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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 51, (Sommer 2012)

Das Gewöhnliche Bewusstsein

Von Topga Rinpoche

Was versteht ihr darunter, wenn von Meditation gesprochen wird? Vielleicht habt ihr den Eindruck, dass ihr euch dabei auf etwas konzentrieren sollt – auf ein Subjekt oder ein Objekt oder etwas in dieser Art? Das tibetische Wort für Meditation ist Gom.
Meditation bedeutet, dass man den Geist ganz auf eine Sache richtet, ohne sich von anderen Dingen ablenken zu lassen. Man sagt, dass dies das Wesentliche daran sei.

Wenn wir den Geist ohne Ablenkung in sich ruhen lassen wollen, brauchen wir dafür eine Basis, auf der er unzerstreut verweilen kann. Es gibt verschiedene Methoden, dies zu üben. Man kann sich zum Beispiel auf eine Buddhastatue konzentrieren und den Geist darauf ruhen lassen. Oder auf einen Text, indem man sich auf dessen Bedeutung einstellt und unzerstreut bei den Worten verweilt. Oder man schaut auf den eigenen Geist und lässt ihn ohne Ablenkung darin ruhen. In Bezug auf diese vielfältigen Grundlagen unterscheiden wir verschiedene Stufen der Meditation.

Meditation ist eine Methode den Geist zu trainieren, damit er fähig wird, auf einer solchen Basis zu ruhen. Bei der Meditation auf das "Große Siegel" (skt. Mahamudra) muss die Grundlage für das Verweilen des Geistes das sogenannte "Gewöhnliche Bewusstsein" (tib. Thamal gyi Shepa) sein. Was ist nun dieses Gewöhnliche Bewusstsein? Es gibt einen Teil des Geistes, der vom Zeitpunkt, nachdem ein Gedanke aufgetaucht und wieder vergangen ist, bis zum Augenblick des Entstehens des nächsten Gedankens nichts Begriffliches hervorbringt. Er ist so etwas wie eine Grundlage und wird als Gewöhnliches Bewusstsein bezeichnet. Wir trainieren, um die Fähigkeit zu entwickeln, unseren Geist auf diesem Gewöhnlichen Bewusstsein ruhen zu lassen.

Zunächst müssen wir das Gewöhnliche Bewusstsein überhaupt einmal bemerken. Dafür ist es notwendig, dass der Geist fähig wird, auf einer Sache zu ruhen. Schafft er das nicht, wird er auch das Gewöhnliche Bewusstsein nicht wahrnehmen können. Es gibt verschiedene Methoden, den Geist zur Ruhe zu bringen, indem wir uns zum Beispiel auf eine Buddhaform, auf Keimsilben oder auf die Attribute eines Buddhaaspekts ausrichten und solange wir können, dabei bleiben. Das wäre der erste Schritt. Um das Gewöhnliche Bewusstsein, nachdem wir es erst einmal erkannt haben, lange halten zu können, üben wir in dieser Weise. Genau aus diesem Grunde ist es nötig, die Meditation der Geistesruhe auf viele verschiedene andere Objekte zuerst zu machen.

Der Begriff des Gewöhnlichen Bewusstseins deutet darauf hin, dass der Geist ungekünstelt, nicht erschaffen und überhaupt nicht zu verändern oder zu verbessern ist. Es ist in jedem von uns vorhanden. Man bezeichnet es auch als "Buddhanatur". Es wird manchmal auch "das allem zugrunde liegende Bewusstsein" bzw. "Speicherbewusstsein" genannt. Auch diese Bezeichnungen sind zutreffend. Es kommt jedoch weniger darauf an, welchen Namen wir ihm geben – oder auch nicht geben. Der Kernpunkt ist vielmehr, dass es hier um den Geist an sich geht. Es geht um den Augenblick eines hinsichtlich des Wahrnehmungs-Objektes nicht getäuschten Bewusstseins, nachdem ein Gedanke aufgehört hat und bevor der nächste Gedanke entsteht. Genau das bezeichnen wir als das Gewöhnliche Bewusstsein.

Weil dieser Augenblick aber so kurz ist, erkennen wir das Gewöhnliche Bewusstsein in diesem Moment nicht. Deshalb kommt die grundlegende Unwissenheit zurück und damit auch das Leid des Kreislaufs der bedingten Existenz. Weil wir den Geist in diesen kurzen Augenblicken nicht erkannt haben, ist sofort die Illusion der bedingten Welt wieder da. Damit er sich selbst erkennen kann, muss der Geist zunächst ohne Ablenkung bei einer Sache bleiben können und dies wird mit Hilfe verschiedener Meditationstechniken trainiert.

Wenn jemand übt den Geist auf ein Objekt, wie zum Beispiel die Attribute eines Buddha-Aspektes auszurichten, wird der Geist dadurch lange an einer Stelle bleiben können. Darauf aufbauend verbindet er dann diese grundlegende Methode der geistigen Ruhe mit dem Verstehen des Gewöhnlichen Bewusstseins. Wenn er dann fähig ist, dieses über immer längere Zeitabschnitte zu erkennen, dann bezeichnet man ihn als jemanden, der seinen Geist kennt oder als einen, der fähig ist, auf den Geist zu meditieren.

Wir brauchen einen Lama, der uns mit dem Gewöhnlichen Bewusstsein bekannt macht, denn ohne einen Lama, der es uns zeigt, können wir es nicht erkennen. Wenn uns aber ein Lama mit der Kraft von Segen und Mitgefühl, der selbst in der Erkenntnis des Gewöhnlichen Bewusstseins verweilt, auf unseren Geist aufmerksam macht, können wir unseren eigenen Geist erkennen. Dafür müssen von beiden Seiten gute Bedingungen, wie die Kraft seines Segens und seines Mitgefühls und unsere Offenheit, Respekt, Hingabe usw. zusammenkommen. Der Lama, der uns den Geist zeigt, wird dadurch zu unserem Wurzellama und in uns entsteht durch das Erkennen unseres Geistes ein starkes, unumkehrbares Vertrauen. Aus diesem Grunde hat der Wurzellama eine sehr große Bedeutung und es ist notwendig, genau seinen Anweisungen entsprechend zu praktizieren. Dies ist die wesentliche Bedeutung all der vielfältigen Belehrungen in der Kagyü-Linie.

Meditation heißt auf tibetisch "Gom" und eine der Bedeutungen davon ist "Gewohnheit", bzw. "eine Gewohnheit aufbauen". Was wird nun während der Meditation geübt? Zu Beginn kann man das Gewöhnliche Bewusstsein nicht ununterbrochen sehen. Deshalb führt man den Geist immer wieder darauf zurück. Meditation ist nichts anderes als genau das. Wenn es also gelingt, sich mit seinem Geist ohne Unterbrechung vertraut zu machen und man das halten kann, dann wird das Meditation genannt. Es bedeutet zu üben und eine Gewohnheit darin aufzubauen, die Fähigkeit zur geistigen Ruhe zu entwickeln.

Meditation oder Übung ist ein Teil des Geistes und auch das Erkennen des Gewöhnlichen Bewusstseins ist ein Teil des Geistes. Zu Beginn der Meditation, wenn der Geist sozusagen auf den Geist schaut, kommt es vor, dass das Gewöhnliche Bewusstsein als etwas anderes als der Geist verstanden wird und ebenso derjenige, der versucht, es zu erkennen. Es wird dann zwischen demjenigen der schaut und dem auf das geschaut wird, getrennt. Mit dieser dualistischen Auffassung werden möglicherweise anschließend viele gedankliche Vorstellungen entstehen. Bei Anfängern stellt diese Trennung in denjenigen der sieht und das was gesehen wird, überhaupt kein Problem dar, denn nicht nur, dass es für Anfänger notwendig ist, auf diese Weise zu meditieren, es ist für sie sogar die einzig mögliche Art, dies zu üben.

Daher zeigen die Lamas ihren Schülern zunächst genau auf diese Weise die Natur ihres Geistes. Sie tun so, als gäbe es einen der sieht und etwas das gesehen wird. Dann werden das Betrachtete und der Betrachter allmählich zu einer Einheit, zur selben Essenz, zu einer Nicht-Zweiheit. Diese Erkenntnis kann nur aufgrund vonErfahrung entstehen. Um diese Erkenntnis zu erlangen, wäre es überhaupt nicht förderlich, wenn der Lama gleich zu Beginn sagen würde: "Dies ist derjenige der sieht und das ist das Gesehene. Beide sind eine Einheit und nicht verschieden voneinander." Nur durch Erfahrung als solche entsteht die Erkenntnis, dass der, der sieht und das Gesehene eins sind, dass sie dieselbe Natur haben.

Während man sich mit der Natur des Geistes vertraut macht, tauchen vielfältige Erfahrungen auf. Manchmal denkt man: "Jetzt kenne ich das Gewöhnliche Bewusstsein", dann wieder fühlt man sich leicht, entspannt und ist froh. Diese Gefühle werden als Erfahrungen von Freude bezeichnet. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Natur des Geistes richten, tauchen manchmal begriffliche Vorstellungen von Leichtigkeit und von Freiheit von jeglicher Enge des Geistes auf, dass es nichts gibt, das uns schaden oder behindern könnte. Diese werden als Erfahrungen von Klarheit bezeichnet. Es kommt auch vor, dass alle anderen Gedanken aufhören, während wir auf die Natur des Geistes sehen und das bezeichnet man als Erfahrung von "Frei Sein von Vorstellungen". Dies alles sind jedoch nur Erfahrungen und noch keine Anzeichen echter Verwirklichung.

Warum erscheinen diese Erfahrungen, zum Beispiel von Freude? Wir alle sorgen uns um etwas, jeder Einzelne leidet. Bei einigen geht es zum Beispiel um ihre Arbeit, bei anderen um ihre finanzielle Situation. Es gibt niemanden, dem nicht wenigstens ab und zu etwas Unangenehmes begegnet. Die Freude des Geistes zeigt sich spontan, wenn man auf die Essenz all dieser Probleme schaut und den Geist einfach in sich ruhen lässt, indem man all die Sorgen und Gedanken loslässt. Diese Freude ist jedoch nur eine Erfahrung und noch keine Verwirklichung oder echte Erkenntnis. Um zu lernen Erfahrungen und Verwirklichung voneinander unterscheiden zu können, brauchen wir unbedingt auch die Anweisungen des Lamas.

Wenn wir stark an dieser Erfahrung von Freude anhaften, kann uns dies am Verstehen des Wesens der Leerheit hindern. In gleicher Weise kann ein starkes Anhaften an der Erfahrung des "Frei Sein von Vorstellungen" zu einem Hindernis für das Verstehen der Klarheit von allem werden. Starkes Anhaften an der Erfahrung von Klarheit kann zu der extremen Vorstellung von Dauerhaftigkeit führen.
Man spricht von vielen extremen Vorstellungen wie Eternalismus, Nihilismus, beides, weder noch, etc. Diese falschen Vorstellungen von der Wirklichkeit entstehen abhängig von den unterschiedlichen Weisen, wie wir im Geist ruhen. Wenn wir zum Beispiel starke Anhaftung an der Idee haben, dass die Dinge nicht existieren, dann entwickeln wir eine Sichtweise, die die Leerheit sehr stark betont.
Mehr Anhaftung an der Klarheit führt zu einer Sichtweise, die den Weisheitsaspekt sehr stark betont. All die Lehrsysteme haben folgende Bedeutung: Abhängig von den verschiedenen Weisen, wie wir unseren Geist kennen lernen, mit welchen Vorstellungen über den Geist wir den Geist betrachten, wie uns der Lama die Natur unseres Geistes zeigt und wie wir diese Erfahrung halten, sind viele verschiedene Lehrsysteme gegeben worden, um uns zu zeigen, wie wir falsche Vorstellungen über den Geist vermeiden können.

Bei denjenigen, die kontinuierlich meditieren und schon Erfahrung gesammelt haben, ist die Situation anders. Aber Anfängern, die gerade erst zu meditieren beginnen, raten die spirituellen Lehrer, dass sie bei Erfahrungen von zum Beispiel "Frei Sein von Vorstellungen" nur auf deren wahre Natur sehen und keinerlei Erwartungen und Befürchtungen hegen sollen. Bei allen drei Erfahrungen – von Freude, Klarheit oder "Frei Sein von Vorstellungen" – sollten sie nur darin ruhen. Der Lehrer weist den Schüler immer wieder darauf hin, dass er diese Erfahrungen nicht verkennen soll, denn das hätte ein falsches Verständnis von der Natur der Dinge zur Folge. Darüber hinaus wäre es auch schlecht für den Körper und im Geist würde jede Menge an Gedanken auftauchen. Wegen dieser Gefahren rät der Lama besonders den Anfängern, keinerlei Art von Hoffnung und Furcht über ihre Meditation zu hegen. Welche Erfahrung auch immer entsteht: Man sollte nichts anderes tun als in ihrer Natur zu ruhen und keine Erwartungen und Befürchtungen bezüglich dieser Erfahrung zu haben.

Wenn man darauf aufbauend längere Zeit in der Meditation verweilen kann, erkennt man allmählich das Gewöhnliche Bewusstsein, wobei aber auch hier die Gefahr besteht, es falsch zuverstehen. Wem dies gelingt, der kann dann für viele Stunden, einige sogar viele Tage oder sogar Monate und Jahre meditieren und seinen Geist verwirklichen. So wird man ein "Siddha", ein großer "Meditierender", ein "Meister"... Welche Namen auch immer man verwendet: Dies ist die Bedeutung.

In vielen Biographien steht beschrieben, dass man, während man in dieser Weise meditiert, verschiedene Träume haben kann, dass einem Buddha-Aspekte, Schützer usw. erscheinen oder dass man Prophezeiungen erhalten kann. Auch hierbei ist es wichtig, diesbezüglich keine Hoffnung und Furcht zu haben, sondern in dem Wissen zu ruhen, dass all diese Erscheinungen nichts als der eigene Geist sind. Das ist eine Erklärung die die Lamas geben, damit man fähig wird, die eigene Praxis aufrechtzuerhalten.

In der Kagyü-Linie ist hierfür vor allem auch die Hingabe zum Lehrer von entscheidender Bedeutung. Dazu wird erklärt: Jedem von uns wird die Bedeutung der Buddha-Natur aufgehen, wenn wir uns mit entschiedener Hingabe dem Lehrer öffnen; mit dem Verständnis, dass der eigene Geist – ganz gleich, ob er Glück oder Leiden erlebt – ungetrennt vom Geist des Lehrers ist und wenn wir uns dabei völlig sicher sind, dass der Lama die Quelle all dieser Erfahrungen und der Einführung in die Natur des Geistes usw. ist. Was ist der Grund dafür, dass das in unserer Meditationspraxis üblicherweise so funktioniert? In unserer Kagyü-Linie gab und gibt es viele Lamas, von denen sich immer einer auf einen anderen gestützt hat. Die Schüler sind wiederum ihnen gefolgt und dabei wurde immer die Verwirklichung der Natur des Geistes vom Lehrer an den Schüler weitergegeben. Dies ist bis heute einzigartig, hier setzen wir an und gehen diesen Weg weiter.

Wenn man in dieser Weise meditiert und den Geist trainiert, wird all das Mögen und Nichtmögen, die Anhaftung an die "acht weltlichen Dharmas"1, über die gewöhnliche Wesen froh oder unfroh werden, abnehmen. Es gibt ja niemanden auf der Welt, der nicht manchmal Freude und manchmal Leid erlebt. Die meisten von uns sind berufstätig und so kann es zum Beispiel vorkommen, dass wir unserem Vorgesetzten gegenüber nicht ganz ehrlich sind, sondern ihm sagen, was er gerne hört oder dass wir es nicht mögen, wenn wir von unserem Vorgesetzten kritisiert werden. Man kann das nicht verhindern, es geschieht automatisch. Wenn aber in einem Praktizierenden, der früher auf andere zornig war, die Anhaftung abnimmt, wird er weniger zornig sein. Wenn er früher anderen gegenüber eifersüchtig war, wird auch diese Eifersucht abnehmen. Welche Störgefühle er auch immer hatte: Was ihn zu einem "Praktizierenden" macht ist, dass er dieser ein wenig mehr Herr geworden ist und darin eine gewisse Stabilität erreicht hat.

Hat die Idee von Freude und Leid, Anhaftung oder Abneigung irgendeinen Nutzen oder Schaden in Bezug auf die Natur des eigenen Geistes? Wenn wir darüber nachdenken, verstehen wir, dass sie es nicht hat. Dennoch können wir die Idee von Freude und Leid nicht einfach so beenden. Dazu muss unser Geist erst mit Hilfe von Meditation befriedet werden und dies ist der Grund dafür, dass wir meditieren. Im Geist derer, die die Meditation verwirklicht haben, hören die Störgefühle von selbst auf.

Wir sprechen darüber, dass die Natur des Geistes als "leer" erkannt wird. Wir sollten diese Leerheit aber nicht so missverstehen, dass es in ihr kein "Gut" und "Schlecht" gäbe, dass es nichts gäbe, was anzunehmen und aufzugeben wäre, dass Ursache und Wirkung nicht funktionieren würden. Wenn wir diesen Fehler in der Meditation vermeiden, werden die Störgefühle weniger grob. Sie werden subtiler und das ist für uns Dharma-Praktizierende, die ganz normal im Berufsleben stehen, gerade richtig.
Würde man hingegen denken, dass die Natur des Geistes "leer" sei und es in dieser Leerheit kein "Gut" und "Schlecht" gäbe, könnte einen das zu der Auffassung verleiten, dass es die gleiche Auswirkung hätte, ob man Positives oder Negatives tun würde. Aber die Auffassung, dass es nicht nötig sei, Positives anzunehmen und Negatives aufzugeben, ist falsch. Wenn uns zum Beispiel jemand mit einem Messer angreifen würde und wir dann behaupten, dass wir das mögen, wäre dies gelogen, denn natürlich mögen wir es nicht. Für uns, die wir versuchen, die Praxis von Buddhas Belehrungen mit unserem Alltagsleben in Einklang zu bringen, ist es im allgemeinen schon sehr gut, wenn wir es gegenüber jemandem der uns schadet schaffen, ein wenig geduldiger zu werden.

Die Begriffe "Leerheit" oder "leer sein" deuten darauf hin, dass die Natur des Geistes nicht mit Worten beschrieben werden kann und frei von Gedanken und begrifflichen Vorstellungen ist. Man kann diese Essenz nicht mit einem anderen Begriff benennen, welchen man auch probiert. Es gibt keinen Begriff, der diese Naturbeschreiben kann – das ist die Leerheit.
Man kann zwar sagen, dass die Natur des Geistes Leerheit ist. Aber es wäre auch nicht richtig, von Leerheit so zu sprechen, als sei da einfach gar nichts vorhanden. Sie ist ähnlich wie die Ziffer "0", die zwar die Zahl Null darstellt, aber doch als ein Symbol für etwas steht.

 

Fragen und Antworten:

In der Meditation geht es also zuerst darum, sich auf den Moment zwischen zwei Gedanken zu konzentrieren? Aber die Natur der Gedanken ist doch nicht getrennt von der Natur des Geistes. Dann müsste es doch auch möglich sein, sich gleich direkt auf die Natur der Gedanken zu konzentrieren und so zu erkennen, dass es keinen wirklich existenten Bewusstseinsmoment gibt?
Das ist eine gute Frage. Um die wahre Natur des Geistes zu erkennen, müssen wir versuchen, den Moment zwischen den Gedanken zu erkennen. Diesen zu erkennen ist das Problem. Wenn man das geschafft hat, folgt der Rest automatisch. Das ist aber nicht so leicht zu verstehen, bzw. zu erkennen. Wenn man zum Beispiel einen Schock erlebt und bewusstlos wird, hören alle konzeptuellen Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ganz sicher in einem Augenblick von selbst auf. Wir erkennen das aber nicht, und die nächsten Gedanken kommen sofort wieder. Genau diesen Augenblick zwischen den Gedanken gilt es zu erkennen. Wenn man es schafft, diesen Moment zu halten, ihn Schritt für Schritt zu verlängern, dann können keine weiteren Gedanken aufkommen. So kann man dann natürlicherweise sein ganzes Leben meditieren. [Rinpoche lacht]
Das ist der Augenblick! Man kann ihn Yeshe ("Ursprüngliche Weisheit") nennen, oder auch Tongpa ("leer"), was auch immer man mag. Eigentlich hat er keinen Namen und so kamen alle möglichen phantastischen Bezeichnungen für ihn auf. [Rinpoche lacht]

Lamas mit großen Fähigkeiten können uns diese Erfahrung übertragen. Solange ein Lama diese Fähigkeiten noch nicht hat, haben wir auch keine Ermächtigung von ihm erhalten.

Ich habe also auf der einen Seite die Gedanken und auf der anderen den Moment zwischen den Gedanken. Wenn ich in Meditation die Gedanken genau untersuche, komme ich doch an den Punkt zu sehen, dass sie nicht wirklich existieren und müsste doch so auch die wahre Natur des Geistes sehen können?
Ja, mehr oder weniger. Aber du bewertest das dann mit Gedanken, nicht wahr? Vielleicht denkst du an die wahre Natur des Geistes und denkst darüber nach, dass Gedanken nicht wirklich existieren, wie du deinen eigenen Geist anschaust, woher ein Gedanke kam und wohin er geht. Dann denkst du daran, dass der Gedanke nirgendwo herkommt und nirgendwo hingeht, weil er gar nicht wirklich da ist usw. Gut wäre aber, wenn du nicht nur darüber nachdenkst, sondern es direkt erkannt hast.

Wie kann ich das Gefühl einer Trennung zwischen Praxis und Alltag aufheben, also die Praxis in mein tägliches Leben einbinden?
Ich denke, du brauchst zuerst einmal etwas Meditationspraxis, das ist ein Muss. Nach einer Weile merkst du dann selbst, dass es nicht nötig ist, sich irgendwo einzuschließen und zu meditieren. Worum es geht, ist, auf den eigenen Geist zu schauen, auf den Geist, der frei von allen möglichen Gedanken ist, nicht nur negativen. Der Geist ist immer da und seine wahre Natur ist immer bei dir, egal was du tust und wohin du gehst. Wenn du das einmal verstanden hast, wenigstens für einen Moment, dann wird es nicht so schwierig sein, das zu halten. Diese wahre Natur des Geistes ist da, auch wenn du in einem Büro arbeitest und alles Mögliche mit deinem Gehirn und deinen Händen tust. Die Arbeit kann dir vielleicht sogar eine gewisse Kraft geben, weil du dich wirklich auf das konzentrieren kannst, was du tust.

In meinem Job mit Computern muss ich aber voll konzentriert sein und auch planen. Da kann ich eigentlich weniger den Geist beobachten.
Ich würde vorschlagen, dass du in deinem Job die Konzentration erstmal auf Äußeres hältst und dich nur auf das konzentrierst, was du gerade tust. Wenn es dann einmal nicht so viel zu tun gibt, konzentrierst du dich auf den Geist. Dann versuchst du, allmählich beides zu kombinieren. Vielleicht ist es ja möglich, für zwei Minuten sowohl auf den Geist als auch den Computer zu schauen. Wenn du merkst, dass das geht, dann versuche es mal für länger, aber entspannt, ohne es zu forcieren.
Wir haben die Gewohnheit zu denken, dass wir unseren Geist nicht brauchen, wenn wir körperlich arbeiten. Tatsächlich benutzt man ständig seinen Geist. Bei der Computerarbeit verwendet man natürlich viel mehr sein Gehirn als etwas mit dem Körper zu tun. Beim Holzfällen zum Beispiel muss man nicht so viel darüber nachdenken, wo man genau das Holz schneidet, aber bei geistiger Arbeit ist das anders. Du könntest dieses Schauen auf die wahre Natur des Geistes zuerst mit körperlicher Arbeit kombinieren und dann allmählich auch mit Arbeit, die Konzentration erfordert, und es auf diese Weise allmählich entwickeln. Nimm dir dabei nie zuviel vor. Wann immer du findest, dass es schwierig wird, lass es einfach sein.
Der Geist arbeitet die ganze Zeit, aber wir sind so daran gewohnt, dass wir es gar nicht richtig bemerken. Wenn wir zum Beispiel einen Brief schreiben und anfangen mit "Mein Lieber Freund", dann hat unser Geist jedes Wort und jeden Buchstaben gedacht: Wie wird das "M" geschrieben, wie das "e"? usw. Worum es geht, ist, dass wir uns unseres Geistes bewusst werden und dann auf die wahre Natur des Geistes schauen.

Aus dem Tibetischen: Sabine Richter
Fragen und Antworten aus dem Englischen, von der Redaktion übersetzt, ausgewählt, gekürzt und bearbeitet.


1: Gewinn und Verlust, Ruhm und Schande, Lob und Tadel, Freude und Leid


Topga Rinpoche:
Topga Rinpoche stammte aus einer früheren Königsfamilie in Tibet und war ein Neffe des 16. Gyalwa Karmapa. Er wurde schon als Jugendlicher vom 16. Gyalwa Karmapa in Tsurphu als "Vajra-Meister" eingesetzt und wurde später im Exil der Generalsekretär des Klosters Rumtek.

Er galt als sehr gelehrt, wobei sein historisches Wissen besonders hervorstach. Shamar Rinpoche nannte ihn einmal einen "Idealist und Intellektuellen". Als einer der größten Gelehrten der Karma-Kagyü-Linie unterrichtete er am KIBI in New Delhi buddhistische Philosophie, Erkenntnistheorie und die tibetische Sprache. Sein besonderes Engagement galt dem Erhalt der Tradition der "Schwarz- und Rot-Hut-Karmapas", der Untrennbarkeit der Karmapas und Shamarpas.
Topga Rinpoche setzte sich nach dem Tod des 16. Karmapa sehr bestimmt dafür ein, Karmapas Wünsche weiter zu erfüllen und sein Vermächtnis zu bewahren, womit er sich im Himalaja-Gebiet einige Leute zu Feinden machte, die andere Pläne mit der Karma-Kagyü-Linie hatten.
Topga Rinpoche war mit einer bhutanesischen Prinzessin verheiratet und verbrachte einen großen Teil seiner Zeit in Bhutan. Als 1987 Lopön Tsechu Rinpoche zum ersten Mal einer westlichen Pilgergruppe unter der Leitung von Lama Ole Nydahl und Hannah Nydahl ermöglichte, die heiligen Plätze Bhutans zu besuchen, unterstützte auch Topga Rinpoche diese Reise sehr und empfing die Pilgergruppe in Bhutan. Topga Rinpoche starb 1997. Anlässlich seiner Verbrennung in Bhutan wurde der 17. Karmapa Thaye Dorje in Bhutan als Staatsgast mit allen Ehren empfangen.