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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 51, (Sommer 2012)

Kurzvorträge in den Zentren

Ein Interview mit Lama Ole Nydahl

Du ermutigst deine Schüler in den Zentren, Kurzvorträge zu halten. Was ist der Grund dafür?

Jeder einzelne von uns ist Buddhas Botschafter in der Welt und Menschen werden entsprechend unseres Beispiels alle Buddhisten messen. Kann man als Buddhist auf Fragen nichts antworten, sieht das dumm aus. Deswegen sollten alle lernen, auf ernsthaft gestellte Fragen etwas Sinnvolles in zehn Minuten oder weniger sagen zu können. Das war der Grund zur Einführung der Kurzvorträge. Ich hatte plötzlich entdeckt, dass sogar einige meiner nächsten Schüler nicht besonders redegewandt waren. Sie besaßen zwar tiefes Wissen und Erfahrungen auf ganz vielen Ebenen, hatten aber Schwierigkeiten, zum Buddhismus allgemein etwas Rundes zu erklären.

In Tibet war die Verbreitung des buddhistischen Wissens nicht demokratisch, es gab diesbezüglich eine Zweiklassengesellschaft. Nur wenige hatten Wissen über Dharma und konnten es weitergeben, andere hatten keinen Zugang dazu. Du betonst, dass all deine Schüler ein solides Grundwissen haben sollen. Wie wichtig ist es für dich, dass möglichst viele in unseren Zentren dieses Wissen auch weitergeben können?
Es ist so wichtig, dass ich nur denen, die Zehn-Minuten-Vorträge geben, auch die Leitung der Meditation überlasse. Denn wer diese gibt, wird selbstverständlich Ansprechpartner für Neue und muss deswegen etwas Begabtes vermitteln können. Im Westen haben Schulbildung und das Fehlen einer Klassengesellschaft den Zugang zu Wissen vereinfacht. Jeder kann lernen was er will, auch was die Lehren Buddhas betrifft, und jede Menge gute Eigenschaften verwirklichen.

Das revolutioniert die ganze Art, buddhistisches Wissen weiterzugeben! Das gab es in Tibet vermutlich niemals, oder?
Die Yogis entwickelten sich durch einen vollen Austausch mit ihren Lehrern, aber in Klöstern herrschte meistens "Einweg-Unterricht", durch harte Verhaltensregeln und das Auswendiglernen von Büchern. Heute im Westen sind wir dem ersten Beispiel am nächsten. Die Leute wollen Fragen stellen und kommen, um ihre Vorstellungen durch Erfahrungen zu überprüfen. Sonst bleibt alles an der Oberfläche.

Wer soll also die Kurzvorträge halten?
Wenn möglich, alle die schon eine längere Zeit ins Zentrum gehen, Meditationserfahrungen gesammelt und Kurse besucht haben!

Beim deutschsprachigen Zentrentreffen 2007 hast du als inhaltliche Quelle deine Bücher genannt, aber auch den "Juwelenschmuck der Befreiung" von Gampopa. Siehst du das heute - 2011 - immer noch so?
Hannah und ich haben die westliche Kagyü-Sprache von heute ausgewählt. Obwohl die drei alten tibetischen Linien – Nyingma, Sakya und Kagyü – sehr viel Übertragung teilen, bleibt die Fachsprache unterschiedlich und wir bleiben wie unsere Lehrer: stur Kagyü. Weil es um ganzheitliche Erfahrung geht, darf man die Begriffe nicht durcheinander mischen, sonst steht alles Kopf. Ähnliche Bereiche dürfen nicht unterschiedlich benannt, und die gleichen Wörter nicht für Unterschiedliches verwendet werden. Wenn Einstellung, Worte und Mittel stimmen, entsteht Erfahrung. Mit der Zeit können unsere Gelehrten selbstverständlich Vergleiche mit den Texten anderer Linien anstellen. Das ist sogar wichtig, aber wird man auf Erfahrungsebene durch unterschiedliche Benennungen hin- und hergeworfen und verwirrt, macht es keinen Sinn. Es ist besser, durch eindeutige Erklärungen zu dauerhaften Meditationserfahrungen überzugehen.

Den "Juwelenschmuck der Befreiung" von Gampopa empfehlen wir als Quelle also nicht mehr?

Das war wohl nicht genau genug: Ich rate, zuerst unsere Bücher als Quellen zu verwenden und dann, wenn zusätzlich notwendig, Auszüge von Gampopa in unser Gerüst einzuarbeiten. Erst wenn man zum Beispiel entspannt mit den höchst mittelalterlich-christlich anmutenden Ansagen zu Sexualität umgehen kann und die Höllen als zeitbegrenzte Zustände des Verfolgungswahns versteht und nicht als eine Strafe von "oben", sind die Texte im Leben nachvollziehbar.

Die Leute stützen sich oft auf das geschriebene Wort, wie deine Bücher oder "Buddhismus Heute"-Artikel. Das macht manche Kurzvorträge ein bisschen trocken. Können wir zusätzlich auch Zitate von dir verwenden, um die Kurzvorträge lebendiger zu machen?
Du meinst Gelegenheitswitze in den Erklärungen? Wenn sie nützlich sind, bitte. Ich vermeide durchgehend Fremdwörter, was den Erklärungen eine weitere Ebene von Tiefe verleihen soll. Es mag sich mitunter etwas eckig anhören, aber die deutsche Sprache mit ihrer Klammerfähigkeit zwischen Haupt- und Nebenverb und Vor- wie Nachsilben, ist gut für das Denken. Sie macht aus einer ursprünglich einfachen Bauern- und Hirtensprache ein erstklassiges Werkzeug für unterscheidende Wahrnehmung. Ihr könnt das erwähnen, wenn meine Sprache, manchmal ein bisschen klotzig oder althergekommen wirkt.

Deine Vorträge beruhen auf ganz viel Wissen und Erfahrung, zum Beispiel wenn du über die moderne Wissenschaft redest. Können wir solche Zitate dennoch verwenden, auch wenn wir nicht diesen Hintergrund an Wissen haben?
Klar könnt ihr das, und es ist immer erfreulich, wenn die Wissenschaft Buddhas Lehre unterstützt. Mit "Ich habe eben gelesen oder gehört", wenn man nicht so viele Einzelheiten kennt, geht ganz viel und oft - aber hoffentlich nicht zu lange - fügen die Zuhörer dann auch noch etwas hinzu. Wird man dabei mitunter als unwissenschaftlich erlebt, muss man das hinnehmen.

Wir haben in allen deutschen und etwa zwanzig internationalen Zentren eine Umfrage darüber gemacht, wie die Kurzvorträge gehandhabt werden. Die Mehrheit wagt sich kaum an die eigentlichen Diamantweg-Themen heran. Viele bevorzugen Themen wie "Mitgefühl und Weisheit", "Ursache und Wirkung" oder die "Vier Grundgedanken". Aber viele Leute scheuen sich, das eigentliche Herzstück unserer Lehre zu behandeln. Wie siehst du das?
Das ist gut so. Es ist klug, und auch bei mir wurde die Erkenntnis über die Jahre tiefer. Man spürt selbst, was man erklären soll. Spricht man vom Großen Siegel oder anderen überpersönlichen Belangen und zeigt sich am nächsten Tag über irgendetwas verstört, fragen sich die Leute, was das für eine Erkenntnis sei. Man erwartet ja immer, dass der Lehrer das vertritt, was er lehrt und auch alles verwirklicht hat. Deswegen beteuere ich ja auch, dass ich nicht erleuchtet bin, aber die Buddhas sehr hilfreich sind. Sonst wird man für sie zu einer Art Weihnachtsmann - das erreichbare Beispiel jedoch, die Bedeutung von Weg und Ziel, gehen verloren.

Sollten wir nicht trotzdem bei allen Themen die Sichtweise des Diamantwegs mit einbeziehen?
Je nach Wissen und Erfahrung. Jeder, der unseren Entwicklungsweg kennt, kann ein paar Worte zu den drei Ebenen von Buddhas Lehre einflechten und erwähnen, wohin das vorgetragene Thema gehört und es in den richtigen Rahmen stellen.

Wenn "alte Hasen" die Kurzvorträge halten, ist das etwas anderes, als wenn es jemand tut, der ein oder zwei Jahre dabei ist. Bei den alten Hasen hat man oft das Gefühl, dass auch etwas von Übertragung mit rüberkommt. Wie siehst du denn den Unterschied zwischen Kurzvortrag und Belehrung?
In der Erfahrung und dem Segen, der rüberkommt. Ob der Zuhörer hinterher erlebt, etwas für seinen Kopf oder für sein Leben bekommen zu haben, ist der Unterschied.

Oft werden Kurzvorträge ein bisschen wie an der Uni vermittelt, dass also der Stoff ordentlich zusammenstellt und vorgetragen wird. Wir sind zwar eine Übertragungslinie, viele Leute trauen sich aber gar nicht zu denken: "Der Lama sitzt hinter oder über mir und ich bin in seinem Segensstrom..."
Das ist in Ordnung. Wer in einer Uni unterrichtet oder mit Freunden oder Sachkundigen Wissen und Erfahrung teilt, soll geben was in diesem Rahmen anliegt.

Kann man vor dem Vortrag innerlich den Segen des Lamas erbitten?
Also sich öffnen? Sehr gerne! Alles geschieht zum Besten aller und im Namen unserer Zentren und Buddhas Lehre, die vom Lehrer vertreten wird.

Du sprichst immer wieder davon, dass es gut sei, in die Nachbarzentren zu gehen und sich zu vernetzen. Unsere Umfrage hat ergeben, dass dies selten geschieht. Sollen wir das vermehrt tun?
Ja, Verbindungen sind alles. Man lädt jemanden ein, wenn er etwas sehr gut kann. Werden kurze Beiträge gern gehört, wird man später auch für längere Vorträge eingeladen. So wachsen unsere Zentren wie Lehrer durch ihre Bereitschaft zu lernen, lehren und sich gegenseitig zu feiern. Stimmt dann noch dazu die allgemeine Bildung und man lebt weltpolitisch bewusst, dann sag ich irgendwann: "Du kannst uns sinnvoll vertreten. Wie gut ist eigentlich dein Englisch?" Und je nachdem unterrichtet man dann entweder im eigenen Land oder um die Welt.

Unsere Umfrage hat ergeben, dass in vielen Zentren Kurzvorträge nur einmal pro Woche oder sogar weniger oft stattfinden. Sollen die Kurzvorträge nicht öfter, zum Beispiel vor jeder Karmapa-Meditation, stattfinden?

Mechanisch werden darf nichts und Neue müssen nicht vor "Herrschern" ihre Weisheiten darbieten. Im kleinen Kreis und in Zusammenarbeit mit Freunden zu beginnen, ist eine sehr gute Idee. Auch Kapitel unserer Geschichte sinnmäßig darstellen und aus den Büchern "Buddha von Dach der Welt", "Über alle Grenzen" und Tomeks "Rüpel in Roben" oder "Buddhismus Heute" etwas vorzutragen, ist sinnvoll und eine sehr gute Übung. Jeder von uns ist Buddhas Vertreter in der Welt, der erste Buddhist den einige Leute kennen lernen. Also müssen wir irgendetwas Begabtes sagen können. Vor den Freunden zu üben, hat sich hier sehr gut bewährt.

Einige kleinere Gruppen sind mit dem guten Gefühl von Freundschaft zufrieden und erleben ihr Angebot nicht so sehr als öffentliches Programm ...
Ja, das stimmt. Vor allem entlegene Zentren. Das gibt Tiefe, aber keine überpersönliche Breite und kann Gruppen unbedeutend machen. Wir leben von Austausch und es ist ein Missverständnis der Bodhisattva-Einstellung, sich abzukapseln. Die Zentren sollen den Wesen ein Angebot geben. Auch wenn anfangs nur drei Leute kommen: Stimmt das Angebot und Ziel, werden es mehr werden, die etwas wissen wollen. Deswegen sollen unsere Gruppen und Zentren die erprobten Erleuchtungswege lehren können, auffindbar sein und Verbindungen zur Presse haben. Wir sind ja für alle Freiheitssuchende da, nicht nur für uns selbst.

Kann Perfektionismus ein Hindernis sein, Kurzvorträge zu halten?

Wir hatten leider schon Fälle, wo ein Hoffnungsvoller etwas erklärte und man hinterher nichts mehr von ihm hörte. Statt ihn zu unterstützen, haben die sehr Klugen ihn "platt gemacht". So etwas ist ein Fehler! Die erfahrenen Alten in einem Zentrum sollen vielmehr wie Doktorväter in der Uni arbeiten. Sie bringen die Leute nach vorne und helfen ihnen. Sie sagen ihnen, was gut war und was noch zu verbessern wäre, welches Zitat gepasst hat und wo vielleicht eine bessere Wortwahl zufriedenstellender sei. So wird die Vermittlung gut und alle sind zufrieden.

Soll man die Leute auch persönlich ansprechen und fragen "Wie wär's denn, wenn du nächste Woche den Kurzvortrag machst?"
Schon, und zum Beispiel so: "Du hast lange nichts gesagt, was findest du spannend zurzeit? Sammle doch ein paar Auskünfte aus der Bücherei dazu und gib sie weiter."

Es gibt auch Zentren, bei denen sich das Feedback auf ein allgemeines Lob beschränkt. Wie wichtig ist eine inhaltliche Rückmeldung?
Die Leute sollen die Erfahrenen im Zentrum fragen, welche Verbesserungen sie vorschlagen würden. So wird gelernt!

Man kommt in den Diamantweg-Zentren also nicht um die Zehn-Minuten-Vorträge herum?
Schwer. Und ihre Halter werden immer ernster genommen. Man weiß, wie wichtig sie sind.

Langfristig gesehen ist unsere weltweite Vernetzung sehr wichtig. Im EC werden Kurzvorträge beispielsweise schon auf Englisch gehalten. Sollten wir die Vorträge gelegentlich mal auf Englisch üben? Oder ausländische Gäste bitten, einen Kurzvortrag auf Englisch zu halten?
Alles, was verbindet, ist höchst sinnvoll! Deshalb haben wir unsere Meditationstexte auch in Dutzende von Sprachen übersetzt. Englisch ist die Weltsprache und sie fördert eine freiheitliche Kultur.

 


Im Gespräch mit Lama Ole Nydahl: Renate Scholz und Peter Speier