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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 51, (Sommer 2012)

Meditation

Von Shamar Rinpoche

Ein Meditierender erfährt durch seine Praxis zwei Arten von Nutzen. Die erste ist eine unmittelbare Verbesserung der täglichen Lebensumstände. Die Meditation führt zu einem friedvolleren, ruhigeren und gelasseneren Geist, der Ereignissen, die ihn normalerweise stören würden, nicht mehr so große Bedeutung gibt und sie einfach nicht mehr so ernst nimmt. Allmählich lernt er durch die Meditation von äußeren Bedingungen und Umständen unabhängig zu werden. Wenn der Geist nicht mehr von äußeren Bedingungen beeinflusst ist, kann er seine eigene Stabilität und Ruhe zu entdecken. Mit einem Geist, der stabil und ungestört ist, werden wir in unserem Leben weniger Leiden erfahren. Das ist der unmittelbare Nutzen, der sich durch eine regelmäßige Meditationspraxis einstellt.

Der langfristige Nutzen ist, dass durch den so beruhigten Geist allmählich die grundlegende Unwissenheit des Geistes gereinigt wird. Das führt letztendlich zum Zustand der Buddhaschaft, zur Erleuchtung, in dem die Verwirrung des gewöhnlichen Alltagslebens nicht mehr existiert.


Um Frieden und Gelassenheit zu erleben, muss der Geist lernen, zur Ruhe zu kommen. Das ist aber nicht, wie wir unseren Geist normalerweise erleben - er ist immer aufgewühlt, immer in Bewegung, denkt ständig an viele verschiedene Dinge. Wir müssen uns gründlich anschauen, was die Ursache dafür ist: Seit anfangsloser Zeit bis heute haben wir eine Form von Wahrnehmung gepflegt, in der wir die Dinge aus dualistischer Sicht anschauen. Wir haben ein ausgeprägtes Gefühl von einem "Ich", also einer persönlichen Existenz, was wir das Haften am Ego nennen. Infolgedessen erleben wir äußere Objekte als von diesem Ego getrennt. Diese irrige Vorstellung beinhaltet unweigerlich ein Verhältnis zwischen unserem "Selbst" und den Objekten, mit denen wir in der Welt um uns herum zu tun haben. Diese dualistische Erfahrung der Welt ist uns allen zueigen, und dieses grundlegende zweiheitliche Gefühl lässt alle möglichen Gedanken, Ideen und Geistesbewegungen entstehen. Wenn wir uns dann zur Meditation hinsetzen, ist unsere Erfahrung des Geistes erst einmal alles andere als friedvoll und gelassen. Der Geist ist von seinen starken Aktivitäten in Verbindung mit den äußeren Objekten völlig abgelenkt. Das ist die grundlegende Ursache all der geistigen Ablenkungen.


Wir brauchen also eine Methode, um diesen unruhigen Geist dahin zu bringen, ruhig an einer Stelle zu verweilen, sodass er sich an die Erfahrung der Stabilität gewöhnen kann. Deswegen geben wir dem Geist in der Meditation ein einzelnes Objekt, auf dem er ruhen kann.


Bevor wir aber mit der Meditation beginnen, sollten wir uns über die Qualitäten des Geistes im Klaren sein, darüber, was der Geist eigentlich ist. Er ist kein Ding, keine materielle Substanz, kein festes Objekt - er hat die Fähigkeit zu wissen, das ist seine Natur. Der Geist ist eine Abfolge von Bewusstseinsmomenten, von Momenten der Bewusstheit, Momenten des Wissens. Von seinem Wesen her ist er ungehindert, weit und unbegrenzt. Der Geist ist auch kein einzelnes Ding, das als solches existieren und für eine bestimmte Zeitdauer bestehen würde. Wenn der Geist mit Objekten in Verbindung tritt, entsteht eine Serie von sich ständig verändernden Momenten der Wahrnehmung. Der Geist ist dann also nicht eine ständig bestehende Sache, sondern vergänglich. Diesen Geist, der fähig ist zu wissen und der in seiner Natur ungehindert ist, darin zu trainieren, stabil zu bleiben, das ist, worum es geht.


Diese Stabilität brauchen wir, damit der Geist sein wahres Wesen erkennen kann. Ohne sie ist er nicht in der Lage dazu. Er hat aber die Fähigkeit, seine eigene Instabilität, seine momentane Vergänglichkeit, zu erkennen. Da er seiner Natur nach fähig ist zu wissen, kann er auch etwas über sich selbst wissen, zum Beispiel über die Tatsache, dass er nicht gefestigt ist. Auf Grundlage dieses Wissens über sich selbst kann er dann lernen stabiler zu werden.
Dieser aufgewühlte und sich ständig in Bewegung befindende Geist kann also seine Instabilität erkennen und sich verändern.
Das ist ganz anders als zum Beispiel beim Wind: Der Wind bewegt sich zwar auch die ganze Zeit, da er aber keinen Geist hat, weiß er nichts von seiner Bewegung und kann sich nicht selbst zur Ruhe bringen. Es ist der wissende Aspekt des Geistes, der es ihm möglich macht, mit sich selbst zu arbeiten.

Nur mit einer Meditationstechnik allein ist es aber nicht möglich, die Instabilität des Geistes dauerhaft zu entfernen. Erst wenn der Geist sein eigenes Wesen erkennt, kann er wahre Stabilität erreichen. Da der Geist sich aber selbst direkt erleben kann, ist er auch fähig, seine wahre Natur zu erfahren: Ungehindert, frei von Haften und Fixierung auf den endlosen Strom der geistigen Inhalte, nämlich der Gedanken, Wahrnehmungen und Vorstellungen. Aus Gewohnheit greifen wir nach den Erscheinungen im Geist, als seien sie solide und real. Wir verlieren dadurch den Blickwinkel, aus dem wir die ungehinderte Qualität des Geistes erkennen können. Wir sagen auch, dass die wahre Natur des Geistes Leerheit sei und meinen damit, dass der Geist klar ist. Er ist leer davon, etwas Solides, Dauerhaftes oder in sich selbst Existierendes zu sein.


Wenn wir aber auf den Geist meditieren so wie er im Moment ist, also auf unser derzeitiges persönliches Erleben unseres Geistes, dann werden wir erkennen wie aufgewühlt er ist und wie er ständig von einem Strom von Gedanken abgelenkt wird. Wenn wir das tun, erkennen wir, dass wir zurzeit nicht in der Lage sind, einen stabilen Geist zu erfahren und so wird uns die Notwendigkeit klar, unseren Geist zu trainieren. Wir wollen ihn "zähmen", um ihn in einen Zustand der Ruhe und Stabilität zu bringen. Dafür geben wir ihm einen Bezugspunkt, etwas, worauf er sich ausrichten kann. In Buddhas Lehren gibt es Erklärungen über verschiedene Stützen oder Bezugspunkte, die für die Stabilisierung des Geistes hilfreich sind. Buddha hat insbesondere die Methode betont, dass man den Geist auf dem Atem ruhen lässt. Er erklärte, dass der Geist von fühlenden Wesen eng mit dem Körper verbunden ist. Geist und Körper befinden sich in einer nahen Beziehung miteinander, insbesondere Geist und die subtilen Energien im Körper. Deswegen ist ein Weg zur Erfahrung von Geistesruhe mit dem Atem zu arbeiten, denn der Atem steht sowohl mit dem Körper als auch mit den subtilen Energien in Verbindung. Dies ist der Grund dafür, dass als grundlegende Meditationsübung das Zählen der Atemzüge empfohlen wird.


Die erste Meditationstechnik, die wir zur Zähmung des Geistes benutzen, wird die "Meditation der Geistesruhe" genannt, auf Sanskrit Shamatha und auf Tibetisch Shine 1. Sie besteht aus sechs Stufen, die ersten drei davon sind: Den Atem zählen, dem Atem folgen, auf dem Atem ruhen. Wenn man sie lange Zeit geübt hat, wird der Geist zahm und man kann zu den nächsten drei Schritten übergehen, die sich aus der Konzentration auf den Atem entwickeln. Hier versucht man dann die Verbindung zwischen Geist und Atem zu untersuchen und erkennt dadurch die Natur des Geistes, seine Leerheit. Man entwickelt ein intuitives Gefühl für den Geist und kann später damit "spielen". So kann man dann zum Beispiel die Konzentration verändern, das Bild, auf das man sich konzentriert und man weiß, dass der Geist wie ein Trugbild ist. Danach konzentriert man sich auf das Wesen der Objekte und sieht, dass die Phänomene in ihrem Wesen leer sind.

Natürlich geht es hier nur darum, einen überblick über die verschiedenen Schritte in der Meditationspraxis zu geben. Wenn man die Meditationstechniken wirklich erlernt, braucht man eine systematische Folge von regelmäßigen Erklärungen. Dadurch kann man allmählich sein Verständnis der Meditation entwickeln.

Wenn wir die Methode des Zählens der Atemzüge verwenden, zählen wir die Atemzyklen, wobei einmal ein- und einmal ausatmen ein Zyklus ist. Zuerst zählen wir fortlaufend bis fünf und versuchen den Geist von eins bis fünf unabgelenkt zu halten. Dann wiederholen wir den Prozess. Wenn uns das leicht fällt, erhöhen wir die Anzahl der Zyklen, aber nur soweit, wie wir fähig sind, unabgelenkt zu verweilen.


Die ganze Zeit über ruht der Geist auf dem Atem und ist nicht von irgendetwas anderem abgelenkt. Mit dieser Methode wird man im Laufe der Zeit sogar fähig sein, bis 1000 zu zählen, ohne dass der Geist vom Atem abschweift. So kann man eine gewisse Stufe von Stabilität messen, in der der Geist tatsächlich unter unserer Kontrolle ist. Wir nennen das einen beruhigten, befriedeten oder gezähmten Geist.


Mit Hilfe dieser Meditationspraxis entwickeln wir eine Erfahrung von innerer Ruhe. Wenn wir dann in dieser Technik geschickter werden, wird diese Ruhe und Gelassenheit zu einer Dauererfahrung im Geist. Das ist das Resultat der "Meditation der Geistesruhe".


Wenn wir Belehrungen über Meditation bekommen, ist es im Allgemeinen nicht üblich, dass all die verschiedenen Techniken auf einmal erklärt werden. Meditationspraxis muss man stufenweise erlernen und es beginnt damit, dass man lernt, korrekt zu sitzen. Deswegen ist die richtige Sitzhaltung das erste Thema, das dazu gelehrt wird. Danach folgt eine Reihe von Erklärungen darüber, wie man lernt, den Geist auf einem Meditationsobjekt ruhen zu lassen. Die dritte Stufe von Erklärungen behandelt das Thema, wie man Fehler oder unkorrekte Meditation erkennt und wie man verhindern kann, dass solche Fehler in der Meditation auftreten.
Dazu gehört auch, dass wir lernen, die durch richtige Meditation entstehenden Qualitäten zu erkennen.


Diese grundlegenden Meditationsanweisungen darüber, wie man einen beruhigten und friedlichen Geist erfahren kann, sind sehr wichtig, denn sie geben uns ein Fundament für die Entwicklung unserer weiteren Meditation.

Nach der Meditation der Geistesruhe gehen wir weiter zur zweiten Phase, die "Meditation der Einsicht" genannt wird, auf Sanskrit Vipashyana und auf Tibetisch Lhaktong. Hier bekommen wir eine tiefgründige Einsicht in die wahre Natur des Geistes.
Wenn wir in unseren Geist schauen, entdecken wir etwas, das "ursprüngliche Bewusstheit" genannt wird. Sie ist nicht-dualistisch und es ist nur mit Hilfe der Einsichts-Meditation möglich, diesen nicht-dualen Geist zu erkennen. Ohne Einsichts-Meditation würden wir immer weiter im dualistischen Haften gefangen bleiben und die wahre Natur des Geistes - seine Weisheit, seine ursprüngliche Bewusstheit - wäre weiterhin verdeckt und wir hätten keinen Zugang dazu.

Wenn wir einmal einen Einblick in diese Natur des Geistes hatten, können wir die Qualität dieser Erfahrung der ursprünglichen Bewusstheit durch weitere Einsichts-Meditation verbessern. Im Laufe der Zeit wird es immer natürlicher und wird sich von selbst entwickeln. An diesem Punkt beginnt unsere Erfahrung der ursprünglichen Bewusstheit spontan zu wachsen. Wenn der Geist aber aufgewühlt ist, werden wir die ursprüngliche Bewusstheit gar nicht sehen können und deshalb ist es wichtig, erst die grundlegende Meditationspraxis zu üben und damit geistige Ruhe, Frieden und Stabilität zu kultivieren.

In dieser Weise erfährt man also durch die Meditation das Wachstum der ursprünglichen Bewusstheit im Geist. Die Methode, die man dazu benutzt, ist, dass man in der Einsichts-Meditation lernt, nicht an der Wirklichkeit oder festen Existenz äußerer Objekte zu haften. Nach Innen erkennen wir, dass der Geist selbst nicht etwas Dumpfes oder Verdunkeltes, sondern tatsächlich seinem Wesen nach Klarheit ist. Wenn in unserer Meditation diese beiden Aspekte zusammenkommen - das Nicht-Haften an Objekten und die innere Klarheit des Geistes - arbeiten sie zusammen und ermöglichen uns so, das Wesen des Geistes zu erkennen. Diese wahre Natur des Geistes können wir nur sehen, wenn der Geist nicht mehr von Gedanken verdunkelt ist. Ein Gedanke entsteht durch den Kontakt und die Beziehung zwischen dem Geist als Subjekt und einem zu ihm in Verbindung stehenden Objekt. Gedanken sind also notwendigerweise ein dualistischer Prozess. Wenn der Geist im Zustand des dualistischen Greifens ist, dann denkt er. Wenn er jedoch sein eigenes Wesen kennt und seine wahre Natur erkennen kann, dann ist das eine Erfahrung von nicht-dualistischer, ursprünglicher Bewusstheit. An diesem Punkt sieht der Geist tatsächlich sich selbst.

Um den Prozess auf dieser Meditationsebene zu illustrieren, können wir uns das Sonnenlicht am Morgen anschauen: Wenn wir aufwachen, dringt es bereits allmählich in die Welt und der Tag wird heller. Im Laufe des Tages steigt die Sonne höher, das Licht nimmt immer mehr zu und im gleichen Maße nimmt die Dunkelheit ab. Das ist die natürliche Wirkung des Sonnenlichtes - und es ist ähnlich dem, was in unserer Meditation geschieht. Je mehr wir die Natur des Geistes erkennen, umso klarer scheint die Natur des Geistes, weil der Geist die Fähigkeit hat, sich selbst zu kennen. Er kann erkennen, was schon in ihm liegt und ist dadurch nicht länger von unkontrollierten Gedanken beeinträchtigt. Er ist wie der ungetrübte wolkenlose Himmel, in dem das Sonnenlicht ungehindert frei scheinen kann. Wenn wir unsere Einsichts-Meditation kontinuierlich fortführen, wird in der gleichen Weise die Fähigkeit, die Natur des Geistes ohne Unterbrechung immer weiter aufzuhellen und zu sehen, zunehmen. Dieser ganze Prozess wird nach und nach völlig natürlich werden.

Durch diese hier kurz umrissene Meditationspraxis verwirklichen wir die letzten beiden der "Sechs Befreienden Handlungen" (skt. Paramitas): Die Praxis der meditativen Konzentration und die Praxis des höchsten Wissens oder vollständigen Verstehens, also der Weisheit. Paramita ist ein Sanskrit-Wort, das wörtlich bedeutet "etwas, das vervollkommnet wurde". Hier sprechen wir davon, dass die beiden Qualitäten der Meditation und der Weisheit ihre volle Verwirklichung erreicht haben. Die transzendentale, voll verwirklichte meditative Konzentration, die fünfte Paramita, hängt mit der zuvor erklärten Meditation der Geistesruhe zusammen. Durch das Training unseres Geistes und die allmähliche Entwicklung unserer Erfahrung kommen wir zur völligen Verwirklichung der Qualität von geistiger Stabilität, bzw. meditativer Konzentration.


Man spricht von drei Stufen der Geistesruhe. Die erste wirkt überhaupt nicht stabil, denn es geht hier darum, überhaupt erst einmal zu erkennen, wie aufgewühlt unser Geist tatsächlich ist. Vielleicht haben wir in der Meditation sogar das Gefühl, dass die Gedanken zunehmen und dass der Geist so wild ist wie eine Gebirgsfluss.
Das hat nichts damit zu tun, dass mit unserer Meditation etwas nicht stimmt, es bedeutet nur, dass der Geist jetzt ruhig genug geworden ist, um seine eigene Unruhe zu erkennen. Da er nicht mehr in seiner Aufgewühltheit verwickelt ist, kann er tatsächlich erkennen, wie unruhig er ist.


Wenn wir das erkannt haben, hängen wir nicht daran fest, sondern fahren mit unserer Meditation der Geistesruhe fort, bis der Geist besser geübt ist. An diesem Punkt erfahren wir den Geist wie einen konstant und sanft dahin fließenden Fluss. Das ist das Resultat davon, dass wir den Geist weiter beruhigt und trainiert haben. In der folgenden dritten Phase der Praxis wird der Geist fähig, so lange wie wir es wünschen, in einem stabilen Zustand zu verweilen. Man hat völlige Kontrolle über die Stabilität.

Diese drei Stufen meditativer Konzentration beinhalten drei Arten von Stabilität. In der ersten müssen wir dem Geist noch beibringen zur Ruhe zur kommen, indem er auf einem äußeren Bezugspunkt verweilt, irgendeinem Objekt. In der zweiten und dritten Phase wird das nicht mehr benötigt, man braucht keinen Bezugspunkt mehr.


Obwohl wir auf der zweiten Stufe keinen Bezugspunkt mehr haben, brauchen wir doch eine gewisse Wachsamkeit. Wir müssen beobachten, wann der Geist ruhig ist und wann er sich bewegt und denkt. Diese Zustände müssen wir erkennen und stufenweise den Geist weiter stabilisieren. In dieser Phase ist es nötig, eine gewisse bewusste Anstrengung aufzuwenden und die Qualität unserer Meditation zu bewahren.

Wenn wir dann die dritte Phase erreicht haben, treten geistiger Frieden und Ruhe, ohne dass wir irgendetwas dafür tun müssen, von selbst auf. Die zweite Phase führt ohne unser Zutun zur dritten Phase und diese ist schließlich die Verwirklichung von der Meditation der Geistesruhe. Das entspricht der Verwirklichung der meditativen Konzentration, also der fünften "Befreienden Handlung". Von hier aus kann man weitergehen in die Phase der Einsichts-Meditation.


Unsere Einsichtsmeditation, Lhaktong, ist viel schwieriger zu beurteilen oder einzuschätzen, denn sie ist grenzenlos. Tatsächlich üben wir sie bis zum Moment der Erleuchtung. Es ist keine Praxis, die man für eine gewisse Zeit übt und dann zu einer anderen Praxis übergeht. Einsichts-Meditation wird uns zur Erleuchtung führen.

Einsichts-Meditation ist von solch einer Weite, dass es von unserem Standpunkt aus eigentlich gar nicht möglich ist zu verstehen, was sie wirklich ist. Es ist ein Bereich von Meditation, der uns jenseits von dualistischen Manifestationen führt. Zuerst bringt sie einige kleinere Erfahrungen der wahren Natur der Dinge hervor. Wenn wir mit der Praxis fortfahren, wachsen sie und dehnen sich aus. Sie entwickelt sich in einer Weise, die jenseits unserer Fähigkeit liegt, diese Entwicklung zu verfolgen. Deswegen nenne ich sie "grenzenlos". Einsichts-Meditation ist die Vervollkommnung von Weisheit, der sechsten "Befreienden Handlung".

Obwohl unser Geist eigentlich die Fähigkeit dazu hat, sind wir zurzeit noch nicht dazu in der Lage, die wahre Natur des Geistes zu erkennen, denn unser Geist ist noch voller Verdunkelungen. Diese können aber wiederum das Mittel werden, mit dem wir Zugang zu den echten Qualitäten des Geistes bekommen. Der Geist aller fühlenden Wesen ist derzeit im Zustand der Unwissenheit; der wiederum bildet die Grundlage, aus der heraus all die Verdunkelungen des Geistes entstehen. Diese Verdunkelungen können jedoch gereinigt werden und führen dann zum Erlangen der Erleuchtung. Die Fähigkeit zur Umwandlung von Verdunkelungen in Qualitäten ist, was wir die Buddha-Natur nennen. Jedes einzelne Wesen hat die Fähigkeit, seine geistigen Verdunkelungen in die Qualitäten der Erleuchtung umzuwandeln.

Um diese Verdunkelungen besser zu verstehen, sollten wir ein wenig über Karma - das Gesetz von Ursache und Wirkung - sprechen. Dies wird helfen, die Verbindung zwischen unseren Handlungen und den erfahrenen Wirkungen zu verstehen und warum positives Handeln es uns ermöglicht, alle früheren karmischen Handlungen zu reinigen.

Karma sammelt sich durch Handlungen an, die auf Gedanken in unserem Geist beruhen und durch sie hervorgebracht werden. Die aufkommenden Gedanken in unserem Geist beruhen auf der Verbindung zwischen dem Geist und den Objekten und sie werden durch Emotionen hervorgebracht. Manchmal ist der Geist von Ego-Haften und Selbstsucht beeinflusst.

Manchmal ist er auch von starkem Zorn und Aggression beeinflusst, dann wiederum von starker Begierde und Anhaftung oder von Stolz oder Eifersucht. All diese emotionalen Zustände bewirken, dass Ideen im Geist entstehen und dass Handlungen ausgeführt werden. Diese sind ein karmisches Potenzial, ein karmischer Samen. Diese Samen sammeln sich im Geist und werden zu Gewohnheitstendenzen. Wenn diese wiederum heranreifen und somit das durch verwirrte Gedanken und Handlungen erzeugte Karma zur vollen Reife kommt, wird die Erfahrung eines Ereignisses in der uns umgebenden Welt hervorgebracht. Das ist dann unser Karma, die Manifestation des verwirrten Geistes. Karma kann also als Potenzial im Bewusstsein liegen, es kann im Prozess des Heranreifens sein oder es kann voll herangereift sein.

Anstatt negative Gefühle wie Begierde, Zorn oder Eifersucht im Geist zu entwickeln, können wir aber auch Qualitäten wie Liebe und Mitgefühl pflegen. Dann haben all unsere Handlungen die Basis einer guten Motivation und als Resultat davon werden all unsere Handlungen unausweichlich die Qualität des Positiven stärken. Wenn all unsere Taten von echter Liebe und Mitgefühl motiviert sind, wird das Ergebnis unausweichlich positives Handeln sein. Ernsthaft liebevolle oder mitfühlende Handlungen können niemals zu einem negativen Resultat führen. Solche verdienstvollen Handlungen sammeln sich im Geiststrom an und reifen zu einer Erfahrung der Welt heran - einer illusorischen Manifestation um uns herum, die gute Qualitäten und glückbringende Umstände beinhaltet.

Wenn wir hier über "gut" und "schlecht" sprechen, müssen wir diese Ausdrücke in Zusammenhang mit dem Erreichen der Erleuchtung sehen. Gutes Karma definieren wir als Bedingungen, die uns helfen, der Erleuchtung näher zu kommen. Negatives Karma sind unglückliche Umstände, die unsere Gelegenheit Erleuchtung zu erlangen, beeinträchtigen.

Wir sprechen auch von guten und schlechten Existenzzuständen. Eine glückliche Existenz hat man, wenn man mit einem menschlichen Körper in der Menschenwelt mit menschlichen Freunden geboren wurde. Dann haben wir eine sehr positive Lebenserfahrung, die uns viele Gelegenheiten gibt, uns weiter in Richtung Erleuchtung zu entwickeln. Ein Beispiel für eine unglückliche Wiedergeburt wäre hingegen, nicht als Mensch, sondern in der Geisterwelt wiedergeboren zu werden. Wir hätten dann einen Geister-Körper und würden in der Welt der Geister leben. Wir würden die ganze Welt um uns herum so erleben, wie sie sich in der Erfahrung von Geistern manifestiert - und all unsere Freunde wären Geister.

Das wäre ein sehr unglückliches Leben. Es könnte allerdings noch schlimmer kommen - wir könnten auch das Karma, das uns zu einem Insekt werden lässt, erzeugt haben. Obwohl dieses Insekt in der Menschenwelt umherfliegen kann, ist es nicht dazu in der Lage, mit Menschen Kontakt aufzunehmen und Nutzen von der Menschenwelt zu haben. Die Welt des Insektes wäre nicht die Menschenwelt, sondern eine aus Insekten-Sicht erlebte Welt. 
Sinnvoller Kontakt mit anderen fühlenden Wesen könnte in diesem Körper nur mit anderen Insekten aufgenommen werden. Würde das Insekt mit einem menschlichen Wesen einen Kontakt aufnehmen, nähme das Insekt dies nicht als nützlich oder sinnvoll wahr.

Ein Insekt mit seinen verschiedenen Fähigkeiten, Sinneswahrnehmungen und gewissen Tendenzen kann, angetrieben von seinem überlebensinstinkt, leicht eine negative Handlung begehen. Obwohl alle Wesen die Buddha-Natur haben, ist es extrem schwierig, im Bereich der Insekten positive Handlungen auszuführen. 
So sehen wir also, wie wichtig es ist, eine glückbringende Existenz mit all den Fähigkeiten, Potenzialen und Kapazitäten, mit denen man sich in Richtung Erleuchtung entwickeln kann, zu haben.



Eine solche Wiedergeburt als Mensch ist äußerst nützlich. Was können wir dann tun, um sicherzustellen, dass wir sie wieder bekommen? Wir müssen Handlungen und Verhaltensweisen üben, die von Liebe und Mitgefühl motiviert sind, zum Beispiel Großzügigkeit mit liebender und mitfühlender Motivation zu kultivieren. Wenn wir das mit dieser reinen Motivation tun, wird alles was wir tun, weiterhin zu gutem Wohlstand und glückbringenden Umstände führen. Von Jahr zu Jahr, von Leben zu Leben, werden wir der Erleuchtung näherkommen. Das ist die erste Paramita, die Vollendung von Großzügigkeit.

Die zweite Paramita ist die Perfektion einer positiven, nützlichen Lebensführung. Das beeinflusst all unser Handeln, einschließlich der anderen Paramitas. Es geht hierbei darum, dass wir innerhalb der Illusion, die uns gefangen hält, dafür arbeiten, etwas Positives in der Illusion aufzubauen. In all unseren Handlungen - ob wir in Meditation direkt mit den Ursachen der Illusion arbeiten oder ob wir durch Großzügigkeit mit der Situation in der Illusion arbeiten - sollten wir darauf achten, mit unseren Taten kein Wesen zu schädigen. Das ist die Essenz der zweiten Paramita: In all unserem Tun vermeiden, Wesen Schaden zuzufügen. Selbst innerhalb unseres verdienstvollen Handelns müssen wir sicherstellen, dass es nicht doch anderen schadet. Wenn wir darauf achten, wird unser Geist noch fester auf gutem Karma beruhen und dadurch wird unsere Meditation Fortschritte machen. Die Verwirrung im Geist wird abnehmen, der Geist wird freier werden und letztendlich wird er seine wahre Natur erkennen. Das ist das Resultat der Perfektion einer sinnvollen und nützlichen Lebensführung.

Diese Übung ermöglicht uns alles aufzugeben, das unsere Praxis beeinträchtigen könnte und ermutigt uns dazu alles zu tun, was unserer Praxis hilft. Die Übung des zweiten Paramita wird die Grundlage für Reinigung und Verbesserung jeder Praxis, die wir ausführen.

Bei der dritten Paramita, der Übung von Geduld, gibt es zwei Arten. Geduld kann man in Bezug auf äußere oder auf innere Umstände üben. Auf äußere Umstände angewandt, bedeutet es, dass man, wenn man angegriffen oder beleidigt wird, nicht in gleicher Weise zurückschlägt. Man reagiert stattdessen auf Grundlage von Liebe und Mitgefühl. Das ist es, was wir lernen müssen: Mit Liebe und Mitgefühl auf Aggression zu antworten.

Bei der inneren Übung der Geduld gibt es eine offensichtliche und eine eher subtile Praxis. Die erste wird verwirklicht, wenn wir alle zornigen Gedanken und Gefühle, sobald wir bemerken, wie sie im Geist entstehen, sofort abschneiden. Wir folgen ihnen einfach nicht und lassen uns nicht auf sie ein. Die subtilere Praxis der Geduld hat damit zu tun, die Dunkelheit der Unwissenheit im Geist zu überwinden. Es bedeutet: Sobald irgendein Gedanke oder irgendeine Idee im Geist erscheint, die ihrem Wesen nach dualistisch sind, wenden wir die Praxis der Weisheit an. Das bedeutet, völlig die Natur der Gedanken zu verstehen, um nicht mehr in dualistischem Denken gefangen zu werden. Dieses Sehen der wahren Natur unserer Gedanken ist auch eine Form der Geduld.
Die vierte Paramita ist freudvolle Anstrengung. Zu Beginn ist das die Übung, zunehmend und unter verschiedensten Umständen Anstrengung und Willenskraft zu kultivieren und anzuwenden. Auf der zweiten Stufe wird die Bemühung kontinuierlich. Unsere Anstrengungen bei unserem Handeln werden stetig, sie werden nicht mehr schwanken sondern dauerhaft sein. Schließlich folgt eine dritte Phase. Hier wird unsere Fähigkeit zur Ausdauer, unsere Energie einzusetzen und mit Situationen umzugehen völlig leicht, automatisch und unverdorben von absichtsvoller Bemühung, denn sie ist eine natürliche Funktion des Geistes. Diese tiefsitzende innere Ausdauer führt uns, wenn wir diese Praxis weiter üben, bis zur Schwelle der Erleuchtung. Auf dem Weg wird sie uns ermöglichen, von großem Nutzen für die fühlenden Wesen zu sein.

Die Kultivierung der Paramitas von guter, sinnvoller Lebensführung, von Geduld und von freudiger Anstrengung hat großen Nutzen für die Praxis der anderen drei Paramitas - Großzügigkeit, Meditation und Weisheit. Durch die stufenweise Verwirklichung aller sechs Paramitas entwickeln wir uns auf dem Pfad zur Erleuchtung.


Aus dem Englischen


1 Anmerkung der Redaktion: Shamar Rinpoches Belehrungen wurde in einem Zentrum gegeben, in dem die Shine-Meditation als Hauptpraxis mehr im Vordergrund steht als in unseren Diamantweg-Buddhismus-Zentren. Zu ergänzen wäre deswegen:

Als Hauptpraxis wird Shine bei uns erst nach den Grundübungen (Ngöndro) gemacht, als einer der drei danach möglichen Wege. Verbreiteter als Hauptpraxis ist in unseren Zentren aber die Meditation auf den Lehrer, Guru-Yoga. Die Übungen in den Diamantweg-Buddhismus- Zentren wurden direkt vom 16. Karmapa als für uns am Besten geeignet gegeben.

Belehrungen über Shine sind jedoch allgemein wichtig und nützlich, da Shine-Meditation Teil einer jeden Praxis ist, die wir machen: Einerseits fängt jede Übung mit einer kurzen Shine- Meditation an, um den Geist zur Ruhe zu bringen und die Alltagsgedanken ausklingen zu lassen. Andererseits üben wir Shine auf Diamantwegs-Ebene in der Aufbauenden Phase (tib. Kyerim) unserer Meditationen. Das Meditationsobjekt ist hier dann der Lehrer oder der Buddha-Aspekt auf den wir uns einstellen, zum Beispiel bei den Grundübungen der Zufluchtsbaum, Diamantgeist usw.




Shamar Rinpoche

ist der zweithöchste Lehrer der Karma-Kagyü-Linie. Seine Inkarnationslinie stand von jeher in engster Verbindung mit derjenigen der Gyalwa Karmapas, so dass er auch zu dem Beinamen "Rothut-Karmapa " kam. Der derzeitige 14. Shamarpa wurde 1952 geboren. 1959 verließ Shamar Rinpoche aufgrund der chinesischen Invasion sein Heimatland Tibet an der Seite des 16. Karmapa. Bis 1979 erhielt er im Kloster Rumtek in Sikkim sämtliche Belehrungen und Übertragungen der Kagyü-Linie vom 16. Karmapa. Seitdem reist er durch die ganze Welt und lehrt den Diamantweg-Buddhismus. Im März 1994 erkannte er offiziell Trinle Thaye Dorje als den 17. Gyalwa Karmapa an und leitet dessen Ausbildung.

1996 gründete er 'Bodhi Path', eine Organisation von buddhistischen Zentren in Ost und West. Rinpoche ist Autor von verschiedenen Büchern. Im neuesten 'The Path to Awakening' (deutsch: "Lojong - der buddhistische Weg zu Mitgefühl und Weisheit") gibt Shamar Rinpoche einen ausführlichen Kommentar zu Chekawa Yeshe Dorje's Sieben-Punkte-Geistestraining (Lodjong)