HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 51, (Sommer 2012)

Milarepas "Familie"

Von Hannah Nydahl

Zur Zeit Milarepas war die Tradition der Dohas, der Vajra-Lieder, sehr verbreitet. Es war üblich, dass Verwirklicher ihre Erfahrungen in poetischer Weise vermittelten. Diese Lieder sind aber keine gewöhnlichen Lieder, denn sie beruhen auf Meditations-Erfahrungen und auf Erkenntnis. Deswegen werden sie "Vajra"-Lieder genannt.

Insbesondere die Lieder von Milarepa wurden sehr berühmt und obwohl ihre Sprache natürlich altertümlich ist, spricht Milarepa in ihnen über Zeitloses. Was er beschreibt, könnte zu jeder Zeit und an jedem Ort in dieser Welt geschehen. Es hat immer mit Menschen und geistigen Erfahrungen zu tun, und das unterliegt keinerlei Einschränkungen in Zeit und Raum. Darum können wir auch heutzutage diese Lieder lesen, wir können uns damit identifizieren und davon inspiriert werden. Milarepas Lebensweise ist das Beispiel für intensive Praxis, dem heutzutage nur wenige Menschen folgen können. Aber seine Lieder sprechen noch immer zu uns, denn die Erfahrungen, die er beschreibt – seine Vision, sein Ziel und seine Sicht – haben auch für uns Bedeutung.

Dass wir "Milarepa" als Thema für diesen Kurs hier anlässlich der Einsegnung der Stupa in Benalmadena in Spanien gewählt haben, hängt natürlich mit Lopön Tsechu Rinpoche zusammen. Für Rinpoche war Milarepa eine große Inspiration und er hat sich sehr auf ihn bezogen. In seiner Jugend folgte er Milarepas Vorbild und später inspirierte er damit viele Menschen, die Höhlen und heiligen Stellen Milarepas in Bhutan und Nepal zu besuchen. Für ihn war das sehr wichtig.
Heute sind wir hier, um Lopön Tsechu Rinpoche1 und seine Vision zu feiern. Deswegen passt das Thema "Milarepa" sehr gut. Einige von euch waren im "Tso Lhakang" in Nobgang in Bhutan, nahe der Stelle wo Lopön Tsechu Rinpoche geboren wurde. Das ist eine der Stellen, die zu besuchen Rinpoche immer sehr am Herzen lag, denn es gibt nicht so viele Stellen, wo Milarepas Leben so dargestellt ist, wie in den Wandmalereien dort.

Den größten Teil seines Lebens verbrachte Milarepa in verschiedenen Höhlen. Manchmal ging er in die Dörfer hinunter und die Menschen gaben ihm etwas zu essen. Dann kehrte er wieder zurück in die Höhlen und praktizierte weiter. Die meisten Stellen an denen er praktizierte, befinden sich in Süd-Zentraltibet, nahe der Grenze zu Nepal. Heutzutage liegen die meisten davon auf der nepalesischen Seite der Himalaja-Kette.
Das folgende Lied sang er, als er einmal wieder ein Dorf besuchte.

Der Jetsün ging nach Süden, in Richtung Lhogo in Kungthang, wo sich viele Menschen für ein Fest versammelt hatten. Unter ihnen war eine sehr schön gekleidete junge Dame, die sagte: "Yogi, was ist dein Heimatland und wer sind dein Vater, deine Mutter und Verwandte?" Mila sang als Antwort dieses Lied:

Auf Bitten der schönen Frau stellt Milarepa in dem Lied also seine "Familie" vor. Aber es scheint, dass seine "Familie" etwas anders ist, als man normalerweise denken würde. Wie immer, beginnt Milarepa damit, dass er seinen Lehrer preist:

"Ich verbeuge mich vor den Gurus
Ich bitte euch um euren Segen.
Mein Vater ist der All-Gute.
Meine Mutter ist das gute Wesen.
Mein älterer Bruder ist der König des Lernens.
Meine Tante ist die leuchtende Fackel.
Meine Schwester ist die Dame des Vertrauens.
Mein Freund ist die in sich selbst-existierende Weisheit.
Mein Sohn ist das kleine Kind der Einsicht.
Meine Bücher sind das natürliche Bestehen der Welt der Phänomene.
Ich reite den Hengst des Bewusstseinswindes.
Meine Wohltäter sind die vier Provinzen von Ü und Tsang.
Ich selbst bin der kleine weiße Diener der Geschenke."

So sang Milarepa.
Das Mädchen sagte: "A la la, wie wundervoll, wie wahrlich großartig! Aber wir weltlichen Leute verstehen das nicht. Bitte erkläre uns, was du meinst."
So sang Milarepa dieses Lied:

"Ich wiederhole nie ein Lied,
Aber dieses werde ich nun deutlich erklären.
Mein Vater, der All-Gute,
Gab mir die Sicht und die Meditation mit;
Ich hatte nie eine weltliche Idee."

Der "All-Gute" – Künsang auf Tibetisch – bezieht sich auf die Buddha-Natur, hat also mit den letztendlichen Qualitäten des Geistes zu tun. Deswegen sagt Milarepa, dass er ihm die Sicht und Meditation mitgegeben hat. Er beschreibt wie er die Welt erlebt und das beruht auf der Natur seines Geistes. Deswegen nennt er sie seinen "Vater, den All-Guten".

Meine Mutter, das gute Wesen, Nährte mich an der Brust der mündlichen Unterweisungen; Mir hat es nie an Praxis gemangelt.

Die übliche Funktion einer Mutter ist es zu nähren und sich um ein Kind zu kümmern. Das vergleicht Milarepa hier mit den mündlichen Belehrungen, die er bekam. Es hat natürlich auch damit zu tun, dass er viele Härten auf sich nehmen musste, um die Belehrungen zu bekommen – ich denke, ihr kennt alle seine Lebensgeschichte. Hier war es Dagmema, die Frau von Marpa, die immer versuchte dafür zu sorgen, dass Milarepa Belehrungen bekam. Er drückt also auch seine Dankbarkeit ihr gegenüber aus. Sie war immer mit ihm im Austausch und manchmal hat sie seine Entwicklung dadurch vielleicht sogar verzögert, weil sie ihn nicht leiden sehen mochte. Es war aber durch ihren Einfluss, dass er die Belehrungen erhielt.

Mein älterer Bruder, der König des Lernens,
Gab mir das Schwert von Prajna und Upaya;
Ich durchschnitt die Zweifel über äußere und innere Dharmas.

Hier spricht Milarepa über den gesamten Weg der Dharma-Praxis:
Zuerst erhalten wir die Lehren, dann werden wir von ihnen inspiriert und dann versuchen wir sie zu verstehen. Einige Belehrungen können wir nicht sofort verstehen, aber anstatt sie einfach zu überspringen, versuchen wir ein Verständnis zu bekommen, indem wir unsere Zweifel auflösen.
Mit Zweifel ist hier nicht gemeint, dass man sich fragt, ob etwas richtig oder falsch ist, sinnvoll oder sinnlos. Es geht hier eher um Zweifel über die Bedeutung: Wenn wir irgendetwas in den Lehren nicht verstehen, dann sollten wir das nicht einfach hinnehmen. Um in der Praxis weiterzukommen und zu wachsen, müssen wir herausfinden, was es bedeutet. Das ist mit dem Klären der Zweifel gemeint und dafür müssen wir dann unseren Lehrer fragen.
Wenn sich unsere Fragen klären, bekommen wir zunehmend Sicherheit darin, dass das Dharma richtig ist. Wenn wir mehr verstehen, wächst unser Vertrauen und dadurch wiederum unser Mut und so können wir weitere Fragen klären.
Im Laufe dieses Prozesses nimmt unsere Weisheit zu. Oft werden zwei Arten von Weisheit erwähnt – Prajna und Jnana. Wenn sie zusammen erwähnt werden, bezieht sich Prajna normalerweise darauf, viel Wissen über viele Dinge zu haben. Aber hier geht es mehr um Weisheit, also ein Verständnis auf der Grundlage von Erfahrung zu haben. Man hat also nicht nur eine Vorstellung, sondern eine klare Idee, und wenn wir dann meditieren, können wir eine direkte Erfahrung davon bekommen. Die zweite Art von Weisheit – Jnana – ist die höchste Weisheit, durch die wir eine volle Erfahrung davon haben, dass unser Geist die Grundlage von allem ist.2
Der "Bruder" bezieht sich also auf diesen ganzen Prozess, in dem unsere Fragen geklärt werden, so dass wir wissen, was wir tun. Wir praktizieren dann gerne, denn wir sehen ein, dass es Sinn macht. Es motiviert uns auch, denn wir erkennen, dass es anderen Wesen nutzt.

Meine Tante, die leuchtende Fackel,
Ließ mich in den Spiegel meines Geistes schauen;
Dieser wurde nie vom Schmutz der Gewohnheitsmuster getrübt.

Die "leuchtende Fackel" ist die klare Qualität des Geistes, also die Fähigkeit unseres Geistes, die uns ermöglicht zu wissen und zu verstehen. Das wird manchmal das "Klare Licht" genannt, es gibt aber auch viele weitere Namen dafür. Worum es dabei geht ist, dass wir ständig etwas erleben und dass der Geist wissen kann.
Der Geist ist nicht wie ein Tisch oder ein Stein, tot und ohne Wahrnehmung – er hat die Fähigkeit wahrzunehmen und Dinge und sich selbst zu kennen.
Mit dieser klaren Qualität des Geistes ist nicht gemeint, dass er nur äußere Dinge wahrnehmen kann, sondern dass er sich tatsächlich auch selbst erleben kann. Diese andauernde wissende Qualität des Geistes, derer wir uns nicht immer bewusst sind, ist unabhängig von all den äußeren Dingen. Da wir aber ständig die äußeren Dinge erleben, vergessen wir das was erlebt, das was immer da ist und viel wichtiger ist.
Der erlebende Geist selbst, der Erleber, ist weder von irgendetwas abhängig, noch gefangen von unseren Gewohnheiten. Normalerweise folgen wir aber, wenn wir uns nicht mit unserem erlebenden Geist identifizieren, unseren Gewohnheiten.
Die Tatsache, dass der Geist erleben kann, seine leuchtend-klare Qualität, das nennt Milarepa seine "Tante".

Meine Schwester, die Dame des Vertrauens,
Öffnete den Knoten des Geizes;
Dieser Yogi hatte niemals Nahrung oder Besitz.
Aber selbst wenn, so hätte ich nie geknausert und gespart.

Wenn man in seiner Praxis sein Bestes gibt, wird alles gut gehen. Das erinnert mich an eine Begebenheit, die Ole und ich mit dem 16. Karmapa hatten, als wir einmal mit ihm in Irland waren: Er rief uns in sein Zimmer und gab uns plötzlich einen Geldschein. Er sagte: "Indem ich euch diesen Schein gebe, verspreche ich euch, dass ihr euch niemals Sorgen darum machen müsst, genug zu essen oder Kleidung zu bekommen, wenn ihr die gute Motivation haltet, für andere Wesen praktiziert und nie in weltliche Interessen verfallt. Ihr werdet immer genug Geld haben."
Das war für uns sehr überraschend, denn wir dachten überhaupt nicht an diese Dinge. Aber natürlich inspirierte er uns damit: "Das ist es, was wir tun sollen." Es war wie eine Verpflichtung und sehr kraftvoll. Ich denke, dass Milarepa hier etwas in dieser Art meint.
Es hat auch damit zu tun, dass man sich selbst überprüft. Natürlich muss man für sich selbst all die Dinge tun, die einfach nötig sind. Aber solange man sein Bestes für andere gibt und sich immer wieder daran erinnert, kann man darauf vertrauen, dass alles, was auch immer, geschieht, in Ordnung sein wird. Ob es leicht oder schwierig ist: Es wird passen und man wird daraus lernen können. Man wird nichts bedauern müssen. Alles wird gut sein, wenn man die Motivation hält und dann sein Bestes gibt. So lösen sich eine ganze Menge unnötiger Spekulationen auf.

Mein Freund, die in sich selbst-existierende Weisheit,
War mein unzertrennlicher Begleiter;
Wir waren nie so schlecht gelaunt, dass wir miteinander gekämpft hätten.

Ein unzertrennlicher Freund seiner eigenen selbst-existierenden Weisheit zu sein, bedeutet: Man hat schon Verwirklichung. Milarepa spricht hier aus seiner eigenen Erkenntnis heraus und identifiziert sich völlig mit seinem Weisheits-Geist. Er zeigt das Beispiel für etwas, das jeder erlangen wird. Wir alle haben diese Weisheit und wer auch immer danach sucht, wird sie finden. Das ist es, wonach wir mit allem was wir tun streben.

Mein Sohn, das Kind der Einsicht,
Hält die Familien-Linie der Siegreichen;
Ich habe nie ein rotznäsiges Kind aufgezogen.

Milarepa vergleicht sein "Kind der Einsicht" mit einem normalen Kind, und – obwohl es komisch klingt – in positiver Weise. Er beschreibt Übertragung als Kontinuität, wie wenn eine normale Familie von einem Kind fortgeführt wird. In ähnlicher Weise wird seit der Zeit Buddhas die Übertragung immer von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Sie wird fortgeführt, wenn sie verstanden und verwirklicht wird. Es gibt dann keinen Bruch und keinen Verlust der Übertragung und daraus ziehen wir heutzutage alle Nutzen. Diese Worte wurden vor ca. 1000 Jahren geschrieben, aber wir haben immer noch die lebendige Übertragungslinie, denn sie wurde nie unterbrochen. Sie wurde von einem Lehrer zum nächsten immer weiter gegeben und so bekommen auch wir sie. Wir können sie erfahren und fortführen. Jede Belehrung oder Ermächtigung hat diese Übertragung, anderenfalls würden wir sie nicht bekommen können. Sie kann nur fortgeführt werden, wenn sie nie unterbrochen wurde.

Meine Bücher, die natürliche Existenz der Welt der Phänomene,
Enthüllen Verständnis;
Die schwarzen Buchstaben der Bücher habe ich nie angeschaut.

Das stimmt tatsächlich: Milarepa war kein Gelehrter, sondern erlangte seine Weisheit durch extreme Hingabe und Praxis. Damals hielten Verwirklicher und Gelehrte manchmal "Wettkämpfe" ab, um zu sehen, wer das höchste Verständnis oder die höchste Verwirklichung hatte. Manchmal traf Milarepa gelehrte und angesehene Lehrer und obwohl er eigentlich nie studiert hatte, war er in den Gesprächen völlig überlegen. Er kam immer direkt auf den Punkt und "gewann" immer durch die Kraft seiner Verwirklichung. Die Natur des Geistes und die Natur der Phänomene zu verwirklichen: Das waren für ihn tatsächlich seine "Bücher".

Ich reite den Hengst des Windes des Bewusstseins;
Wohin ich auch möchte, er bringt mich überall hin;
Ein Pferd aus Fleisch und Blut habe ich nie geritten.

Mit "Wind des Bewusstseins" spricht er über die spezielle Praxis, die er gemeistert hat: Er arbeitete mit seinem Atem.
Wenn wir einen physischen Körper haben, ist unser Geist damit verbunden. Unser Atem und der Zustand des Geistes hängen dynamisch miteinander zusammen. Eine sehr effektive Weise, den Geist unter Kontrolle zu bekommen ist, wenn man seinen Atem diszipliniert und trainiert, wie es in der Praxis der Inneren Hitze (tib. Tummo, skt. Candali) geschieht. Wenn man seinen Atem meistert, meistert man tatsächlich auch seinen Geist. Mit den richtigen Anweisungen und unter den richtigen Umständen ist die Verwendung des Atems ein Werkzeug, um den Geist zu kontrollieren. Die Innere Hitze war Milarepas Hauptpraxis, die ihn zur Verwirklichung führte. Es ist eine sehr kraftvolle Methode – und das war sein "Pferd".

Meine Wohltäter, die vier Provinzen von Ü und Tsang3,
Versorgten mich mit Nahrung, die ich zum leben brauchte;
Ich musste nie einen Tsampa-Sack eng zusammenschnüren.

Dieser Vers muss mit dem Vertrauen zu tun haben, über das wir zuvor sprachen. Andererseits war Milarepa aber sowieso nicht von Nahrung abhängig. Er war fähig, von einem absoluten Minimum zu leben, was wiederum damit zu tun hat, dass er seinen Körper durch Atem und Meditation völlig kontrollieren konnte. Dann ist man nicht mehr in gewöhnlicher Weise von Nahrung abhängig. Es gab auch viele Menschen, die Milarepa unterstützten, später sogar mehr als ihm lieb war. Er wies viele von ihnen ab, denn er wollte immer ein Vorbild für das Leben von Meditation in Zurückgezogenheit sein. Milarepa sah dies als das zu seiner Zeit Wichtigste an: Zu zeigen, wie leicht man im Leben abgelenkt werden kann – und dass man Verwirklichung erlangen und dann anderen helfen kann, wenn man lieber in der Einsamkeit bleibt. Er zeigte, wie man es dadurch schaffen kann, dass man nicht von Ablenkungen eingefangen wird. Er lehrte aber auch: Abgelenkt ist man erst dann, wenn man sich von etwas einfangen lässt und vergisst, seine Bewusstheit zu halten in dem, was man gerade tut.

Ich selbst bin der kleine weiße Diener der Geschenke.
"Geschenke" bedeutet, dass ich den Drei Juwelen Verehrung schenke.
"Diener" bedeutet, dass ich meinem Guru diene.
"Weiß" steht für das Weiße des Dharma.
"Klein" bedeutet, dass ich nur wenige Störgefühle habe.
Deswegen bin ich der kleine weiße Diener der Geschenke.
So sang Milarepa.

"‘Geschenke‘ bedeutet, dass ich den Drei Juwelen Verehrung schenke". Hier spricht er darüber, dass er nie die Zuflucht vergisst und dass es wichtig ist, immer die Verbindung zu ihr zu halten. Die "Drei Juwelen" sind Buddha als das Vorbild, sowie das Dharma und die Sangha.

"‘Diener‘ bedeutet, dass ich meinem Guru diene". Wie jeder weiß, war es Milarepas Verbindung zu seinem Lehrer Marpa, die ihn zur Erleuchtung führte. Es war DER Weg für ihn, selbst unter sehr schwierigen Bedingungen bei seinem Lehrer zu bleiben. Er verließ Marpa auch dann nicht, als dieser ihn verschiedenen "Prüfungen" aussetzte. Heutzutage sagen die meisten Lehrer, dass sie wohl keine Schüler mehr hätten, wenn sie so mit ihnen umgingen, wie es Marpa mit Milarepa tat. Diese "Behandlung" ist aber auch nur dann sinnvoll, wenn es eine sehr besondere Verbindung zwischen Lehrer und Schüler gibt. Es geht hier überhaupt nicht darum, alle möglichen Härten auf sich zu nehmen, das ist nicht der Punkt. Es muss dafür eine besondere Verbindung geben, und der Lehrer muss genau wissen was er tut und es in der richtigen Dosis anwenden. Sonst macht es keinen Sinn. Diese besondere Verbindung ist heute nicht mehr so verbreitet, die Zeiten haben sich geändert. Das war das Besondere, was Milarepa und Marpa zeigten und in dieser Weise diente Milarepa seinem Lehrer Marpa.

"‘Weiß‘ steht für das Weiße des Dharma", bedeutet, dass das Dharma völlig rein ist.

"‘Klein‘ bedeutet, dass ich nur wenig Störgefühle habe": Milarepa spricht hier über die Ebene, die er erlangt hat, er verbirgt sie nicht. In vielen Liedern erklärt er deutlich, dass er dieses oder jenes erlangt hat, oder dass er von diesen oder jenen Problemen befreit ist. Wenn Milarepa Leute traf, war er sehr direkt und beantwortete ihre Fragen. Er sagte ihnen ganz klar, was für sie nützlich und was nicht so nützlich sei, und er erklärte ihnen, was er erlebt und erreicht hatte. Auch in diesem Vers sagt er, dass er durch seine Praxis jetzt keine Sklave seiner Störgefühle mehr ist.

Der Dialog mit dem Mädchen geht weiter: Milarepa beschreibt viele weltliche Situationen, in denen etwas zuerst wunderschön zu sein scheint, aber dann entwickelt sich alles ganz anders. Er fordert die junge Frau heraus und versucht sie verstehen zu lassen, was die Prioritäten im Leben sein sollten. Natürlich träumt sie von einem schönen Leben, einem Liebhaber, Kindern usw. Aber sie vergisst, dass sie auch lernen sollte zu meditieren. In sehr geschickter Weise versucht Milarepa, sie zur Praxis zu inspirieren, denn er ist DAS Vorbild für Meditation.

Wenn man diese Lieder liest, bekommt man ein Gefühl für die vielen verschiedenen Menschen, die damals zu Milarepa kamen. Die Rollen in der Gesellschaft des alten Tibet waren vielleicht starrer als heutzutage, aber eigentlich waren die Menschen wie überall auf der Welt. Es spielt in dieser Hinsicht keine so große Rolle, ob es um eine Hightech- oder einfache Gesellschaft geht.
Alle Ebenen der Gesellschaft trafen Milarepa und bekamen seinen Rat – junge Frauen, Jäger, Gelehrte, alte Frauen und Männer... Er schaffte es, mit allen in einer Weise zu reden, dass sie ihr eigenes Leben anschauen und etwas verstehen konnten: Das Leben ist kostbar und kurz und wir müssen mit dem Geist arbeiten. Es reicht nicht, nur an heute und morgen zu denken. Wirklich wichtig in unserem Leben ist die Meditation, denn was sie bewirkt, geht weiter und ist dauerhaft.
Milarepa war ein Beispiel dafür und für uns ist es auch Lopön Tsechu Rinpoche. Er verbrachte viele Jahre wie Milarepa in Zurückgezogenheit und seine Aktivität während seines weiteren Lebens beruhte darauf. Rinpoche konnte so viel tun, weil er die Erfahrung des wirklich tiefen Verstehens hatte. Durch ihn haben wir alle einen Geschmack davon bekommen.

Fragen und Antworten

Wie hängen der "Raum des Geistes" und "Leerheit" miteinander zusammen?
"Raum" und "Leerheit" beschreiben letztendliche Qualitäten des Geistes, also Qualitäten der wahren Natur des Geistes. Aber es sind nur Worte, und man kann nicht einfach sagen: "Raum IST Geist." Denn dann macht man den Geist bereits wieder zu ETWAS, obwohl er eigentlich wie der Raum ist. Man kann auch nicht einfach so sagen "Geist ist leer", denn das wäre irreführend. Gemeint ist: "Leer von unabhängiger Existenz", was bedeutet, dass Geist nicht etwas ist, das unabhängig von etwas anderem dauerhaft existiert. Diese Ausdrücke müssen also ausführlicher erklärt werden.
Aber man kann diese Worte im Vergleich benutzen, zum Beispiel indem man sagt: "Geist ist WIE der Raum". Das bedeutet, dass der Geist keine Grenzen hat und er ist nicht etwas, das man berühren kann. Worte wie "leer" beschreiben einige Qualitäten des Geistes und man kann sie benutzen. Aber die Natur des Geistes ist eigentlich jenseits von Worten und Vorstellungen.

Wie ist die Verbindung von Atem und Geist?
Sie hängen eng miteinander zusammen wenn der Geist mit einem Körper verbunden ist. Wir alle haben einen Körper und leben, solange wie wir atmen. Wenn wir nicht mehr atmen, hört die "Lebens-Kraft" auf und der Körper stirbt – der Geist jedoch nicht. Solange wir atmen, ist der Geist mit dem Körper verbunden, und es findet ein Wechselspiel zwischen Körper und Geist statt: Man kann den Geist durch den Körper beeinflussen und umgekehrt. Das kennen wir alle. Wenn man zum Beispiel sehr kraftvoll atmet, führt das zu bestimmten geistigen Zuständen. Irgendetwas geschieht biologisch, das den Geist beeinflusst. Wenn man wiederum mehr Kontrolle über seinen Geist erlangt hat, kann man auch Vorgänge im Körper kontrollieren.
In dieser Weise hat man hier eine natürliche Verbindung, die in einigen Übungen, wie der Inneren Hitze verwendet wird.
Bei der Praxis der Inneren Hitze wendet man eine bestimmte Methode an, mit der man systematisch mit dem Atem arbeitet. Dadurch wirkt man auf die inneren Energien in einer Weise ein, die es ermöglicht den Geist leichter in einen klaren Zustand zu bringen – sehr einfach formuliert. Es wird beschrieben, dass wir verschiedene Kanäle im Körper haben und dass sich verschiedene Energien darin bewegen. Durch Atemübungen kann man diese Energien in die Mitte bringen. Das hilft unserem Geist, weniger abgelenkt zu sein und dadurch können wir besser erfahren, was der Geist wirklich ist. Es ist eine Unterstützung, wenn man es in der richtigen Weise anwendet.

Beim Lesen von Milarepas Liedern wird deutlich wie auffallend unabhängig er war. Sind alle erleuchteten Lehrer so, habt ihr das auch beim 16. Karmapa beobachtet?
Die Frage ist, was für ein Vorbild ein Lehrer zeigen will. Jeder wichtige Lehrer zeigt als Beispiel einen Stil auf, um Menschen zu inspirieren, und das kann sehr unterschiedlich sein. Der von Milarepa gelebte war von Anfang bis Ende sehr extrem. Er zeigte, dass jemand in einem Leben Erleuchtung erlangen kann, selbst mit dem Hintergrund, dass er vorher viele Menschen getötet hat. Das geht aber natürlich nur, wenn man so extrem lebt wie Milarepa, sonst nicht. Er zeigte, dass es möglich ist, dass man sich aber sehr anstrengen muss, wenn man das will. Milarepa hat andere Möglichkeiten nicht ausgeschlossen, aber er wollte dieses besondere Vorbild zeigen um zu beweisen, dass es möglich ist und nicht nur eine Art Legende. Ein normaler Mensch kann diese Ebene in einem Leben erreichen – das hat Milarepa gezeigt.
Es gibt andere Beispiele um andere Dinge zu zeigen. So waren der Stil des 16. Karmapa und seine Art zu lehren ganz anders. Er übertrug vor allem den Mahamudra-Segen, das war seine weite Aktivität, seine so kraftvolle Inspiration. Das war seine Hauptfunktion und es war erstaunlich, wie er das machte. Zum Beispiel lehrte er nie Details, das war einfach nicht sein Job. Für Details schickte er einen zu anderen Lehrern.
Der 16. Karmapa sagte uns, dass der 17. Karmapa eine ganz andere Aktivität als er haben werde. Die Zeiten würden sich verändert haben, so dass auch er anders arbeiten müsse. Er sagte, er würde dann sanfter und gelehrter sein. Der 16. Karmapa war ja wie ein Kraftwerk – vielleicht ist in der heutigen Zeit mehr Bedarf für den anderen Stil. Wir werden sehen.

1: Rinpoche war kurz vor diesem Ereignis verstorben
2: Im Vers erwähnt Milarepa auch Upaya, die Mittel; Hannah geht jedoch darauf nicht ein.
3: Zwei Regionen in Zentraltibet

 

Bearbeitet und übersetzt von Detlev Göbel und Claudia Knoll


Hannah Nydahl (1946 - 2007)
war eine der gefragtesten Übersetzerinnen aus dem Tibetischen ins Englische, Deutsche oder Dänische. Die Hälfte des Jahres übersetzte sie für Lamas am Karmapa International Buddhist Institute (KIBI) in New Delhi, Indien, wo sie sowohl an der Übersetzung zahlreicher buddhistischer Texte beteiligt war, als auch die Reisen hoher Lamas der Karma-Kagyü-Linie organisierte. Die andere Hälfte des Jahres reiste sie mit ihrem Mann Lama Ole Nydahl um die Welt. Besonders wegen ihrer Arbeit als Sprecherin und Vertreterin für die buddhistische Übertragung der Tibeter wurde sie später oft "Mutter des Buddhismus" genannt. Hannah und Ole Nydahl wurden 1969 die ersten westlichen Schüler des 16. Gyalwa Karmapa, dem Oberhaupt der tibetisch-buddhistischen Karma-Kagyü-Tradition. Nach einigen Jahren der Ausbildung im Himalaya bat er die beiden, den Buddhismus in den Westen zu bringen. Seit 1972 verbrachten beide ihr Leben mit Reisen und Lehren und mit dem Gründen von weltweit über 600 Meditationszentren.