Aus: Buddhismus Heute Nr. 52, (Winter 2012 / 2013)

Momente aus dem Leben des 16. Karmapa

Topga Rinpoche

Der 16. Karmapa wurde 1924 geboren. Die Umstände seiner späteren Anerkennung waren interessant: Der 15. Karmapa hatte einen Brief mit Anweisungen zur Auffindung seiner Wiedergeburt geschrieben. Diesen Brief konnte man allerdings nach seinem Tod nicht finden. Die Schüler des 15. Karmapa fragten sich gegenseitig danach, aber niemand schien ihn zu haben.

Erst später stellte sich heraus, dass der 15. Karmapa den Brief vertraulich einem nahen Schüler namens Lama Jampel Tsultrim gegeben hatte. Lama Jampel Tsultrim konnte sehr gut schreiben und erledigte deswegen für den 15. Karmapa Sekretärsarbeiten. Karmapa hatte ihm den Prophezeiungsbrief gegeben und gebeten, dass er ihn erst zu einem bestimmten Datum öffnen dürfe, keinesfalls vorher.
Karmapas Schüler waren sehr verwirrt, weil sie keinen Brief finden konnten, und die tibetische Regierung des Dalai Lama fing an, Karmapas Mönche unter Druck zu setzen: "Wo ist der Brief? Wo ist die Wiedergeburt?" Mittlerweile waren auch zwei oder drei "Kandidaten" aus großen Familien Tibets in Erscheinung getreten und man spekulierte, ob nicht einer von ihnen Karmapa sein könnte.
Schließlich sagte Lama Jampel Tsultrim: "Hier ist der Brief. Die von Karmapa genannte Zeit ist gekommen und so kann ich ihn euch geben. Der Brief ist völlig klar. Ihr müsst nichts weiter tun, als zu der bezeichneten Stelle zu gehen und ihr werdet Karmapa dort vorfinden."
Allerdings war der Brief in einer besonderen Form geschrieben und nicht auf Anhieb verständlich. Der damalige Beru Khyentse Rinpoche1, ein Schüler des 15. Karmapa, fand den Schlüssel um den Brief zu übersetzen. Damit wurde dann alles völlig klar, denn die Umstände der Wiedergeburt waren genau beschrieben. Alle Details waren genannt, wie zum Beispiel der Berg hinter dem Haus, der Name der Familie, das Jahr und das genaue Datum der Geburt. Es war so eindeutig, dass es nichts zu diskutieren gab und dass niemand Probleme machen konnte.
Der Brief war in sehr schöner Weise handgeschrieben. Karmapa sagte darin auch, er hätte noch viele andere visionäre Prophezeiungen, es sei aber jetzt nicht die richtige Zeit, um sie zu erzählen.
An einer Stelle sagte er, eigentlich würde er lieber gar nicht wiedergeboren werden, denn es sei "schrecklich".2 Es war alles in allem ein sehr schöner Brief.3
Als bekannt wurde, dass der Brief gefunden worden war, schickte die Regierung aus Lhasa ein sehr ernstes Schreiben an Lama Jampel Tsultrim. Er wurde aufgefordert, nach Lhasa zu kommen, was eine schwerwiegende Angelegenheit erwarten ließ. Jampel Tsultrim starb noch in derselben Nacht. Am frühen Morgen fand man ihn tot in Meditations-Stellung sitzend. So blieb ihm einiges erspart, denn wer weiß, welche Bestrafung ihn erwartet hätte?
Wenn der Dalai Lama weit weg war, konnten die Leute unter ihm manchmal sehr unangenehm werden.
Mit Hilfe des Briefes des 15. Karmapas wurde also der richtige 16. Karmapa gefunden und anerkannt. Der damalige Situ Rinpoche4 war maßgeblich daran beteiligt. Er zog Karmapa auf, inthronisierte ihn und so weiter.
Es geschahen damals eine ganze Reihe Wunder - wenn man an Wunder glauben mag... Ich weiß nicht, wie man so etwas wissenschaftlich erklären kann, aber zum Beispiel war Karmapa genau einen Tag, bevor die Geburt hätte stattfinden sollen, plötzlich aus dem Leib der Mutter verschwunden. Die Mutter war außer sich und schrie: "Ich habe mein Baby verloren, es ist weg!" Am nächsten Tag war Karmapa dann aber wieder da und wurde geboren.
Ich weiß nicht, wie man so etwas erklären kann, aber es ist belegt. Im Alter von acht Jahren wurde Karmapa in Tsurphu inthronisiert5 und begann mit seinen Studien unter einem sehr guten Gelehrten namens Gongkar Rinpoche. Er stammte eigentlich aus einem chinesischen Dorf und Volksteil, und war einer der größten Gelehrten der damaligen Zeit. Gongkar Rinpoche gehörte zu Karmapas Lehrern und unterrichtete ihn erst in Grammatik und später in tibetischer Geschichte.
Ein "Vajra-Meister" (tib. Dorje Lopön) in Tsurphu unterrichtete Karmapa später darin, wie man Pujas und Rituale ausführt, und in all den Dingen, die damit zusammenhängen. Situ Pema Wangchuk gab ihm die Mönchsgelübde, das Bodhisattva-Versprechen und viele Ermächtigungen. Später wurde auch der 2. Jamgön Kongtrul6 sein Guru und sogar einer seiner wichtigsten Lehrer. Jamgön Kongtrul verfasste ein sehr schönes Lied, in dem er die Verwirklichung des 16. Karmapa beschrieb.

Karmapa war von morgens bis spät nachts die ganze Zeit über beschäftigt, denn ständig kamen Menschen zu ihm. Er erzählte uns selbst, dass es sehr anstrengend war - besonders in Zeiten, wenn er eigentlich studierte. Die Besucher hatten alle möglichen Fragen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Oder sie baten um Segen, wenn sie zum Beispiel keine Kinder bekommen konnten. Karmapa gab ihnen den Segen und dann bekamen sie ein Kind. Einmal wurde er anschließend sogar bezichtigt, der Vater zu sein. [Rinpoche lacht]
Bei einer Gelegenheit hinterließ Karmapa einen Fußabdruck im Wasser7. Das ist etwas sehr Seltenes und wurde als sehr besonders angesehen. Wie ihr wohl alle wisst, war Karmapa ein sehr liebevoller Mann. Er war ein sehr gütiger Mensch, der sich immer mehr um andere als um sich selbst sorgte. Wenn unsereins das heutzutage tun würde, wäre man wohl immer der Verlierer. [Rinpoche lacht] Aber so war er einfach!
1959 musste Karmapa aus Tibet fliehen, und die Umstände waren sehr traurig. Er wollte nicht fortgehen und er konnte es vorher niemandem ankündigen. Erst in letzter Minute rief er alle zusammen und sagte: "Übermorgen muss ich abreisen."
Alle waren aufgeregt und diskutierten, ob man das so schnell organisieren und was man mitnehmen könne. Das Reisen war damals in Tibet keine so einfache Angelegenheit wie heutzutage, wo man einfach seinen Koffer nimmt und zum Flughafen fährt. Man ritt zu Pferd, nahm Maultiere mit, und musste zumindest Proviant vorbereiten. Aber Karmapa sagte: "Ich muss übermorgen abreisen, ob es euch gefällt oder nicht." Alle stimmten zu und so geschah es dann.
Diesen Tag werde ich niemals vergessen. Unsere Abreise war frühmorgens und die Straßen waren erfüllt vom Weinen der Menschen. So etwas vergisst man nicht, das Geräusch ist mir bis heute in den Ohren. Es war sehr traurig.
Wir brauchten ungefähr zwanzig Tage, bis wir Bhutan erreichten, aber wir nahmen uns auf dem Weg auch einen oder zwei Tage mehr Zeit. Eigentlich hätten wir das nicht tun sollen, es war gefährlich, weil die Chinesen uns verfolgten. Ich glaube, der Dalai Lama floh vier oder fünf Tage später.
Als wir Bhutan erreichten, war die Gefahr für uns erst einmal vorbei. Aber Karmapa wollte nicht in Bhutan bleiben, denn er befürchtete, das ganze Land damit in Gefahr zu bringen. Es gab Gerüchte, dass die Chinesen ihn bis nach Bhutan hinein verfolgen würden. Leute waren besorgt um Bhutan, da sie Karmapa als anti-chinesisch ansahen. Das war eine ernste Angelegenheit und der bhutanesischen Regierung fiel es nicht leicht, ihm davon berichten zu müssen. Karmapa antwortete aber, dass er Bhutan nicht schädigen wolle. All die Könige, wohlwollende und gute Menschen, waren schließlich seine Schüler gewesen. So verließ er also das Land und ging nach Indien.
Chogyal Tashi Namgyal, der damalige König von Sikkim, schickte einen sehr wichtigen Sekretär8, um Karmapa einzuladen. Dieser wurde später ein Trustee des Karmapa Charitable Trust, und ist mittlerweile leider verstorben. So kamen wir also nach Sikkim und siedelten uns in Rumtek an. Das alte Rumtek war allerdings nicht so, wie es heutzutage ist: Es war sehr heiß, die Fenster und Türen waren zerbrochen, sodass der Wind durch die Räume wehte - was uns aber recht war, denn uns war sehr heiß. Wir waren ja gerade erst aus Tibet heruntergekommen. Es gab überall Ratten und Blutegel. Man konnte gar nicht einfach so herumlaufen, denn sofort war man voller Blutegel. Wir gingen dann erst einmal auf eine Pilgerreise in Indien.
Karmapa hatte großes Mitgefühl mit den aus Tibet nach Indien geflohenen Mönchen. Sie hatten nichts zu essen, keine anständige Kleidung und lebten oft auf der Straße. 1962 ging er auf die indische Regierung zu und sagte: "Schaut, diese Mönche sterben. Bitte tut etwas dagegen!" So bekamen die Mönche zumindest Kleidung und Nahrung. Karmapa tat das nicht nur für die Kagyüs, sondern für Mönche und Nonnen aller Schulen und auch für Laien. Es war eine große Hilfe für diese Menschen, und für zumindest ein oder zwei Jahre hatten sie genug zu essen.
Die Hilfe kam von der Gouverneurin von Westbengalen namens Padmaja Naidu, einer guten Freundin der Gandhi Familie, inbesondere von Indira Gandhi. Sie mochte Karmapa sehr und setzte sich für ihn ein. Obwohl sie der Hindu-Religion angehörte, hörte sie auch einige Belehrungen von Karmapa. Sie sagte, dass Karmapa sich nicht sorgen solle, sie werde seinen Leuten helfen. Die Leute verdrehten das aber später und unterstellten Karmapa politische Gründe. Er wollte nur, dass die Mönche etwas zu essen haben, doch einige Leute sagten, er wolle damit Politik machen. So sind die Menschen manchmal ... Aber vergessen wir das.
Später beschloss Karmapa dann, dass er lieber ein neues, eigenes Kloster aufbauen wollte. Wir baten die Regierung Sikkims um ein Stück Land und dort entstand dann das Kloster Rumtek. Selbst unter den damaligen schwierigen Umständen in Rumtek vernachlässigte Karmapa nie die täglichen Anrufungen. Die Mönche machten täglich Pujas, als wären wir noch in Tibet.
Karmapa war es gleich, ob es etwas zu essen gab oder nicht. Er sagte: "Macht einfach die Pujas!" Er forderte uns auch auf, etwas für die Menschen, für den Erhalt der Lehren, für die Dharma-Bücher, die Kultur und die tibetische Identität zu tun. Karmapa sprach nie über die Unabhängigkeit und Freiheit Tibets, aber darüber, dass wir unsere tibetische Identität nicht verlieren dürften.
Selbst wenn wir unter Millionen von Menschen anderer Kulturen lebten, sollten wir doch Tibeter bleiben und nicht unsere Identität verlieren. Wie? Indem wir unsere Traditionen aufrechterhalten, die tibetischen Künste, das Studium und so weiter. Er wollte zum Beispiel auch, dass wir die tibetische Kleidung beibehalten und dass wir weiterhin unsere Haare lang tragen - obwohl es ja in Indien sehr heiß war. Karmapa förderte dann sehr den Buchdruck in traditioneller Blockdruck-Weise, was natürlich damals im Vor-Computer-Zeitalter sehr zeitaufwändig war.
Einige der jungen Rinpoches zog Karmapa wie seine eigenen Söhne auf. Es war unglaublich, in welchem Ausmaß er sich um sie kümmerte; er unterrichtete sie, gab ihnen Ermächtigungen und so weiter.
1981 wurde Karmapa schwer krank. Ich war gerade auf dem Weg in die USA um dort meine Tochter einzuschulen, als ich einen Anruf aus Rumtek bekam. Jamgön Rinpoche oder jemand anderes sagte mir, Karmapa sei zu krank um selbst zu telefonieren. Er ließ mir seine Bitte ausrichten, ihn nach Hong Kong zu begleiten, wo er sich einer Behandlung unterziehen würde.
Ich sagte also mein Programm ab und flog mit Karmapa nach Hong Kong. Jemand hatte Karmapa einen Arzt aus Singapur empfohlen, der in Hong Kong arbeitete. Als wir in Hong Kong ankamen, war dieser Arzt aber gerade in Malaysia. Wir warteten zwei Tage und Karmapas Gesundheit verschlechterte sich. Schließlich kam der Arzt zwar, aber es stellte sich heraus, dass er nur in einem bestimmten Krankenhaus praktizierte, das öffentliche Queen Mary Hospital, welches nicht besonders gut war. Selbst die Krankenschwestern waren dort unfreundlich. Ich denke, die Behandlung war richtig, aber es war einfach nicht das beste Krankenhaus. Karmapa blieb jedoch diesem Arzt zuliebe noch zwei Tage dort. Der Arzt sagte dann: "Es besteht keine Hoffnung mehr; keine Hoffnung mehr ..." Er kannte sich aus und wusste es, aber wir wollten nicht aufgeben und versuchten es mit japanischen und amerikanischen Ärzten. Sie versuchten alles Mögliche und schließlich flogen wir für eine Behandlung nach Chicago.
Karmapa war zu dieser Zeit schon wirklich schwer krank. Er lag im Bett, spuckte Blut... Aber trotz allem war er die ganze Zeit über liebevoll mit uns und sorgte sich sogar darum, dass wir zu essen bekämen. Früh morgens sagte er uns immer: "Geht ins Bett und schlaft". So viel Fürsorglichkeit ... Die Krankenschwestern in Chicago waren regelrecht verliebt in ihn und sagten: "Oh, Eure Heiligkeit! Sie sind so eine feine Person. Sie denken immer erst an uns, selbst wenn Sie so krank sind!" Für seine Umgebung war es manchmal regelrecht irritierend, dass er immer lächelte.
Schließlich starb Karmapa in Chicago und wir brachten seinen Körper für die Verbrennung nach Sikkim. Wenn man sich jetzt die Situation um seine Wiedergeburt anschaut ... so viel Ärger. Aber hoffen wir das Beste, wir müssen positiv denken.9

1: Der erste Beru Khyentse, 1895-1945.
2: Vielleicht ein Hinweis darauf, welch großen Mut ein Bodhisattva zeigt, sich freiwillig wieder in die Welt zu inkarnieren, anstatt in der Freude der Reinen Ländern zu verweilen.
3: Weitere Details zu dieser Geschichte in Tulku Urgyen Rinpoches Buch "Blazing Splendor".
4: Der 11. Situ Rinpoche, Situ Pema Wangchuk, 1886-1952.
5: Vorher war er schon in Palpung in Kham inthronisiert worden.
6: Karsey Kongtrul, Palden Khyentse Özer, ein Sohn des 15. Karmapas. 1902-1952.
7: Karmapa hinterließ im Eis eines zugefrorenen Flusses einen Fußabdruck. Man sah ihn immer noch, als das Eis geschmolzen war, und im nächsten Winter wieder im Eis.
8: Tashi Dadul Densapa
9: Die letzten Bemerkungen müssen im Kontext des Jahres 1993 gesehen werden, als dieser Vortrag gehalten wurde. Die Kagyü-Krise stand in jenen Jahren auf dem Höhepunkt, und der 17. Karmapa Thaye Dorje war noch in Tibet und noch nicht anerkannt. Topga Rinpoche äußerte damals oft ein Gefühl von Trauer über den Zustand der Gemeinschaft der Schüler des 16. Karmapa.

Aus dem Englischen von Detlev Goebel


Topga Rinpoche

Topga Rinpoche stammte aus einer früheren Königsfamilie in Tibet und war ein Neffe des 16. Gyalwa Karmapa. Er wurde schon als Jugendlicher vom 16. Gyalwa Karmapa in Tsurphu als "Vajra-Meister" eingesetzt und wurde später im Exil der Generalsekretär des Klosters Rumtek. Er galt als sehr gelehrt, wobei sein historisches Wissen besonders hervorstach. Shamar Rinpoche nannte ihn einmal einen "Idealisten und Intellektuellen". Als einer der größten Gelehrten der Karma-Kagyü-Linie unterrichtete er am KIBI in New Delhi buddhistische Philosophie, Erkenntnistheorie und die tibetische Sprache. Sein besonderes Engagement galt dem Erhalt der Tradition der "Schwarz- und Rothut-Karmapas", der Untrennbarkeit der Karmapas und Shamarpas.
Topga Rinpoche setzte sich nach dem Tod des 16. Karmapa sehr bestimmt dafür ein, Karmapas Wünsche weiter zu erfüllen und sein Vermächtnis zu bewahren, womit er sich im Himalaja-Gebiet einige Feinde machte, die andere Pläne mit der Karma-Kagyü-Linie hatten.
Topga Rinpoche war mit einer bhutanesischen Prinzessin verheiratet und verbrachte einen großen Teil seiner Zeit in Bhutan. Als 1987 Lopön Tsechu Rinpoche zum ersten Mal einer westlichen Pilgergruppe unter der Leitung von Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl ermöglichte, die heiligen Plätze Bhutans zu besuchen, unterstützte auch Topga Rinpoche diese Reise sehr und empfing die Pilgergruppe in Bhutan.
Topga Rinpoche starb 1997. Anlässlich seiner Verbrennung in Bhutan wurde der 17. Karmapa Thaye Dorje in Bhutan als Staatsgast mit allen Ehren empfangen.