar Rinpoche

Was könnte man jemandem – der gerade anfängt sich über Buddhismus zu informieren und der verstehen will, wie dieser in westliche Gesellschaften passt – sagen?

Buddhismus lehrt, wie die Dinge sind. Er zeigt den Menschen, wie sie ihre Qualitäten entfalten können. Das ist für jeden verständlich.

Vor seiner Erleuchtung war Shakyamuni Sohn eines reichen indischen Königs. Obwohl er alles besaß, was man sich nur wünschen konnte, war er nicht zufrieden. Er hatte verstanden, dass Glück nicht durch äußere Dinge erlangt werden kann, da diese niemals das starke Verlangen des Geistes befriedigen können. Shakyamuni begann zu erforschen, warum das so ist. Er beobachtete, dass viele Menschen Probleme hatten und es viel Leid gab. Er sah, wie Menschen unter dem Alter leiden. Er sah Frauen unter der Geburt leiden, er sah Menschen sterben und andere um die Toten weinen. Er sah, dass all dies unvermeidbar ist.

Buddha entdeckte, dass Glück im Geist selbst entwickeln werden muss und dass man kein letztendliches Glück erlangen kann, so lange man immer nur auf sich selbst bezogen ist. Das Anhaften an einem Selbst ist die Wurzel aller Probleme. Aggression zum Beispiel entsteht aus Aufgeregtheit und diese aus Anhaften am Selbst.

Das ist Ursache und Wirkung und diese verstärken sich ständig. Die Wurzel dafür ist dieser getäuschte Geist, der an einem Selbst anhaftet. Man kann ihn aber beruhigen, indem man seine friedvolle Natur entwickelt. Buddha entdeckte, dass dies das Heilmittel gegen die Verwirrung des Geistes ist.

In der damaligen Gesellschaft gab es durchaus schon Techniken um Geistesruhe zu entwickeln. Buddha lernte diese Methoden, verwirklichte die Meditationen und erlangte nach und nach all die Resultate. Er war jedoch sehr intelligent, ging über alles, was damals praktiziert wurde, hinaus und entwickelte eine authentische Meditation, mit der er schließlich Erleuchtung erlangte. Das Wort Buddha bedeutet "erblüht" oder "voll entwickelt"1. Nachdem er dieses tiefgründige Resultat erlangt hatte, lehrte er anderen, wie man Glück erreichen kann. Die Menschen, die ihm folgten und seine Lehren praktizierten, erlangten dann genau wie er selbst Verwirklichung. Seine Lehren werden über eine Reihe großartiger Praktizierender seit damals bis heute fortgeführt.

Normalerweise verstehen die Wesen die "Wahrheit vom Leiden" nicht, und sie fragen sich, was die Ursache des Leidens ist. Buddha fand die "Wahrheit über die Ursache des Leidens" heraus: Es entsteht nicht als Bestrafung, die jemand verhängt hätte, sondern sein Ursprung liegt im Anhaften an einem Selbst. Haftet man daran, will man alles loswerden, was das eigene Selbst bedroht und daraus entstehen alle Probleme.

Was kann man dagegen tun? Hat man erst einmal die wahre Ursache der Leiden erkannt, ist das Gegenmittel leicht zu finden. Buddha nannte das die "Wahrheit des Weges". Wenn man ihn geht, bekommt man das Resultat, nämlich Freiheit vom Leiden und Befreiung vom Haften an einem Selbst, die "Wahrheit vom Ende des Leidens".

Diesem Naturgesetz folgt die buddhistische Philosophie.

Man kann Buddhismus eigentlich nicht als Religion bezeichnen. Unter Religion versteht man üblicherweise überall auf der Welt, dass ein höheres Wesen verehrt wird, jemand, der über einem steht. Das ist im Buddhismus überhaupt nicht der Fall. Buddhas Lehren folgen der natürlichen Seinsweise der Dinge, so wie sie wirklich sind.

Was ist unter dem Anhaften an einem Selbst zu verstehen?

Der Geist hängt an der Vorstellung von einem Selbst. Man wird zum Beispiel zornig, wenn etwas geschieht, das gegen dieses Selbst geht, also gegen das, was man mag. Dieses Festhalten am Selbst ist sehr schädlich und führt dazu, dass man nach Dingen greift, die man begehrt und sie dann nicht mehr loslassen kann. Infolgedessen wird man unglücklich. Der Geist wird verwirrt und aufgeregt. Das alles geschieht aus Unwissenheit. Diese Aufregung ist zwar nicht grundlegend, aber sie hat Auswirkungen.

Alle fühlenden Wesen erleben sich in der Weise, dass sie an einem Selbst festhalten. Es ist das Gefühl von einem "Ich" und ein starkes Greifen danach. Wenn man nach diesem "Ich" oder Selbst sucht, wird man es nicht finden, es existiert nicht wirklich. Aber wir unterliegen dem Irrtum, es für wahrhaft im Geist vorhanden zu halten.

Wie findet man für sich selbst die richtige Praxis? Du lehrst ja zum Beispiel in den von dir geleiteten "Bodhi Path"-Zentren die Übung auf die "35 Buddhas" und betonst die Meditation der Geistesruhe (tib. shine).2

Die Kagyü-Schule ist eine der Übertragungs-Linien der Lehren Buddhas. Vergleicht man diese mit einem Ozean, dann sind die Kagyü-Lehren wie einer der zuleitenden Flüsse. Wir können nicht alles zugleich unterrichten, sondern müssen Belehrungen auswählen, die für westliche Schüler passen. Als Lama Ole und Hannah Nydahl 1968 in Rumtek in Sikkim begannen das Dharma zu studieren, lehrte ihnen der 16. Gyalwa Karmapa Rangjung Rigpe Dorje das Karmapa-Guru-Yoga, sie lernten die Vier Grundübungen sowie den "Juwelenschmuck der Befreiung" von Gampopa. Nach ihrer Ausbildung schickte Karmapa Lama Ole und Hannah zurück in den Westen um zu lehren. Wir haben die Kagyü-Linie gehalten und heutzutage hat man überall in der Welt die Möglichkeit, sie zu praktizieren.

Die Übung der 35 Buddhas3 stammt aus den allgemeinen buddhistischen Lehren. Sie wird von allen vier Schulen des Tibetischen Buddhismus – Kagyü, Gelug, Nyingma und Sakya – gleichermaßen verwendet. Viele Lamas in Tibet nutzen sie und ich empfehle jetzt vielen Menschen im Westen, es ebenso zu tun.

Man kann alle möglichen buddhistischen Lehren studieren, man ist nicht auf die Kagyü-Schule beschränkt. Wenn man die Zeit und Energie hat, ist es gut so viel wie möglich von Buddhas Lehren zu lernen.

Welche Rolle spielt der Lama für unsere buddhistische Praxis?

Ein Lama ist ein Lehrer, ein qualifizierter Lehrer und nicht eine Art spiritueller Herrscher. Lamas sollten gut lehren und die Schüler sollten gut zuhören und lernen, den Unterweisungen der Lamas zu folgen.

Es gibt zwei Arten von Lehrern: erleuchtete Lehrer und gute Lehrer. Ein erleuchteter Meister – wie es Milarepa war – kann großen Segen geben, und um die Kraft seines Segens zu bekommen, öffnet man sich für ihn und bringt ihm Verehrung dar. Milarepa hatte auf seinem Weg zur Erleuchtung viele Wünsche für das Wohlergehen aller Wesen gemacht.

Ein erleuchteter Lehrer oder ein Bodhisattva hat durch sein oder ihr absolutes und echtes Mitgefühl die Fähigkeit, großen Segen für alle fühlenden Wesen zu erzeugen. Wenn diese Bodhisattvas Erleuchtung erreichen, reifen all die Wünsche heran, die sie zuvor für die fühlenden Wesen gemacht haben.

Wie oft sollte man, um eine stabile Meditationspraxis aufrecht zu erhalten, an den Phowa-Kursen von Lama Ole teilnehmen?

Lama Ole lehrt das Phowa – eine Übung um nach dem Tod den Geist in das Reine Land des "Buddha des Grenzenlosen Lichtes" (skt. Amitabha) zu überführen. Das solltet ihr von ihm lernen. Je mehr Zeit ihr euch dafür nehmen könnt, umso besser wird das für euch sein. Wenn ihr es sehr gut gelernt habt, ist es nicht notwendig auf jeden Kurs zu gehen. Wenn ihr dazu fähig seid, alles an einem Tag vollständig zu lernen, reicht das. [Rinpoche lacht]. Aber nein, einmal ist nicht genug.

Was ist die beste Methode, um unser Gefühl des Getrenntseins von allem anderen und unsere Anhaftung aufzulösen?

Meditation ist das Heilmittel. Weil wir festhalten, entsteht Leid in unserem Geist. Das Leid, das wir in der äußeren Welt sehen, ist nur die Oberfläche, denn das eigentliche Leiden findet im Geist der Wesen statt. Wenn man dieses geistige Leiden überwunden hat, ist die Grundlage jeglichen Leidens verschwunden. Es gibt dann kein "Ich" mehr, das leidet.

Der Buddhismus lehrt, dass das grundlegende Leid im Geist sehr subtil ist. Es liegt passiv unter einer großen Menge von Verwirrung versteckt. Wenn wir aber an "Leid" denken, ist das meist nicht dieses grundlegende Leid.

Unser verwirrter Geist ist die Ursache von all dem, er lädt Leid geradezu ein. Wie kommt es, dass die Vorstellung von einem "Ich" so viele Probleme macht?

Selbst kleine Käfer haben dieses Gefühl von einem "Ich", und das ist die Wurzel all unserer Probleme: Es ist dieser nach sich selbst greifende Geist, der an einem Selbst festhält. Das Ziel der Meditation ist, diesen Geist von seinem Greifen nach dem "Ich" zu befreien. Zuerst beruhigt man mit Meditation diesen ganz und gar verwirrten und aufgeregten Geist, um sich dann sanft konzentrieren zu können. Wenn man aggressiv an die Meditation herangeht und sich zwingt, erzeugt man nur noch mehr Probleme. Meditation ist eine Technik, um in der wahren Natur des Geistes zu verweilen.

Die Meditation der Geistesruhe entwickelt sich in Übereinstimmung mit der Natur des Geistes. Wenn man sich in dieser Meditation zu sehr anstrengt, schnürt einem das sozusagen die Luft ab und der Geist wird das zunächst überhaupt nicht akzeptieren. Deswegen fängt man diese Meditation ganz sanft an. Der Fortschritt in der Shine-Meditation ist tatsächlich gut durchdacht.

Erst wenn der Geist diese Technik völlig angenommen hat, ist er gezähmt. Er ist dann frei von Aufregung und Geschäftigkeit. Dann kann er seine scharfen Fähigkeiten nutzen, um Einsicht in sein wahres Wesen zu gewinnen. Der Geist kann seine wahre Natur, den nicht-verwirrten Zustand, erkennen, wenn die Meditation sehr scharf und klar geworden ist.

Man durchschreitet verschiedene Stufen in der Meditation und dadurch, dass sie egozentrische Verwirrung und Anhaften auflöst, ist sie ein echtes Heilmittel gegen Leiden.

Ich bin noch recht neu im Buddhismus und habe einen christlichen Hintergrund. Mich interessiert, wie der Buddhismus das Christentum sieht.

Im Unterschied zum Buddhismus steht im Christentum nicht Meditation im Mittelpunkt, sondern man arbeitet mit kontemplativen Zuständen und dem Gebet zu einem äußeren Gott, der einen errettet. Im Fokus ist dabei immer ein Gott als der Erlöser der Menschen. Soweit ich weiß, denkt man im Christentum im Allgemeinen nicht, dass Menschen sich selbst erlösen können.

Buddhisten hingegen sagen, dass alle fühlenden Wesen das Potenzial haben, sich selbst befreien zu können. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Menschen auch nicht von den Tieren. Sie alle haben einen Geist, nur die körperliche Form ist verschieden, und Tiere sind weniger intelligent und haben weniger Begabungen als Menschen. Alle Wesen leiden, aber sie alle können auch Befreiung erlangen.

Tiere scheinen viel weniger neurotisch zu sein als Menschen, die nie im Augenblick sind, sondern immer in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Tiere hingegen machen sich keine Sorgen um die Zukunft und denken auch nicht über Vergangenes nach, oder?

Es ist eine Frage davon, wie viel Weisheit dabei ist. Befreiung bedeutet, dass man Unwissenheit aufgelöst hat. Ein liebes, unschuldiges Tier wie zum Beispiel ein Koala-Bär schläft immerzu, er verweilt ohne Unterbrechung in seiner Unwissenheit. Menschen sind zwar sehr materialistisch, das stimmt. Aber sie können sich in weit höherem Maße als der Koala-Bär Wissen aneignen und sind fähig zu lernen. Das menschliche Leben ist mit besseren Fähigkeiten ausgestattet und der Mensch hat damit auch die Chance sich befreien zu können.

Das heißt nicht, dass wir den Tieren gegenüber voreingenommen sind, aber wir sind uns darüber bewusst, dass man als Mensch mehr Kapazität hat. Und eben weil wir bewusster als die Tiere sind, ist es als Menschen unsere Pflicht, den Tieren zu dienen. Wir sollten unser Leben dazu verwenden, um Menschen und Tieren zu dienen.

Wenn wir es als Menschen versäumen etwas Gutes für die Welt zu tun, kann es dann passieren, dass man als Tier geboren wird?

Das kann passieren. Die Welt der Tiere ist einer der leidhaften Daseinsbereiche. Manche leben in der Hitze unter der Erde, andere im kalten Eis: alles ist möglich.

Eine gute Frage, die dazu einlädt, das Thema "Karma" genauer anzuschauen: Karma ist eine Art von geistigem Ereignis. Man kann den Geist mit einem Feld vergleichen und all die Aktivitäten des Geistes bewirken, dass Samen darin gesät werden. All die physischen Formen, die man jetzt sieht, sind Illusionen, die sich aus früheren Handlungen des Geistes entwickelt haben. Diese karmischen Samen erschaffen also unsere Erfahrungswelt.

Schwache karmische Samen erschaffen unsere Träume; diese sind seichter und unstabiler als die Erfahrungen im Wachzustand.

Im Wesentlichen gibt es aber keinen Unterschied zwischen den Träumen und dem Wachzustand. Der einzige Unterschied ist, dass schwache karmische Samen zu unstabilen Illusionen führen – man träumt sie und dann sind sie verschwunden.

Starke karmische Samen im Feld des Geistes hingegen sind auch mit starken Emotionen und Selbst-Haften verbunden. Sie führen zu dem EINEN großen Traum dieses menschlichen Lebens. Darin erleben wir eine Erde und wir sind in einer physischen Form zuhause, in der wir auch mit anderen Menschen kommunizieren können. Ein Träumer interagiert mit einem anderen Träumer, sie erleben sich gegenseitig.

Dieser große Traum ist zwar sehr fest, aber er ist auch vergänglich und wird sich zur Zeit unseres Todes auflösen. Dann wird ein anderer starker karmischer Same heranreifen und auf dem Höhepunkt zu einer weiteren Illusion führen, dem nächsten Leben. Aber wer weiß, was das für ein Leben sein wird? Es ist nicht sicher, dass wir es immer schaffen, ungünstige Wiedergeburten mit viel Leiden zu vermeiden.

Die Zeitspanne zwischen dem Ende des einen Lebens und dem Beginn des nächsten nennen wir auf Tibetisch "Bardo". In dieser Zeit reifen viele karmische Samen heran und es ist der zuletzt zurückliegende oder der stärkste Samen, der dann zu dem Resultat führt, aus dem der Geist die Form eines Tieres, eines Menschen oder eine ganz andere Form entstehen lässt. Es hängt also alles von unseren Gewohnheitsstrukturen ab.

Ist das ein Grund für unsere Dharma-Praxis?

Ja. Die Verbeugungen vor den 35 Buddhas zum Beispiel wirken wie eine Therapie für den Geist, und mit der Übung der Mandala-Schenkungen pflanzen wir viele gute Samen in ihn hinein. Mit solchen Methoden sammeln wir viele reine und positive Samen in unserem Speicherbewusstsein an. Das führt uns auf jeden Fall zu einem guten "Traum", einem guten menschlichen Leben und zu der Chance, sich aus Samsara zu befreien. Um sich aber ganz aus der bedingten Welt befreien zu können, braucht es gute "Träume". Als Menschen haben wir das Potenzial für Erleuchtung – aber sie ist leichter aus einem guten "Traum" heraus zu erlangen.

Ich lebe mitten in der Großstadt, wo es viel Leiden gibt. Ständig klopft jemand an meine Autoscheibe und bittet um Geld. aber man weiß, dass selbst wenn man jedem Bettler 10 Euro geben würde, es nicht wirklich das Leiden mindern würde. Was soll man tun?

Die Übung der Großzügigkeit ist die erste der Befreienden Handlungen der Paramitas, und sie anzuwenden, ist das Beste, was man machen kann. Die sechs Befreienden Handlungen zu praktizieren, führt zur Verwirklichung. Es sind Schritte in Richtung Erleuchtung. Die wichtigste Praxis unter ihnen ist die der Großzügigkeit, denn auf sie bauen all die anderen Verdienste auf. Großzügigkeit zu vervollkommnen heißt aber nicht, dass man verpflichtet ist, diesen ganzen Daseinsbereich von Bettlern freizumachen, das ist nicht der Punkt. Widmet anderen Wesen so viel, wie ihr nur könnt – das ist dann die Praxis der Großzügigkeit.

Wenn man also nicht so viel Geld übrig hat um den Bettlern zu helfen, macht man mit der richtigen Einstellung gute Wünsche für sie. Das führt zu echtem Mitgefühl, welches unsere Fähigkeit heranreifen lässt, den Wesen eines Tages wirklich helfen zu können.

Gute Wünsche zu machen ist eine sehr positive Handlung. Wenn man zum Beispiel etwas gibt, dabei aber Dankbarkeit erwartet, ist das keine reine Großzügigkeit. Diese Wünsche zu machen, wäre dem sogar vorzuziehen.

Du sprachst über die große Menge von Dharma-Belehrungen die zur Verfügung stehen. Ist das nicht für den einzelnen Praktizierenden verwirrend, selbst wenn sie alle gut sind?

Ja, man muss wissen wohin man mit der Praxis geht, damit man den richtigen Schwerpunkt legt. Es geht darum, alles was man gelernt hat im Hinblick auf eine Praxis anzuwenden, auf die Entwicklung des Erleuchtungsgeistes.

Kannst du etwas über Erwartungen sagen? Wir haben diese ja sogar in der Meditation.

Die Erwartung eines Ergebnisses macht unnötig Druck. Versucht das zu vermeiden, es ist für eure Meditation nicht förderlich.

Im Guru-Yoga auf den 16. Karmapa vergegenwärtigt man ihn und bittet um seinen Segen. Nun ist der 16. Karmapa aber wiedergeboren als der 17. Karmapa. Sind dann beide in Meditation da?

Die Übung hängt in keiner Weise mit der physischen Form zusammen. Die Vorstellung des 16. Karmapa ist nicht getrennt von der des 17. oder des 1. Karmapa. Man benutzt den Weisheits-Körper Karmapas als eine Methode um die Ermächtigung zu bekommen und die Qualitäten von Körper, Rede und Geist heranreifen zu lassen. Man konzentriert sich also nicht auf einen anderen Menschen um dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sondern man bekommt die Ermächtigung von einem Weisheits-Bild. Es geht beim Guru-Yoga nicht darum, einen Menschen um Hilfe anzurufen.

Wenn ich abends das Guru-Yoga auf den 16. Karmapa meditiere, kann ich danach oft nicht gut schlafen. Was kann ich tun?

Sei weniger angespannt. Entspanne dich in der Meditation und mache sie mit weniger Anstrengung. Wenn man sich in Meditation auf etwas einstellt, zum Beispiel auf eine Vergegenwärtigung wie den Buddha "Liebevolle Augen", dann ist es sehr wichtig, dabei nicht zu viel Anstrengung aufzuwenden, sondern es ganz sanft und natürlich zu machen. Wenn man viel Anstrengung aufbringt, erzeugt man etwas künstlich.

Andererseits muss man dennoch etwas Energie aufbringen, denn man wird schläfrig, wenn man zu sehr entspannt. In der Vergegenwärtigung hilft es dann zum Beispiel, wenn man sich das, worauf man meditiert, etwas höher vorstellt.

Meditation ist vergleichbar mit Weben: Der Stoff wird ungleichmäßig, wenn man einmal zu straff und dann wieder zu lose webt. Auch in der Meditation muss man das richtige Gleichgewicht finden. Zuviel Anstrengung führt zu Unruhe, aber zu viel Entspannung macht schläfrig. Am besten ist eine sanfte Konzentration, damit wird es natürlicher. Das gilt sowohl für das Beobachten des Atems bei der "Meditation der Geistesruhe", als auch für die Grundübungen oder die Vergegenwärtigung von Buddha-Aspekten.

Die vier Grundübungen, das Ngöndro, sind so angelegt, dass sie all das negative Karma aus uns herausspülen und viele gute Eindrücke im Geist aufbauen, zum Beispiel mit den Mandala-Schenkungen. In allen zukünftigen Leben, bis hin zu Erleuchtung, werden wir zahllosen fühlenden Wesen helfen. Die Fähigkeit und die Kraft, das tun zu können, beruhen auf der Ansammlung von guten Eindrücken. Schon eine einzige verdienstvolle Handlung kann zu endloser Kraft führen, um alle fühlenden Wesen zu befreien. Ein bloßer Gedanke kann schon dazu führen! Deshalb nehmen wir zuerst das Bodhisattva-Versprechen und versuchen die erleuchtete Geisteshaltung, das Bodhicitta, zu entwickeln – im Gegensatz zum Festhalten an einem Selbst.

Bodhicitta ist die Verbindung von Mitgefühl und der Erkenntnis der Leerheit. Diese Art von Mitgefühl ist weder aggressiv noch angestrengt durch Festhalten. Entwickelt ein solch reines Mitgefühl und sammelt durch Übungen wie die Mandala-Schenkungen Verdienst an. Stellt euch die Buddhas und Bodhisattvas vor und das wunderschöne Universum, das ihr an sie verschenkt. Zu wahrhaftem Mitgefühl für die fühlenden Wesen gehört auch die Fähigkeit ihnen wirklich helfen zu können und dafür baut man die Kraft des Verdienstes auf. Die vier Grundübungen bereiten uns darauf vor. Praktiziert sie kontinuierlich und sammelt Verdienst an: er wird in all euren späteren Leben unerschöpflich sein. In dieser Weise hat Buddha Amitabha das Reine Land Dewachen manifestiert; es entstand aus seinem reinen Wunsch heraus.

Die Übung des Guru-Yoga ist sehr kraftvoll, denn es ist eine direkte Methode um den Segen einzuladen, der aus dem Mitgefühl und den Wünschen der großen Bodhisattvas für das Wohlergehen aller Wesen entstand. Diese Wünsche der großen Bodhisattvas und die Hingabe, die ihr entwickelt, sind die Ursachen und Wirkungen, die Segen entstehen lassen. Wenn man das Guru-Yoga übt, tritt man mit den erleuchteten Bodhisattvas in Verbindung, die versprochen haben, die fühlenden Wesen zu befreien und die durch ihre Wünsche für die Wesen Segen haben entstehen lassen.

Der Geist kann den Ausstrahlungszustand, den Nirmanakaya, entwickeln. Unser derzeitiger Körper entstand aus dem Festhalten unseres fehlerhaft arbeitenden Geistes. Unsere jetzige physische Form ist also aus unserer Verbindung mit der bedingten Welt entstanden, durch unsere Unwissenheit. Der Ausstrahlungszustand – auf Tibetisch "Tulku" genannt, auf Deutsch "Illusions-Körper" – ist die Entwicklung eines nicht wirklich physisch existenten Weisheits-Körpers. Dadurch löst man die Gewohnheit auf, an der Form eines fühlenden Wesens anzuhaften.

In der Übung des Guru-Yoga lädt man einen solchen Weisheits-Körper ein und dieser verschmilzt mit uns. Er wirkt dann wie eine Art von Gussform in unserem Geist. Wenn man diesen Samen einmal empfangen hat, kann man den Weisheits-Körper durch das Guru-Yoga und die Vergegenwärtigung der Buddha-Aspekte selbst entwickeln. Es ist nicht so, dass während der Guru-Yoga-Übung auf der einen Seite ein Mensch ist und auf der anderen Karmapa, und dass Karmapa dann gebeten wird zu kommen und zu helfen. Man empfängt den Weisheits-Körper und dadurch kann man seine eigenen innewohnenden Qualitäten entwickeln. Ihr könnt euren Ausstrahlungszustand, euren "Ilusions-Körper", selbst entwickeln. Um die euch innewohnende Ursache dazu zu aktivieren, braucht es eine äußere Ursache und beim Guru-Yoga geschieht das, indem ihr die Weisheitsform durch eine Ermächtigung manifestiert.

Wenn wir die Übung des Guru-Yogas und die Meditationen auf die Yidams machen, können wir uns schnell entwickeln und die Qualitäten aufnehmen. Unser derzeitiges Karma begrenzt uns, wir sind eingeschränkt. Durch unsere Widmung zum Wohle aller Wesen wird unser Geist grenzenlos. Greift nicht danach, denn sonst führt das zu Haften am Selbst.

Aus diesem Grunde: Versteht absolutes Bodhicitta, die Tatsache, dass alle fühlenden Wesen und die Universen nicht wirklich existent sind, sondern wie ein Trugbild. So ist es tatsächlich. Es geht nicht darum, seinen Geist zu zwingen, in dieser Weise zu denken. Alles ist frei von einer realen Existenz. Wenn diese Sichtweise von Mitgefühl durchdrungen ist, ist keinerlei Haften an einem Selbst dabei. In dieser Weise Mitgefühl für die Wesen zu entwickeln, lässt wahrhaftes Mitgefühl entstehen, und das befreit euch aus der Falle der bedingten Welt.

Aus einer Frage-und-Antwort-Sitzung mit Künzig Shamar Rinpoche, 2006 im Diamantweg-Zentrum in San Francisco.

Aus dem Englischen


1: Rinpoche bezieht sich wohl auf die 2. Silbe des tibetischen Wortes für Buddha: Sang Gyä. Das Sanskrit-Wort "Buddha" bedeutet "Erwachter".

2: In den Diamantweg-Zentren wird der Schwerpunkt eher auf die Mahamudra-Grundübungen und Karmapa-Guru-Yogas gelegt.

3: Shamar Rinpoche: "Die Praxis war im buddhistischen Indien sehr verbreitet, insbesondere zu der Zeit , als die beiden Bodhisattva-Wege des Mahayana und Vajrayana dort blühten. Viele Buddhisten - tantrische Yogis, Gelehrte, Mönche und Nonnen, Laien - wählten dieses Sutra unter den verfügbaren Mahayana-Sutras und Tantras als ihre Vorbereitende Übung oder tägliche Praxis. In der Tat haben es auch der große tibetische Meister Marpa und eine Reihe der ihm Ebenbürtigen als ihre Vorbereitende Übung gewählt, bevor sie dann fortgeschrittene Vajrayana-Praktiken übten."


Shamar Rinpoche
ist der zweithöchste Lehrer der Karma-Kagyü-Linie. Seine Inkarnationslinie stand von jeher in engster Verbindung mit derjenigen der Gyalwa Karmapas, so dass er auch zu dem Beinamen "Rothut-Karmapa" kam.

Der letzte, der 14. Shamarpa, wurde 1952 geboren und starb 2014. 1959 verließ Shamar Rinpoche aufgrund der chinesischen Invasion sein Heimatland Tibet an der Seite des 16. Karmapa. Bis 1979 erhielt er im Kloster Rumtek in Sikkim sämtliche Belehrungen und Übertragungen der Kagyü-Linie vom 16. Karmapa.

Seitdem reiste er durch die ganze Welt und lehrt den Diamantweg-Buddhismus. Im März 1994 erkannte er offiziell Trinle Thaye Dorje als den 17. Gyalwa Karmapa an und leitete dessen Ausbildung.

1996 gründete er "Bodhi Path", eine Organisation von buddhistischen Zentren in Ost und West. Rinpoche ist Autor von verschiedenen Büchern. Im "The Path to Awakening" (deutsch: "Lojong – der buddhistische Weg zu Mitgefühl und Weisheit") gibt Shamar Rinpoche einen ausführlichen Kommentar zu Chekawa Yeshe Dorje's Sieben-Punkte-Geistestraining (Lodjong). Sein letztes Buch "A Golden Swan in Turbulent Waters" wurde in Ausgabe 52 der Buddhismus Heute vorgestellt.

www.shamarpa.org

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