HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 51, (Sommer 2012)

Tilopa

Von Wolfgang Poier

Tilopa (988 - 1069) ist Halter des "Weges der Mittel" - der Diamantweg-Meditationen auf Buddha-Aspekte und der Arbeit mit den inneren Energien. Diese ermöglichen die Verwirklichung des Großen Siegels in einem Leben. Bekannt ist uns Tilopa auch als fordernder Lehrer Naropas. Naropa verfügte über ein riesiges buddhistisches Wissen, hatte dies aber in der Meditation nicht vollständig verwirklicht. Als er durch eine Dakini darauf aufmerksam gemacht wurde, suchte er zuerst jahrelang nach Tilopa. Dann erlangte Naropa nach zwölf großen und zwölf kleinen Herausforderungen, die Tilopa ihm stellte, Erleuchtung.

Tilopas Leben wird in verschiedenen Texten unterschiedlich erzählt. Die Lebensgeschichte, auf die ich mich hier hauptsächlich beziehe1, stammt von Marpa (1012 - 1097), dem großen Übersetzer indisch-buddhistischer Schriften ins Tibetische. Sie zeigt Tilopas Werdegang, die Begegnungen mit seinen Lehrern und Lehrerinnen, seine inneren Erfahrungen des Verstehens und seine Art des Wirkens als erleuchteter Meister.

Einige Abschnitte von Tilopas Lebensgeschichte, geistiger Entwicklung und Verwirklichung werden auf metaphorischsymbolischer Ebene erzählt. Sie sind dementsprechend nicht wörtlich zu verstehen. Sie können als poetische Verdichtung und als eine Darstellung innerer Erfahrungsebenen – jenseits von Worten – gelesen und nachvollzogen werden.

I. Dakinis, Lehrer und Verwirklichung

Tilopa wurde 988 unserer Zeitrechnung in einer Brahmanenfamilie im östlichen Indien geboren. Die Eltern hatten lange auf einen Sohn gewartet und dementsprechend Wünsche gemacht und Gaben dargebracht, die dafür hilfreich sein sollten. Als Tilopa geboren wurde, durchstrahlte Licht Ostindien und auch andere Zeichen begleiteten die Geburt eines besonderen Kindes. Die Eltern befragten daher einen Wahrsager. Er gab folgende Auskunft: "Ich kann nicht genau sagen, wer dieses Kind ist, aber es ist sicher ein ganz besonderes Wesen, vielleicht ein Weltenherrscher, vielleicht ein Gott, vielleicht ein Buddha; gebt auf dieses Kind acht und behandelt es gut!"

Eines Tages – Mutter und Sohn waren alleine – zeigte sich eine lichtschimmernde Erscheinung vor ihnen: Viele Frauen, mit allen Zeichen der Hässlichkeit, hinkten keuchend auf ihre Stöcke gestützt auf sie zu. Die Mutter bekam es schon mit der Angst zu tun, dass sie ihrem Sohn etwas antun könnten, als die Frauen sprachen: "Selbst wenn du dich in der besten Weise um ihn kümmern würdest, gibt es keinen Ort auf der Welt, an dem man nicht sterben kann." "Wie kann ich ihm dann nützen?", fragte die Mutter. Die weiblichen Weisheitswesen wandten sich an das Kind: "Hüte die Büffel und lerne die Schriften. Du wirst weitere Prophezeiungen der Dakinis erhalten." Dann verschwanden sie.

Einige Jahre später, als Tilopa bereits ein junger Mann war, erschienen diese Dakinis wieder. Tilopa vertiefte sich gerade in buddhistische Schriften, während er die Büffel hütete. Die Dakinis fragten ihn, wer er sei, von wem er abstamme, wo er sich befände und was er mache. Er gab die erwartete Auskunft, wie er selbst, seine Eltern und seine Schwester hießen. Und er antwortete auch, dass er ein Büffelhirte sei, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und unter einem Adlerholzbaum Dharma-Schriften lerne, die er später dann in die Praxis umsetzen wolle. Da zeigten sich die Dakinis zornig, und eine von ihnen sagte: "Falsch! Du hast ja keine Ahnung. Dein Vater ist "Höchste Freude", deine Mutter "Rote Weisheit"2. Ich bin deine Schwester Sukhasiddhi. Du stammst aus dem Land der Dakinis, Uddiyana3. Hüte keine Tiere! Hüte die Büffel der Erkenntnis im Wald der Bodhi-Bäume!" Tilopa antwortete, dass er diese höchste Sicht nicht halten könne. Da meinten die Dakinis, dass es Zeit sei, zu verstehen, was er lese: "Gehe zur Leichen-Verbrennungsstätte Salavihara: Dort wird es dir vermittelt werden."

Bei dieser Begräbnisstätte lebten große Diamantweg-Meister und Verwirklicherinnen. Als Tilopa dort ankam, feierten sie gerade ein tantrisches Fest. In der Folge erhielt er viele Diamantweg-Übertragungen, Ermächtigungen in Buddha-Formen und deren Tantras sowie die später als "Sechs Lehren Naropas" zusammengefassten Übertragungen des "Weges der Mittel". Von Nagarjuna, der aufgrund seiner Abwesenheit von Matangi vertreten wurde, erhielt er die Ermächtigung in Guhyasamaya und die Vollendungsphase des Illusionskörpers und das Klare Licht. Charyapa ermächtigte ihn in Mahamaya und gab ihm die Erklärungen zu Phowa. Lawapa übertrug ihm das Hevajra-Tantra und den Traum-Yoga.

Etwas später – Tilopa war mittlerweile als Mönch im Ashoka-Kloster ordiniert worden – wurde er von seinem Onkel, der hier Abt war, und seiner Mutter, die hier als Nonne lehrte, in den buddhistischen Texten zur höchsten Weisheit unterrichtet. Eines Tages, während Tilopa die Schriften studierte, erschien eine Frau vor ihm – es war wieder die Dakini Sukhasiddhi. Sie fragte ihn, ob er wirklich verstehe, was er lese. Als er verneinte, erklärte sie ihm die Bedeutung des Textes. Dann gab sie ihm die Ermächtigung in Buddha "Höchste Freude" sowie die Erklärungen zu Innerer Hitze und Bardo. Als sie ihn aufforderte, auf Buddha "Höchste Freude" zu meditieren, sagte er, dass ihm das hier nicht erlaubt sei. Daraufhin gab sie ihm folgende Anweisung: "Binde diesen ‚Höchsten-Weisheits-Text‘ mit einer Schnur fest zusammen, steige aufs Dach des Tempels und wirf ihn – indem du dich wie ein Verrückter aufführst – von dort ins Wasser des Flusses. Ich werde den Text davor schützen, beschädigt zu werden." Genauso geschah es: Der Text blieb unbeschädigt, aber Tilopa wurde als verrückt beschimpft und mit Schlägen und Tritten aus dem Kloster geworfen. Nun konnte er ungehindert die Entstehungs- und Vollendungsphase der Diamantwegmeditation praktizieren, eins mit Buddhas Geist.

Nach einiger Zeit stellte ihm die Dakini eine neue Aufgabe: "Im Osten, beim Marktplatz von Pancapana, lebt Bharima, eine Prostituierte, mit ihrem Gefolge. Wenn du bei ihr als Diener arbeitest, wirst du weiter gereinigt werden. Du wirst die Grenzen der Praxis überschreiten und Vollkommenheit erlangen." Entsprechend der Anweisung seiner Lehrerin begab er sich dorthin, führte nachts die Freier zu Bharima und stampfte tagsüber Sesam. So wurde er auch als Tilopa bekannt, da tila auf Sanskrit "Sesam" bedeutet. Bharima war eine große Verwirklicherin und beide zusammen vervollkommneten die Praxis des Diamantwegs an der Verbrennungsstätte von Kereli.

Als Tilopa eines Tages wieder Sesamöl am Marktplatz zubereitete, erlangte er die vollkommene Verwirklichung des Großen Siegels. Die Stadtbewohner sahen in diesem Moment Flammen aus seinem Körper hervorlodern und seine Knochenornamente feurig leuchten. Als sie ihn um Erklärungen baten, schwebte er in einer Höhe von sieben Kokospalmen in einem Zelt aus Regenbogenlicht über der Versammlung. Er sprach: "Oh ihr, die ihr Vertrauen habt, möge meine Erfahrung des zeitlosen Geistes eure Herzen erfüllen!" Die Anwesenden wurden im gleichen Augenblick befreit.

Die Kunde von seiner Verwirklichung verbreitete sich schnell und so kam auch der König, von seinem Gefolge umgeben, auf einem Elefanten reitend, um Tilopa Respekt zu erweisen. Gemeinsam mit seiner Gefährtin Bharima sang Tilopa für ihn ein Lied der Verwirklichung:

Die Essenz des Sesamöls ist im Sesamsamen vorhanden,
das wissen selbst die Unwissenden.
Wenn sie aber nicht begreifen, wie die Dinge in wechselseitiger Abhängigkeit entstehen,
können sie das Sesamöl nicht daraus gewinnen.
In der gleichen Weise kann intuitive Einsicht in die zugleichentstehende und immer vorhandene Weisheit
– auch wenn sie im Herzen aller Lebewesen zu jeder Zeit gegenwärtig ist
– nur erlangt werden, wenn sie von einem Lama aufgezeigt wird.

Den Sesam stampfend und seine Hüllen entfernend
lässt sich das Sesamöl, die Essenz, aber gewinnen;
der Lama zeigt durch solche Zeichen, wie die Dinge sind:
Erscheinung und Raum sind untrennbar voneinander.
Die unendlich weit reichende und in ihrer Tiefe nicht zu ermessende
Bedeutung ist nun klar. Wie wunderbar!

Als sie dies sangen, erlangten alle Anwesenden Verwirklichung, die Einheit von Freude und Raum. Tilopa und Bharima fügten noch weitere Erklärungen hinzu:

"Obwohl man Widerspruch entdecken mag, gibt es nichts zu verwerfen. Kein Gegenmittel ist anzuwenden; es gibt weder eine Grundlage, noch einen Weg zu gehen oder ein Ziel zu erlangen. Der Lama zeigt die Natur des Geistes auf, wie sie ist."

Als er gefragt wurde, wer seine Lehrer seien, antwortete Tilopa:

Nagarjuna, Charyapa, Lawapa und Sukhasiddhi sind meine menschlichen Lehrer der vierfachen Übertragung.4

II. Die Dakini-Übertragungen

Wieder erschien Sukhasiddhi vor ihm und sagte, er solle zu den makellosen Dakinis gehen, um die Übertragung jenseits aller Worte zu erhalten. Als Tilopa meinte, dass er nicht wisse, was dafür zu tun sei, antwortete die Frau: "Im Palast aus Duft, der in Uddiyana liegt, kannst du diese Übertragung dank deiner Verbindung zur höchsten Weisheit und meiner Voraussage erlangen. Nimm eine kristallene Leiter, eine Juwelenbrücke und den Stängel der Großen Klette und gehe dorthin."

Die Weisheits-Dakini des Wahrheitszustandes wohnte als Königin im Tempel der Düfte im Land Uddiyana, im Westen. Sie verweilte in ungehinderter Meditation auf einer Ebene jenseits aller Trennung. Sie war von den Dakinis des Freudenzustandes umgeben, die die geheimen Diamantweg-Übertragungen in einem Juwelenpalast bewahrten. Sie hatten diese mit einem Schloss, das nicht geöffnet werden konnte, verschlossen und mit sieben Siegeln versiegelt. Es war zudem von den starken Mauern einer Burg und einem Graben umgeben. Diese Dakinis der fünf Buddha-Familien erfüllten hier die Funktion von Ministern und waren von den Karma-Dakinis des Ausstrahlungszustandes umgeben. Diese gewährten jenen mit Vertrauen und Hingabe geistige Verwirklichung, aber konnten jene mit mangelndem Vertrauen und Einsatz abweisen oder vernichten, denn sie waren die Torhüter.

Als Tilopa an den Palast aus Duft gelangte, empfingen ihn die Dakinis des Ausstrahlungszustandes mit rauen, donnernden Worten und versuchten ihn zu erschrecken. Tilopa gab zu verstehen, dass er trotz der Erscheinung vieler furchteinflößender Dakinis nicht vor Angst zittere. Körperlich unerschütterlich, ungehindert in seiner Rede und furchtlos in seinem Geist überstrahlte sein Gewahrsein die Dakinis. Sein durchdringender Blick ließ sie ohnmächtig werden. Als sie sich davon erholt hatten, sagten sie: "Du hast uns besiegt und kannst nun tun, was du willst." Tilopa sagte: "Lasst mich eintreten!" Die Dakinis des Freudenzustandes gewährten ihm Einlass und er betrat den Duftpalast, indem er seine Juwelenbrücke über den Burggraben legte, die kristallene Leiter an die Mauern stellte und das Schloss mit dem Stiel der Großen Klette öffnete. So gelangte er schließlich vor die Weisheits-Dakini des Wahrheitszustandes.
Sie war von unzähligen Dakas und Dakinis – Helden und Heldinnen der Erleuchtung – rechts und links von ihr umgeben.

In dem Augenblick ihres Zusammentreffens hörten sie donnernde Worte als eine spontane Bezeugung der Raumnatur des Geistes:

Das ist die höchste Weisheit, die Mutter aller Buddhas,
die Raumnatur des Geistes,
die Siegreiche, Vollkommene, die Erleuchtete.

Das ist Höchste Freude, Chakrasamvara, der Vater aller Buddhas.
Selbst wenn ein Regen von Vajras auf ihn fiele, könnte er ihm nichts anhaben.

Die Versammelten gaben dennoch vor, ihn nicht zu kennen, und fragten Tilopa: "Wer bist du? Wer schickt dich zu uns? Und was willst du eigentlich?" Er antwortete: "Ich bin Tilopa, meine Schwester Sukhasiddhi sandte mich. Ich bin hier, um die Weisheitslehren der Dakinis zu empfangen."

Die Versammelten brachen in Lachen aus, machten sich über ihn lustig und sprachen wie aus einem Mund:

Ein blind Geborener schaut, sieht aber keine Form,
ein Tauber lauscht, kann aber keine Töne hören,
ein Idiot spricht, aber er versteht selbst nicht, was er sagt.
Jene, die von der Welt der Erscheinungen getäuscht sind, können
die letztendliche Wahrheit nicht erkennen.

Tilopa antwortete:

Es gibt nichts, auf das man schauen müsste - Augen des Blinden
Es gibt nichts zu hören - Ohren des Tauben
Es gibt nichts zu sagen - Rede des Idioten
Die Welt der Täuschung ist bedeutungslos: Die Wahrheit ist in der Dakini, der höchsten Weisheit.

Nachdem Tilopa auf diese Weise gezeigt hatte, dass er jegliche Anhaftung an die Welt der Erscheinungen überwunden hatte, dass der Erleber für ihn wichtiger war als die Erlebnisse und dass er im steten Bewusstsein des Weisheitsraumes verweilte, begannen die Dakinis mit ihrer Übertragung. Sie teilten mit ihm jegliche Unterweisung und Ermächtigung, über die sie verfügten. Insbesondere übertrugen sie ihm die das Wurzel-Tantra von "Höchste Freude".

Abschließend gab ihm die Weisheits-Dakini drei essentielle Erklärungen und machte eine weitere Voraussage:

Um den vollkommenen Ausstrahlungszustand zu erlangen,
praktiziere die Entstehungsphase der Meditation.

Um den Freudenzustand der vollkommenen Rede zu erlangen,
rezitiere die Mantras.

Um den Wahrheitszustand zu erlangen,
übe dich in der Praxis des Großen Siegels während der Vollendungsphase.

Gehe jetzt nach Siromani
und kümmere dich um Naropa.
Du wirst viele Schüler zur Entwicklung bringen
und zahlreichen Wesen nützen.

Nachdem sie dies verkündet hatte, lösten sich die Dakinis in Licht auf und verschwanden.

III. Tilopas wahrer Lehrer

Viele Menschen kamen in Siromani zu Tilopa. Sie erhielten die Lehren, die ihm im Palast des Dufts übertragen worden waren, und erlangten Vollkommenheit. Auf die Frage, wer seine Lehrer gewesen seien, antwortete er:

Ich habe keine menschlichen Lehrer.
Mein Lehrer ist Diamanthalter, der allwissende Buddha.

IV. Mit der Kraft der Verwirklichung anderen nutzen

a. Tilopa überstrahlt einen großen buddhistischen Yogi

In Südindien gab es einen König, der seine Mutter sehr liebte und alles getan hätte, um ihr eine Freude zu machen. Als er sie eines Tages bat, ihm eine sinnvolle Großtat vorzuschlagen, die er dann ausführen wolle, sagte sie nach kurzer Bedenkzeit: "Berufe eine Versammlung von buddhistischen Gelehrten, Verwirklichten und Dakinis ein. Wenn ein Juwelenmandala in den Himmel gehoben wird, wenn die Einweihungen gegeben sein werden und das Festmahl (skt. Ganachakra) gefeiert wurde, werde ich sehr glücklich sein!"

Der König handelte entsprechend: Er sandte Boten zu allen buddhistischen Meistern und Meisterinnen und lud sie ein. Auf diese Weise zusammengerufen, führten diese die Vorbereitungen für die Meditationen und Einweihungen durch, reinigten den Ort auf rituelle Weise und brachten Gaben dar. Plötzlich tauchte aber eine Frau mit allen Zeichen der Hässlichkeit vor der Versammlung der Weisen auf, unterbrach sie in ihrer Beschäftigung und fragte: "Wer wird die Einweihungen und Feierlichkeiten leiten?" Ein großer Yogi, "Der Unvergleichliche" genannt, sagte, dass er dies tun werde. Die Dakini meinte aber, dass er dazu nicht in der Lage sei, sondern dass ihr Bruder kommen werde, der auf einem Friedhof lebt, um alles zu leiten: "Ich werde ihn holen. Wartet hier solange!"

Da die Dakini mitten in der Vorbereitung zu dieser buddhistischen Großveranstaltung den vereinbarten Ablauf und die Hierarchie in Frage stellte, indem sie Tilopa als deren Leiter vorschlug, musste zuerst ein Wettkampf ausgetragen werden, um zu zeigen, wer der Meister mit der höchsten Verwirklichung ist. Zwei Thronsitze waren vorbereitet, auf einem saß Tilopa, auf dem anderen der große Yogi, und sie begannen mit dem Wettkampf. Sie waren ebenbürtig in ihrem Verständnis der buddhistischen Lehren, der Wirklichkeit und des Geistes. Daraufhin zeigten beide Wunder: Sie zeichneten ein Mandala in den Himmel, das weder Wind noch Regen auflösen konnte, und wieder entsprachen ihre Fähigkeiten einander. Als nächstes ritten beide auf Löwen und sie veranlassten Sonne und Mond, um die Wette zu laufen. Noch immer Gleichstand!
Dann aber ließ Tilopa Sonne und Mond zur Erde fallen und galoppierte auf einem Löwen über sie. Er offenbarte sein Inneres und ließ in jedem einzelnen Haar und in jeder Pore seines Körpers einen Kraftkreis, jeweils von einem Friedhof umgeben, erscheinen; in der Mitte von jedem Mandala gab es einen Baum, auf dem Tilopa in unterschiedlichster Weise, mit überkreuzten Beinen, in entspannter oder spielerischer Haltung, saß. Der große Yogi hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen; beeindruckt und begeistert fragte er, wie Tilopa solche Wunder vollbringen konnte. Und Tilopa antwortete ihm mit einem Gesang:

Wenn du sitzt, sitze in der Mitte des wolkenlosen Himmels.
Wenn du verweilst, verweile auf der Spitze des Speeres.
Wenn du schaust, schaue wie Sonne und Mond, mit höchster
Weisheit und allumfassender tatkräftiger Liebe.
Ich, Tilopa, habe die letztendliche Wahrheit – die grundlegende
Natur aller Dinge – verwirklicht und bin mühelos,
in allem was ich tue.

Als er so die unfassbare Bedeutung des Gezeigten offenbart hatte, waren alle befreit – und der große Yogi, der Unvergleichliche, lebte jenseits von Geburt und Tod im Land der Dakinis.

b. Tilopa besiegt den Anhänger einer anderen Lehre

Ein berühmter und gefürchteter Siddha mit einer vom Buddhismus abweichenden Lehre kam an die große buddhistische Nalanda-Universität. Alle Buddhisten sollten sich in seiner Anwesenheit erheben. Wenn sie dies verweigerten, mussten sie mit ihm in einen Wettkampf treten, entweder im Feld der Debatte oder der magischen Kräfte.

Als Tilopa bei seinem Kommen nicht aufstand, sagte der Siddha: "Du hast also Lust auf ein Streitgespräch über spirituelle Lehren und du willst dich in magischen Kräften üben? So lass uns kämpfen!" Daraufhin versammelten sich alle buddhistischen und nichtbuddhistischen Gelehrten, zusammen mit dem in ihrer Mitte sitzenden König, der als Vorsitzender und Richter wirkte. Die Lehre dessen, der als Sieger aus diesem Wettkampf hervorging, musste von allen angenommen werden, so lautete die Regel.

Das Streitgespräch begann, und Tilopa siegte. Auch im Wettstreit der magischen Kräfte war er unübertroffen. Da sprach der Unterlegene, indem er Flammen aus seinem Mund auf Tilopa schoss: "Ich bin derjenige, der die drei Welten erschüttert. Wer bist du, den ich nicht erschrecken konnte?"

Tilopa lenkte die Flammen ab und antwortete mit einem Gesang:

Wenn du schaust, schaue mit blinden Augen.
Wenn du durstig bist, trinke das Wasser einer Luftspiegelung.
Nach unten sinkend, fülle die Vase mit Wind5.
Ich bin der furchtlose Tilopa.

Alle wurden befreit, indem Tilopa das Sein aller Erscheinungen, jenseits von Unwissenheit, erklärte. Und der Yogi wirkte weiter als ein großer Verwirklichter, jenseits von Geburt und Tod.

c. Tilopa befreit eine Gastwirtin

Eine Wirtin verkaufte gerade ihr Bier, als ein Affe und eine Katze in ihre Taverne stürmten, Bier tranken, Krüge umwarfen und zerbrachen und dann noch den Rest des Biers aufleckten. Sie war verzweifelt, traurig und zornig zugleich, weil es ihre Lebensgrundlage war, die die von Tilopa ausgestrahlten Tiere vernichtet hatten. Mit Tränen in den Augen erzählte sie den Leuten, was geschehen war. Diese empfahlen ihr, den Yogi Tilopa um Rat zu bitten.
Tilopa, so um Hilfe angerufen, versenkte sich in Meditation und ließ alle Bierkrüge wiederhergestellt und voll und den Lagerraum wieder gefüllt sein. Die Wirtin entwickelte großes Vertrauen in Tilopa und er sang für sie dieses Lied:

Wenn du durstig bist, trinke das giftige aufkochende Wasser der Stör-Gefühle6.
Wenn er auftaucht, jage und töte den Affen der einengenden Konzepte.
Als Gegenmittel halte die Katze der Großen Meditation.
Alles erhält dadurch den Geschmack der zugleich-entstehenden Weisheit7.
Ich, Tilopa, bin reich durch die Fülle der letztendlichen Wirklichkeit.

Als er so gesungen hatte, ermächtigte er sie in "Höchste Freude" und "Rote Weisheit". Die Wirtin und ihre Freunde erlangten Befreiung; und sie lebte weiter, jenseits von Geburt und Tod, und wurde als eine große Yogini bekannt.

1: Mar-pa Chos-kyi bLo-gros: The Life of the Mahasiddha Tilopa. Dharamsala: Library of Tibetan Works and Archives 1999. – Ich habe Marpas Tilopa-Biografie nicht eins zu eins übersetzt wiedergegeben, sondern einzelne Abschnitte gekürzt bzw. zusammengefasst, andere (dies trifft insbesondere auf Teile des 3. Abschnitts, "Die Dakini-Übertragungen", zu) sogar weggelassen, weil sie sich auf Diamantweg-Meditationen und -Übertragungen beziehen, die im westlichen Diamantweg-Buddhismus derzeit in der Regel nicht praktiziert werden.

2: "Höchste Freude" (skt. Chakrasamvara, tib. Korlo Demtschog) und "Rote Weisheit" (skt. Vajravarahi, tib. Dorje Pamo) sind die Haupt-Yidams der Karma-Kagyü-Linie.

3: Uddiyana (tib. Orgyen) gilt als der Geburtsort Padmasambhavas (tib. Guru Rinpoche) und als das Land der Dakinis. Es war in früheren Jahrhunderten eines der Zentren des Diamantweg-Buddhismus. Es lag wahrscheinlich in der derzeit umkämpften Region des afghanischen Swat-Tales.

4: Lehrer der vierfachen Übertragung: Sie sind bekannt als die vier großen Ströme der mündlichen Überlieferung. Sie entsprechen den vier Himmelsrichtungen – Osten, Süden, Westen und Norden – und bilden auch die Grundlage für den Namen "Kagyü", "mündliche Übertragung" (ursprünglich "Ka bab shi gyü pa" für die "Vier Ströme der mündlichen Übertragung").

5: Fülle die Vase mit Wind: Hier handelt es sich um einen Hinweis auf die Vasen-Atmung (Bum-Chen), die auch Praktizierende der 8. Karmapa-Meditation erlernen.

6: Giftiges aufkochendes Wasser trinken: Emotionen wie Zorn wirken ja wie "Gift" auf unser Bewusstsein und können uns sogar zum "Kochen" bringen. Mit "trinken" ist hier gemeint, sich der aufkommenden Stör-Gefühle bewusst zu sein, sie nicht wegzuschieben, aber ihnen auch nicht zu folgen. Damit können wir sie kontrollieren, uns ihrer Natur bewusst werden und sie sich in sich auflösen lassen.

7: Geschmack der zugleich-entstehenden Weisheit: Stör-Emotionen bzw. enge Konzepte und Weisheit sind gleichzeitig vorhanden wie die Wellen immer ein Teil des Ozeans sind. Ist man sich dessen bewusst, sind selbst negative Gedanken und störende Gefühle in ihrem Entstehen befreit.

Allen Dank für Anregung und Feedback an Lama Ole Nydahl, Manfred Seegers, Detlev Göbel, Michael Fuchs und Astrid Poier-Bernhard.


Wolfgang Poier
buddhistischer Reiselehrer, lebt seit 1986 im Buddhistischen Zentrum Graz; arbeitet als Lehrer am Gymnasium, als Lehrbeauftragter an der Universität und Theaterpädagoge am Schauspielhaus Graz.