Aus: Buddhismus Heute Nr. 51, (Sommer 2012)

Der 16. Gyalwa Karmapa

Von Jigme Rinpoche

Ich werde oft gebeten etwas über meine Erlebnisse aus den vielen Jahren, die ich nahe dem 16. Gyalwa Karmapa verbracht habe, zu erzählen. Es ist aber gar nicht so leicht über den 16. Karmapa zu sprechen, denn in seiner Gegenwart zu sein, entzieht sich unseren normalen Vorstellungen. Man kann über sein Leben nicht in der Weise berichten, wie man es bei einer normalen Person - zum Beispiel einer bekannten Persönlichkeit, wie etwa einem General - tun würde. Ich kann nicht einfach erzählen, dass der 16. Karmapa "so und so war", aber ich kann etwas darüber erzählen, was ich mit ihm erlebt habe und wie mein Verständnis davon ist. Es wird also kein Bericht in der Form von Geschichtsschreibung sein, sondern einfach ein paar Fragmente, an die ich mich erinnern kann.

Im Laufe der Jahre habe ich viele große wichtige Lamas aus Tibet kennengelernt, einige darunter waren sehr berühmt und hoch angesehen. Manche waren Praktizierende auf hohen Stufen oder sehr gelehrt, andere waren hohe Würdenträger in der tibetischen Gesellschaft. Durch meine Nähe zum 16. Karmapa war es mir möglich, sie alle zu treffen. Ich muss sagen, dass ich einen sehr großen Unterschied zwischen ihnen allen und dem 16. Karmapa erlebt habe. Mit etwas Dharma-Wissen wird dieser Unterschied auch mehr und mehr verständlich.

Was mir an Karmapa besonders auffiel, war, dass es in seinem Geist offensichtlich überhaupt keine Trennung gab. Er war völlig eins mit allem, alles war für ihn völlig durchsichtig. Die Menschen erwarten oft, dass alle Lamas die Fähigkeit haben, alles zu wissen. Tatsächlich ist das aber überhaupt nicht immer der Fall – die meisten Lamas haben einige Verdunkelungen, die diese Fähigkeit beeinträchtigen. Es gibt viele Arten solcher Verdunkelungen und manche sind sehr subtil. Beim 16. Karmapa habe ich erlebt, dass er offensichtlich überhaupt keine hatte. Er wusste alles so direkt und unverfälscht, wie unsereins, wenn wir ein Fenster aufmachen und dann die Dinge draußen direkt sehen, also völlig unverschleiert. So, wie es bei uns keinerlei Schleier zwischen der Sinnesfähigkeit des Auges und dem wahrgenommenen Objekt gibt, also immer ein direkter Kontakt stattfindet, so erlebte Karmapa alles.

Die Dharma-Lehren beschreiben dies als die Fähigkeit eines Buddhas und deswegen sind ich und andere davon überzeugt, dass Karmapa sich zwar als Mensch zeigte, aber eigentlich ein voll Erleuchteter, ein Buddha, war. Ein Buddha hat Allwissenheit, er weiß einfach alles. Buddha Shakyamuni erzählte zum Beispiel in den sogenannten "Jatakas" Geschichten aus sehr vielen seiner früheren Leben. Er wusste auch alle möglichen Details über das Karma der Wesen, über viele Jahrhunderte in die Vergangenheit zurück.

Als ich und andere damals so nah beim 16. Karmapa waren, haben wir Ähnliches erlebt. Einerseits war es natürlich wunderbar, andererseits aber auch nicht leicht für uns: Karmapa wusste immer sofort alles, was wir dachten! Wir sind nur Menschen und so schaffen wir es natürlich nicht, immer nur Nettes im Geist zu haben. Es entstehen auch negative Gedanken, Störgefühle, Konzepte und Beurteilungen und um Karmapa herum waren immer viele wichtige Persönlichkeiten, sodass wir auch immer in Situationen kamen, wo so etwas leicht aufkommen konnte. Unser Geist war nun mal wie der Geist aller Leute: weder stabil noch rein.

Karmapa hatte völlige Klarsicht, sodass wir nichts vor ihm verbergen konnten. Das war etwas sehr Besonderes an Karmapa. Ich will nicht sagen, dass ich besonders schlau bin, aber wenn ich anderen wichtigen hohen Lamas nahe war, habe ich das nicht erlebt. Sie alle haben eine gewisse subtile Unwissenheit. Natürlich nicht die Art von Unwissenheit normaler Menschen, aber eine subtile Form von Verdunkelung im Geist. Wenn sie sehr gut meditieren, werden sie im Laufe der Zeit klarer, manchmal sogar sehr klar, manchmal wiederum nicht – es hängt von den Umständen ab. Wenn wir jedoch Karmapa gegenüber standen, gab es offensichtlich keinerlei Trübung in seinem Geist, er wusste alles.

Im Laufe der Zeit stellten wir fest, dass Karmapa uns zu helfen versuchte, indem er manchmal so tat, als wüsste er etwas nicht. Wir machten zum Beispiel Fehler und waren besorgt, dass Karmapa davon wüsste, aber er gab vor, nichts zu wissen. Das entspannte uns ein wenig, denn für uns war es nicht möglich, mit dieser völligen Durchsichtigkeit zu leben. Es gab einfach Dinge, die wir aus vielen Gründen nicht ausdrücken konnten und die schwierig gewesen wären, Karmapa zu sagen. Aber er war immer nett zu uns und gab vor nichts davon zu wissen.

Das brachte zwar auch die Gewohnheit mit sich zu denken, dass man immer richtig lag. Aber unterbewusst hatten wir doch immer dieses Gefühl von: "Karmapa weiß es, aber tut so, als wüsste er es nicht." Dadurch war man immer gezwungen, sich zu überprüfen. Das war natürlich gut, denn es brachte einen dazu, bestimmte Dinge zu bereuen und sie nicht wiederholen zu wollen.

Andererseits kam man natürlich immer wieder in Situationen, in denen man sie doch wieder tat.

Vom Zeitpunkt als ich zehn Jahre alt war, lebte ich ungefähr 15 oder 16 Jahre lang immer direkt in der Nähe des 16. Karmapa. Aufgrund all meiner Erfahrungen mit ihm denke ich: Karmapa tritt zwar als menschliches Wesen auf, aber sein Geist ist völlig offen, ohne irgendeine Einschränkung. Er weiß alles und das in einem Augenblick und ohne darüber nachdenken zu müssen. Karmapa musste zum Beispiel, um etwas in Erfahrung zu bringen, keine Rituale, keine Anrufungen oder Orakel usw. machen, sein Wissen war einfach sofort da. Wenn man sich die buddhistische Geschichte anschaut, sieht man, dass die meisten Lamas immer irgendeine Stütze brauchten. Mit deren Hilfe waren sie fähig, den Leuten den richtigen Rat zu geben und alles Mögliche zu erkennen. Karmapa brauchte das nicht und er musste oft noch nicht einmal etwas sagen um zu helfen. Wenn zum Beispiel jemand gestorben war, kam ein Mönch namens Dronyerla zu Karmapa und erzählte es ihm. Karmapa zeigte meistens keinerlei Reaktion. Das konnte natürlich komisch wirken, so als würde es ihn nicht berühren. Aber Karmapa musste sich nicht auf jemanden konzentrieren um ihm helfen zu können, es geschah einfach spontan.

Als es einmal eine überraschende Ausnahme gab, fiel es mir erst auf: Ein ungefähr 60 Jahre alter Lama, ein Assistent Karmapas, erkrankte eines Tages plötzlich mit Atemproblemen. Karmapa rief mich sofort zu sich und sagte, dass ich dem Lama eine bestimmte Pille geben solle. Ich wunderte mich, dass Karmapa diesmal so besorgt wirkte. Als ich zu diesem Lama kam, lag er schon im Sterben und konnte kaum noch atmen. Zusammen mit seinem Neffen gab ich ihm die Pille, aber es war klar, dass er auf jeden Fall bald sterben würde. Ich weiß nicht den Grund dafür, aber in diesem Fall zeigte Karmapa sich wirklich besorgt und stellte sich sehr auf den Lama ein. Anschließend sagte er dann auch: "Nun ist alles gut." Es war in all den Jahren das einzige Mal, dass ich das sah. Normalerweise musste er nie irgendetwas Besonders – wie zum Beispiel eine Puja – machen. Das ist eine Besonderheit Karmapas, denn normalerweise erfordert es viel Konzentration, den Geist eines Verstorbenen zu befreien. Für Karmapa jedoch offensichtlich nicht.

So wurde uns auch klar, was es bedeutet, dass Karmapa ein Tongdröl ist. Das ist ein in Tibet sehr gebräuchlicher Begriff. Er bedeutet "Befreiung durch Sehen". Daneben gibt es noch Thödröl ("Befreiung durch Hören"), Regdröl ("Befreiung durch Berührung") usw. Der 16. Karmapa war das alles – Tongdröl, Thödröl, Regdröl usw. Er hatte also die Fähigkeit, die Wesen spontan von negativen Taten zu befreien, einfach indem die Wesen ihn sehen, ihn hören, ihn berühren usw. Alle hohen Lamas sprechen über diese Belehrung, sie ist sehr verbreitet im tibetischen Buddhismus. Dass Karmapa ein Tongdröl ist, bedeutet, dass man nicht mehr in niedere Daseinsbereiche fallen wird, nachdem man Karmapa einmal gesehen hat. Selbst wenn man sehr schweres negatives Karma aufgebaut hat, ist Karmapa fähig dazu, einen von dessen Auswirkungen zu befreien. Tongdröl hat also nichts damit zu tun, dass Karmapa etwas Besonderes tut, die Befreiung erfolgt einfach dadurch, dass man ihn sieht. Auch die Schwarze Krone ist ein Tongdröl.
Bei Thödröl erfolgt die Befreiung durch das Hören, also dadurch, dass Wesen durch Klang einen Kontakt zu Karmapa haben. Bei Regdröl geschieht es durch den physischen Kontakt, was zum Beispiel beim Segnen geschieht. Diese tibetischen Ausdrücke werden insbesondere im Zusammenhang mit Karmapa verwendet.

Karmapa kann die Wesen in all diesen Weisen zwar unmittelbar befreien, aber wenn man in seiner Nähe ist, sieht man eigentlich nicht, dass er etwas Besonderes tun würde. Wenn jemand gestorben ist, ist das ja eine ernste Angelegenheit und normalerweise ist dann viel Unterstützung nötig. In so einem Fall machen dann die Lamas üblicherweise Pujas und Phowa usw., denn nur so kann man den Verstorbenen unmittelbar helfen. Aber für Karmapa war es genug, dass er einfach nur von dem Todesfall hörte und er stand dem Verstorbenen sofort bei. Wir fragten uns manchmal, woher er wissen konnte, wo der Verstorbene war. Manchmal waren die Toten ja weit weg gestorben, aber Karmapa konnte sofort mit ihnen in Verbindung treten. Das war der Fall bei "normalen" Verstorbenen, aber auch bei Tulkus, den "Bewusst Wiedergeborenen".

Manchmal kamen Menschen zu Karmapa und fragten: "Unser Lama ist gestorben, wo wurde er wiedergeboren?" Karmapa gab immer sofort und direkt die Antwort und diktierte sie seinen Assistenten – das waren damals meistens Tsultrim Namgyal und Tsorpönla. Er sagte nie so etwas wie: "Ich werde darüber nachdenken" oder "Ich werde nachforschen", sondern gab immer spontan die Antwort. Wenn es keine Wiedergeburt gab, sagte er einfach "Nein, es gibt keinen Grund zu suchen" und sonst gab er sofort alle Details: Die Namen der Eltern, die Beschreibung des Hauses und der Gegend. Dann beschrieb er verschiedene Zeichen im Umfeld der Wiedergeburt, zum Beispiel, ob es dort einen Fluss oder bestimmten Baum gab, wie der Garten aussah und sogar die Farbe der Tiere, zum Beispiel, dass es da einen braunen Hund oder eine weiße Katze gab. Die Beschreibungen waren immer sehr präzise und er ließ sie sofort von seinen Assistenten aufschreiben. Die Menschen, die gefragt hatten, bekamen die Aufzeichnung mit und machten sich auf die Suche.

Karmapa sagte zum Beispiel manchmal: "Dieser Tulku wurde wiedergeboren in..." und beschrieb Gegenden, die tausende von Kilometern weit entfernt waren. Zwischen Tsurphu und Kham, oder zwischen Sikkim und Tibet oder Indien liegen ja große Entfernungen, aber seine Beschreibungen waren immer völlig exakt: Welche Art von Haus, in welcher Straße, Name der Mutter, der Name des Vaters, wie das Kind aussah, wie alt es war usw. Andere Lamas können das nicht, auch wenn die Leute oft denken, dass es so sei.

Auch die Umstände im Zusammenhang mit seiner eigenen Wiedergeburt waren immer sehr besonders. In der Lebensgeschichte des 3. Karmapa wird zum Beispiel beschrieben, dass er gleich nach der Geburt den Lotossitz einnahm und sagte: "Ich bin der Karmapa." Viele frühere Karmapas haben Ähnliches gemacht.
Die Mutter des 3. Karmapa war jedoch eine Nonne und hätte eigentlich nicht schwanger sein dürfen. Deswegen versuchte sie, das Kind zu verstecken. Karmapa verfasste daraufhin eine Art Gedicht mit einem Wortspiel – etwas wie: "Ich kann noch immer einen Stern sehen." Das Wort "Karma" als Sanskrit-Wort bedeutet "Handlung", aber als tibetisches Wort bedeutet es "Stern". Er sagte also in poetischer Weise wieder: "Ich bin Karmapa."

Die Karmapas gaben sich immer in sehr besonderer Weise zu erkennen. Über niemanden sonst gibt es diese Art von Berichten. Man kann das überprüfen, indem man sich anschaut, was rund um die Welt in den verschiedenen traditionellen buddhistischen Schulen zu diesem Thema gesagt wird, insbesondere natürlich im System der Reinkarnationen in Tibet. Selbst die Dalai Lamas, die ja in Tibet sehr wichtig waren, zeigten so etwas nicht. Ich übertreibe hier nicht, man kann das historisch überprüfen. Die Dalai Lamas haben sich nicht wie Karmapa selbst zu erkennen gegeben, es fand immer folgendermaßen statt: Aufgrund verschiedener nicht besonders präziser Umstände – zum Beispiel besonderer Träume, Gefühle usw. – machte ein Lama einen Vorschlag, wo die Wiedergeburt des Dalai Lama zu finden sein könnte. Mit verschiedenen Mitteln suchte man dann unter mehreren Kindern in ähnlichem Alter eines aus. Man verwendete intellektuelle Methoden, untersuchte Zeichen und Symbole, man befragte Trance-Orakel bestimmter Gottheiten oder Schützer, man vollführte Rituale an bestimmten heiligen Seen und wartete auf Zeichen.
Schließlich kamen mehrere Leute zusammen und entschieden sich aufgrund all der Hinweise für ein Kind. Man kann das in Geschichtsbüchern nachlesen, es funktionierte immer in dieser Weise. Der Dalai Lama ist eine der wichtigsten Personen in der tibetischen Gesellschaft und all diese Prozeduren zu seiner Wiederauffindung sind niedergeschrieben worden.

In der Geschichte der Karmapas ist beschrieben, dass sie immer unter sehr präzisen Bedingungen sich selbst zu erkennen gegeben haben. Viele schrieben vor ihrem Tod einen Brief und ein naher Schüler bewahrte diesen vertraulich auf. Es blieb jedoch nicht nur bei einem Brief, sondern die Karmapas offenbarten sich immer selbst, meistens schon als Babys. Das ist etwas sehr Besonderes.
Aber heutzutage werden die Geschichte und die alten Werte gerne auf den Kopf gestellt. Neulich sah ich im Fernsehen zum Beispiel den tibetischen Premierminister, wie er über den Dalai Lama sprach. Jemand fragte ihn etwas über die Anerkennung des nächsten Dalai Lama und er antwortete, dass es keinen Grund zur Besorgnis gäbe, denn der Dalai Lama würde sich immer selbst anerkennen. Ich war etwas überrascht: Anscheinend wusste er nicht, dass es in der Geschichte der Dalai Lamas nie vorkam, dass sie sich selbst anerkannt haben. Dafür war immer ein früherer Schüler nötig, der dann Untersuchungen anstellte und die Hilfe wichtiger Lamas, Schützer und symbolischer Träumen und Visionen hinzuzog.

Die Leute denken manchmal, dass all die hohen Lamas sich selbst zu erkennen gaben, wenn man das aber in den Geschichtsbüchern nachprüft, sieht man: Karmapa war der einzige von ihnen, der das tat. Es gab allerdings manchmal Kontroversen über die authentische Wiedergeburt. Wir haben diese Situation nicht nur in der heutigen Zeit, es kam schon zur Zeit des 8. Karmapa und auch früher schon vor. Die Hauptschüler Karmapas beziehen sich zwar immer und beständig darauf, wie Karmapa sich selbst zeigt, aber es kann durchaus zu Kontroversen kommen, denn wir haben es ja immer mit der Ebene menschlicher begrifflicher Vorstellungen zu tun.

Nachdem der 17. Gyalwa Karmapa Thaye Dorje geboren worden war, traf er schon als kleines Kind einige Lamas. Er sagte ihnen, dass er Karmapa sei und er erkannte sie aus seinem früheren Leben wieder. Einige von ihnen wollten ihm aber trotz besseren Wissens nicht folgen, sie stellten sich aus verschiedenen Gründen sogar gegen ihn. Andere waren aber von Karmapa überzeugt und blieben. Fast alle Karmapas haben als Kinder diese Fähigkeit gezeigt.

In der tibetischen Gesellschaft gibt es Lamas mit großem Wissen, aber einige von ihnen haben auch Verdunkelungen. Authentische Lamas, die sich wirklich auskennen, sind allerdings davon überzeugt, dass Karmapa genau wie Buddha selbst ist. Es wird manchmal mit unterschiedlichem Verständnis in der buddhistischen Gemeinschaft darüber diskutiert. Wenn man dann aber untersucht, warum Lamas solches Vertrauen in Karmapa haben, dann versteht man, dass von Karmapa gesagt wird, dass er wie Buddha sei.

In den Lebensgeschichten früherer Karmapas – zum Beispiel des 2., des 3. oder des 5. Karmapa – ist beschrieben, dass sie alle Wunder vollbracht haben und sich dadurch wie Buddhas gezeigt haben. Als der 5. Karmapa zum Beispiel in China war, zeigte er einmal – genau wie es von Buddha Shakyamuni historisch belegt ist – vom 1. bis zum 15. Tag des Monats jeden Tag in großem Umfang Wunder. Viele Menschen die nahe bei Karmapa sind, sehen jedoch keine Wunder und ich werde oft gefragt: "Wann wird Karmapa mal ein Wunder zeigen?" Karmapas Wunder sind jedoch keine magischen Kunststückchen. Ich denke, seine Gegenwart ist jenseits des Verständnisses der Wesen, es ist bereits ein Wunder in sich. Aber mit unseren begrenzten Fähigkeiten können wir das nicht erkennen.

1972 habe ich in diesem Zusammenhang einmal etwas Interessantes erlebt: Der König von Bhutan war soeben gestorben und Karmapa war gebeten worden, etwas für ihn zu tun. Karmapa beschloss, auf eine Pilgerreise zu gehen und an den verschiedenen heiligen Stellen Opferungen, Pujas usw. zu machen. Shamar Rinpoche, Lopön Tsechu Rinpoche und ich selbst reisten auch mit. Indira Gandhi stellte Karmapa eigens dafür einen besonderen Zug mit einem großen Wohnzimmer, drei Schlafzimmern und einer Küche zur Verfügung. Für die Mönche und Assistenten Karmapas wurde ein Schlafwagen angehängt, und so reisten wir durch Indien. Wir fuhren nach Bombay, um die Ajanta- und Ellora-Höhlen zu besuchen und als wir in Bombay ankamen, wurden wir schon am Bahnhof in den Ashram von Baba Muktananda eingeladen. Er war ein wichtiger Guru in Indien und Karmapa sagte zu. Wir reisten weiter nach Ganeshpur, zum Ashram von Muktananda und bei unserer Ankunft gab es im Dorf eine große, sehr traditionelle indische Begrüssung mit Elefanten usw. Wir blieben drei Tage dort und an einem Vormittag fragte Muktananda Karmapa: "Könntest du bitte ein Wunder zeigen?" Wir fragten uns alle: "Was wird Karmapa jetzt wohl antworten?" Er sagte: "Heute nicht, aber morgen bei der Kronzeremonie." Keiner von uns hatte je zuvor erlebt, dass Karmapa ein Wunder ankündigte und wir waren dementsprechend aufgeregt. Alle redeten darüber: "Morgen wird Karmapa ein Wunder zeigen!"

Bei der Kronzeremonie am nächsten Tag waren in einer großen Halle einige tausend Menschen anwesend – viele Inder, aber auch Westler. Wie üblich saß Karmapa auf einem Thron und Muktananda, in seinem leichten indischen Gewand auf der anderen Seite auf einem erhöhten Sitz. Karmapa gab die Kronzeremonie, aber obwohl wir alle sehr aufmerksam beobachteten, geschah nichts Besonderes, es war wie immer. Wir waren ein wenig enttäuscht.

Muktananda sagte aber anschließend, dass er nun völlig überzeugt davon sei, dass Karmapa die am höchsten realisierte Person der Welt ist. Er sagte das nicht nur um etwas Nettes zu sagen, sondern man merkte, wie ernst es ihm war, dass er noch nie zuvor in seinem Leben einen Mann wie Karmapa getroffen hatte. Er war völlig überzeugt davon, dass Karmapa erleuchtet ist. Muktananda sprach auch über andere spirituelle Lehrer, er sagte, dass sie sehr wichtig seien, aber alle auf der gleichen geistigen Ebene wie er selbst. Karmapa jedoch sei herausragend, verkündete er überall. Als Karmapa später in den USA reiste, kam Muktananda auch dort zu Karmapa und lud ihn ein. Er war von Karmapa wirklich völlig überzeugt. Muktananda muss bei der Kronzeremonie etwas Besonderes erlebt haben, das ihn überzeugte. Anderenfalls hätte er sich ja vielleicht auch über ein nicht eingelöstes Versprechen aufgeregt. Er war ja kein Buddhist und es gab für ihn keinerlei Grund einfach so Hingabe zu Karmapa zu empfinden.

Ich habe damals nicht sofort verstanden, was vor sich ging. Später dachte ich mir, dass Karmapa wohl ständig Wunder vollbringt, um den Wesen zu helfen, dass wir aber nicht dazu in der Lage sind, sie zu sehen. Karmapas Wunder helfen uns zwar auch, wenn wir sie nicht sehen können, wir Menschen brauchen aber immer irgendetwas Sichtbares, eine Stütze, um mehr Vertrauen zu haben und sei es nur ein Reiskorn von Karmapa, oder ein Stück von seiner Robe oder etwas Ähnliches.

Namkhai Dorje war ein großer Unterstützer des Klosters von Beru Khyentse Rinpoche in Tibet. Er erzählte mir, dass er einmal mit anderen Leuten in einer entlegenen Gegend Nepals – in Lower Mustang – unterwegs gewesen war. Die Gruppe war auf einem schmalen Bergpfad mit einem Fluss in ca. 1000 Meter Tiefe unter ihnen, unterwegs. Ein Pferd rutschte aus und stürzte den Abhang hinunter, 500 oder 600 Meter tief. Das Pferd hatte ein Reiskorn von Karmapa am Hals und Namkhai Dorje rief "Karmapa Chenno, Karmapa Chenno". Namkhai Dorje hatte viel Hingabe zu Karmapa und deswegen all seinen Pferden einen Beutel mit einem von Karmapa gesegneten Reiskorn darin umgehängt. Plötzlich bremste ein Felsen das Pferd ab, es sprang auf den nächsten Felsen und stand dann dort. Das Pferd war nicht in den Fluss gestürzt, es war nicht einmal verletzt. Sie holten das Pferd über einen anderen Pfad zurück. Es gibt viele solcher Geschichten.

Menschen, die wirklich mit dieser Hingabe leben, sind ständig in Karmapas Segen und erleben Wunder. Es ist ein Dauerzustand. Wenn man aber erwartet, fantastische Erlebnisse dargeboten zu bekommen, dann geschieht es nicht, denn es ist etwas sehr Individuelles.

Bei Einweihungen verhält es sich ähnlich. Wenn Karmapa Einweihungen gab, waren meistens hohe Lamas dabei, zum Beispiel Dilgo Khyentse Rinpoche, der frühere Sangye Nyenpa Rinpoche und andere. Wenn sie von Karmapa eine Einweihung bekamen, erlebte jeder von ihnen etwas Besonderes als Ausdruck dafür, dass sie die Einweihung wirklich bekommen hatten. Was der einzelne erlebte, war aber sehr individuell, entsprechend seiner individuellen Hingabe, des Praxis-Hintergrundes, des Timings, dem Stand des eigenen Verständnisses usw.

Im Zusammenhang mit der Praxis des Guru-Yoga wird viel von "Segen" gesprochen. Es bedeutet, dass sich natürlicherweise, ohne Anstrengung, unser Verständnis der Praxis erweitert. Alle Lamas sagen, dass sich durch Segen jede Art von Verständnis, das wir benötigen, immer mehr ausdehnen wird. Wenn Karmapa Einweihungen gab, wurde uns immer der Ratschlag gegeben, uns sehr zu konzentrieren, weil man dadurch ein weites Verständnis der Bedeutung der Praxis bekommt. Das ist immer möglich, Segen ist immer gegenwärtig. Für die Praktizierenden, die wirklich Karmapa folgen, ist Segen sehr wichtig, das hängt vor allem mit dem Guru-Yoga – dem Lame Naljor, auf Tibetisch – zusammen. Durch das Guru-Yoga weiten sich in dem Maße, in dem man der Praxis folgt, die Fähigkeiten des Geistes mehr und mehr aus.

Während wir in Rumtek lebten, gab es Krieg zwischen Pakistan und Indien, in dessen Folge Bangladesh ein unabhängiger Staat wurde. Ein paar Jahre zuvor war öfters ein indischer Colonel zu Karmapa gekommen. Mit viel Hingabe hatte er Karmapa um Schutz und Segen gebeten, und Karmapa gab ihm gesegnete Schützer. Später nahm er diese mit in den Krieg in Bangladesh, wo er einmal unter Maschinengewehr-Beschuss geriet. Er erzählte später, dass danach zwar seine Kleidung durchlöchert gewesen war, er selbst aber nicht nur überlebt hatte, sondern unverletzt geblieben war. Der Colonel war natürlich sehr glücklich und in der Folgezeit kamen viele indische Soldaten zu Karmapa und baten um Segen. Eines Tages bekam ein Anführer von der Armee einen Segen und Schützer und er erzählte mir später, dass er den Schützer einer Ziege umgehängt und dann auf die Ziege geschossen habe. Sie hätte sich zwar überschlagen, sei aber hinterher unverletzt gewesen. Er hatte danach viel Vertrauen zu Karmapa.

Wenn man solche Geschichten erzählt, glauben einem die Leute manchmal nicht. Niemand nimmt einem ab, dass eine Ziege es überlebt, wenn man mit einem schweren Gewehr auf sie schießt. Aber so etwas ist vorgekommen, wenn Leute zwar Vertrauen, aber auch etwas Zweifel hatten. Dieser Offizier sagte uns, dass er nach seinem "Experiment" mit der Ziege wieder großes Vertrauen hatte. Aus Sikkim, vom Nathu Pass2 und aus Bhutan kamen später viele wichtige Leute – vor allem aus der Armee – die in gefährlichen Situationen waren, zu Karmapa nach Rumtek und baten um Segen. Obwohl sie meistens Hindus und keine Buddhisten waren, hatten sie Vertrauen zu Karmapa. Alle möglichen Leute kamen zu Karmapa für Segen. Einige von ihnen waren sogar sehr traditionelle Sikhs aus dem Punjab. In Indien gibt es einen Ausdruck, der übersetzt etwa "wie ein Gott" bedeutet, und diesen verwendeten sie oft für Karmapa.

Auch die Anhänger der Jain-Religion kamen manchmal aus Siliguri nach Gangtok, weil es dort viele Jains gibt. Sie benutzen prinzipiell nie ein Auto, sondern gehen zu Fuß. Da es aber sehr mühselig war, von Gangtok zu Fuß zum Kloster Rumtek zu gehen, baten sie Karmapa alle paar Jahre zu ihnen hinunter zu kommen und sie an der Brücke zu treffen. Karmapa kam und gab ihnen dort Segen, obwohl die Jains eigentlich nicht wirklich Vertrauen zum Buddhismus haben. Sie vertrauen normalerweise nur sich selbst, und sind streng religiös. Aber Karmapa vertrauten sie. Diese starke Hingabe, die damals in Indien viele – ob Hindus oder Buddhisten oder andere – zum 16. Karmapa hatten, war etwas ganz Natürliches. Niemand hatte Propaganda gemacht, die Leute sprachen einfach über Karmapa und alle kamen zu ihm. Am Ende war er in der ganzen Gegend sehr wichtig geworden.

Lama Ole und Hannah trafen den 16. Karmapa zum ersten Mal in Nepal. Karmapa sagte uns in Rumtek, dass ein sehr besonderes Paar kommen werde. Wir dachten: "Was mag das wohl für ein Paar sein?" und er sagte: "Er ist ein sehr großer Hippie, eine starke Person. Wir müssen ihren Aufenthalt hier vorbereiten." Später sagte Karmapa: "Er wird großen Nutzen in Europa vollbringen und wir müssen uns um die beiden kümmern." Zu dieser Zeit hatte ich keinerlei Vorstellung, was "Europa" ist. Als Ole und Hannah kamen, erschienen sie uns nicht sehr besonders, es waren einfach junge Leute aus dem Westen. Hannah war sehr nett, sehr sanft und auch sehr jung. Ich selbst war ja auch noch sehr jung damals. Wir hatten damals gerade ein tibetisches Sommerfest, mit einer Art Theater und Aufführungen zur Geschichte der Karmapas. Lama Ole führte auch ein paar Sprünge vor.

Karmapa sagte oft, wir sollten so sein wie Lama Ole, denn sein Geist sei einsgerichtet. Karmapa hat das wirklich gesagt, ich übertreibe hier nicht. Er sagte immer: "Wenn euer Geist einsgerichtet ist, dann bekommt ihr Resultate." Es gab auch einen sehr einsgerichteten und starken Mann aus Kongpo, über den Karmapa oft gesagt hatte: "So solltet ihr sein." Einsgerichtet bedeutet, dass man sehr starke Hingabe hat, aber damals wussten wir nicht, wie es genau gemeint war und so sagten wir nur "Okay". Es dauerte tatsächlich sehr lange, bis es mir richtig klar wurde. Einsgerichtet sein bedeutet, dass man unveränderbar ist und Karmapa sagte immer wieder: "Dieser Mann ist sehr hingebungsvoll und solide. Ihr solltet auch so unveränderbar und einsgerichtet sein. Das solltet ihr wirklich." Diese Art von Rat gab uns Karmapa, wenn wir nachts mit ihm zusammensaßen und er uns lehrte oder Ratschläge gab. Es dauerte oft zwei oder drei Stunden, ab neun Uhr abends. Manchmal ging es sogar bis zwei Uhr nachts.

1971 schickte Karmapa Ole und Hannah zurück nach Europa. Ich erinnere mich, dass Karmapa das Bodhisattva-Versprechen gab und dann zu Hannah und Ole sagte: "Geht jetzt nach Europa zurück und werdet aktiv." Ole und Hannah reisten daraufhin unmittelbar ab, auch das ist ein Zeichen für diese Einsgerichtetheit. Karmapa sagte selbst: "Ich gab ihnen das Bodhisattva-Versprechen, sie reisten gleich los und so wird es gut werden. Sie haben viel Vertrauen und deshalb kann auch ich ihnen vertrauen. Sie sind sehr einsgerichtet und werden sehr gute Resultate haben." Ich kann mich gut an diese Äußerungen erinnern.

Diese Einsgerichtetheit, die wir damals schon bei Lama Ole sahen, hat offensichtlich rund um die Welt zu guten Ergebnissen geführt. Solch einen Erfolg wünschen sich zwar viele, aber nur wenige schaffen es. Lama Ole und Hannah haben, indem sie so viele Menschen weltweit zum Dharma gebracht haben, etwas sehr Wichtiges getan. Durch ihre Verbindung zu Karmapa konnten sie anderen einen Eindruck von der Inspiration und den Qualitäten Karmapas und der Hingabe zu ihm vermitteln. Sie konnten viele Menschen in Verbindung mit Karmapa bringen. Da Karmapa, wie ich zuvor erklärte, ein Tongdröl, Thödröl usw. ist, verhindert die Verbindung zu ihm, dass man in niederen Daseinsbereichen wiedergeboren wird. Wenn man als menschliches Wesen wiedergeboren wird, dann nicht unter elenden Umständen, wie es sie oft in Afrika, Bangladesh, Pakistan usw. gibt. Es mag sein, dass man in der Vergangenheit viel negatives Karma angesammelt hat, aber wenn man Karmapa trifft, kann man sehr leicht davon befreit werden. Man wird zwar nicht sofort zu einem Buddha, aber man ist das negative Karma los und wird nicht in schlechten Bereichen geboren. Je nachdem, wie man dann praktiziert, entwickelt man sich weiter bis man Erleuchtung erlangt.

Manche, die sehr stark motiviert sind, widmen ihr ganzes Leben der Bodhisattva-Aktivität, so wie Lama Ole es tut. Man arbeitet dann sehr viel und gibt sein ganzes Leben der Aktivität zum Wohle der Menschen. Andere Leute gehen nach dem Tod erst einmal in das Reine Land Dewachen. Welche Ausrichtung man wählt, hängt von den individuellen Wünschen ab. Aber durch den Kontakt zu hohen Bodhisattvas oder Buddhas wie Karmapa, hat man immer eine Sicherheit. In der ganzen tibetischen Gesellschaft spricht man darüber, dass diese Verbindung einen von schlechtem alten Karma befreit. Wenn wir dann einsgerichtet Wünsche machen und uns in der Richtung, die Karmapa uns gezeigt hat, anstrengen, können wir starke Fähigkeiten entwickeln.

Als ich in die Dordogne kam3, gab es dort nichts außer einem Bauernhaus. Es war November, sehr kalt und wir hatten keine Heizung, nur etwas Brennholz. Einige Monate später kam der ältere Sohn4 von Dudjom Rinpoche zu Besuch. Er sagte zu mir: "Du solltest nicht hier bleiben, denn sonst steht dir endloses Leid bevor." Ich dachte zuerst, dass er Witze macht, aber er meinte es ernst und sagte: "Du wirst hier nur Probleme haben. Geh lieber nach Indien zurück oder baue an einer einfacheren Stelle – zum Beispiel in den USA – ein Zentrum auf. Ich tue das auch." Er wiederholte das ein paar Tage lang immer wieder, aber dann sagte er plötzlich: "Ich muss dir etwas Wichtiges sagen: Dein Wurzel-Lama hat dich ja hierher geschickt. Du solltest ihm folgen und deswegen hier bleiben. Geh nicht weg!"

An dieses Gespräch habe ich später oft denken müssen. Immer, wenn es sehr schwierig war, dachte ich mir: "Es ist jetzt gerade schwierig, aber es war meine eigene Wahl. Ich folge Karmapa und deswegen mache ich weiter. Eigentlich ist es auch nicht so sehr schwierig, ich kann damit umgehen." Er hatte mir mit diesem Rat wirklich geholfen. Aus normaler Sicht hatte er natürlich am Anfang recht gehabt, denn welcher normale Mensch mag sich schon unnötig Schwierigkeiten aussetzen? Aber es ist eben etwas anderes, wenn man aus eigener Entscheidung heraus seinem Wurzellama folgt und dabei bleibt, ganz gleich was geschieht. Es war meine selbst gewählte Verpflichtung, niemals "Nein" zu sagen, wenn Karmapa mir gegenüber einen Wunsch äußerte, sondern einfach zu folgen. Das war meine eigene Entscheidung und wenn später Probleme aufkamen, dachte ich immer: "Ich habe es mir selbst so ausgesucht und werde standhalten." Das hat mir sehr geholfen.

Ehrlich gesagt (Rinpoche lacht) war ich versucht, Karmapa Thaye Dorje zu Beginn, als er noch sehr jung war, ein bisschen aus dem Weg zu gehen. Ich wusste, dass ich "Ja" sagen müsste, wenn er mich um etwas bitten würde. Ich könnte niemals "Nein" sagen und deshalb war ich auf der Hut. Neulich fragte Karmapa mich
eines Morgens aus heiterem Himmel, ob ich den Posten seines Generalsekretärs übernehmen würde. Ich konnte natürlich wieder nicht "Nein" sagen. Obwohl ich eigentlich zwar nicht mehr so gesund bin und auch viel Arbeit hier in Europa habe, sagte ich zu und werde mein Bestes geben.

Wenn man sich für eine Sache entschieden hat, kehrt man niemals um. Das habe ich daraus gelernt, als der 16. Karmapa sagte: "Lama Ole ist einsgerichtet." Als Dudjom Rinpoches Sohn dann sagte: "Tue, was der Lama dir gesagt hat, auch wenn es schwierig ist", sagte ich mir: "Eine gute Idee. Ich werde zu Karmapa nie ‚Nein' sagen." Das ist das Versprechen, mein Commitment, dem ich immer gefolgt bin.

Wenn man einsgerichtet dem Lama folgen kann, bekommt man ein Resultat, das für andere ein Beispiel dafür sein wird, warum es gut ist dem Lama zu folgen. Wir müssen unser großes Ziel im Auge behalten und das ist, unnötiges Leid zu vermeiden. Wir wollen nicht in Afrika wiedergeboren werden oder gar als Tiere. Wir wollen anständige und nützliche Menschen werden und dafür müssen wir hart arbeiten. Wir brauchen dieses Commitment, sonst träumen wir nur von unseren Wünschen und sie werden nie eintreten. Man kann natürlich jederzeit ein Versprechen geben, es wird aber erst dann ernst, wenn man auch unter Schwierigkeiten dazu steht. Das wird uns weiterhin ein gutes und nützliches menschliches Leben ermöglichen, mit der Fähigkeit allen Wesen helfen zu können. Dafür müssen wir uns natürlich nicht extra Leiden aussetzen. Aber was uns an relativem Leiden begegnet, ist dann nicht mehr so wichtig.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie Karmapa uns manchmal mit ein paar wenigen Worten einen Rat mit gab. Wenn man diesen aber im Laufe der Zeit verinnerlichte, wurde einem klar, wie groß der Rat tatsächlich war. Als Karmapa mir sagte: "Du musst einsgerichtet sein", habe ich zwar "Ja" gesagt, aber eigentlich noch nicht verstanden, war er genau damit meinte. Man versteht so etwas erst mit der Zeit, wenn man seine eigenen Erfahrungen macht. Einsgerichtetheit führt uns zur Befreiung und Einsgerichtetheit hilft unserer Arbeit. Mit solch einem einfachen Satz zeigt Karmapa eine wichtige Richtung auf. Wenn man ihr folgen kann, ist man geschützt, kann vielen Wesen helfen und sich im Verständnis der Erkenntnis des Dharma weiterentwickeln.

Ich freue mich zu sehen, wie viele Menschen sich weltweit im Dharma bemühen. Das ist sehr wichtig, denn überall leiden Wesen. Wenn jemand rund um die Welt reist, den Wesen hilft und gute Samen sät, dann wachsen diese auch überall. So etwas ist der größte Wunsch der Bodhisattvas, den Karmapa sehr betont hat. Ich erinnere mich, wie Ole und Hannah ihn fragten, ob sie ein Drei-Jahres-Retreat machen sollen und er antwortete: "Nein, tut das nicht. Ihr sollt überall auf der Welt Zentren eröffnen." Das Gespräch fand statt, als wir durch Berlin fuhren. Damals wunderte ich mich über seine Antwort und erst später verstand ich sie.
Karmapa hatte eigentlich überhaupt kein Privatleben. Die einzige "private" Zeit verbrachte er damit, sich um seine Vögel zu kümmern. Karmapa stand damals im Rumtek um vier oder fünf Uhr morgens auf. Er machte eine Praxis und gegen sieben oder acht Uhr kamen schon die ersten Besucher von überall aus Sikkim. Den ganzen Tag über waren ständig Leute bei Karmapa und baten um Segen und Kronzeremonien. Manche kamen froh, andere unglücklich oder krank. Gegen 17 Uhr machte Karmapa die Mahakala-Puja und den Abend verbrachte er mit den jungen Tulkus und uns. Er gab uns Ratschläge und Belehrungen, manchmal bis zwölf Uhr nachts oder sogar zwei Uhr in der Früh.

So erlebten wir Karmapas "Alltag", aber zugleich hatte Karmapa auch noch eine ganz andere, für uns nicht sichtbare, Ebene. Das wurde zum Beispiel bei einem Anlass deutlich, als der König von Sikkim einen besonderen Gast aus England mitbrachte. Die Dame war mit dem englischen Königshaus verwandt und hatte anscheinend Visionen; sie war eine Art Medium. Zusammen mit zwei anderen Gästen des sikkimesischen Königs kam sie um Karmapa zu treffen und wir erfuhren anschließend von dem Betreuer der Gäste, dass diese Dame sehr schockiert war. Wir hatten bei der Audienz nichts Besonderes gesehen: Karmapa saß mit den drei Damen zusammen und sie tranken Tee. Aber als sie gegangen waren, fragte die Dame völlig schockiert: "Wer war die nackte Frau vor Karmapa?" Man entgegnete ihr, dass da keine nackte Frau gewesen sei. Aber sie beharrte darauf, sie gesehen zu haben. Diese nackte Frau hätte mit einer Schale in den Händen vor Karmapa gesessen. Karmapa hätte ab und zu Kautabak genommen und in die Schale gespuckt. Wir hatten nichts dergleichen gesehen und wussten nicht, was wir sagen sollten. Ich glaube, es war Topga Rinpoche, der dann sagte, die nackte Frau müsse wohl "Rote Weisheit", Dorje Phagmo, gewesen sein.

Im täglichen Leben mit Karmapa sahen wir bestimmte Dinge, aber zugleich hatte Karmapa auch eine ganz andere Ebene, die wir nicht sehen konnten. Einmal kam ein General nach Rumtek. Er stammte aus Süd-Indien, aber sein Posten war in Bhutan, wo er auch lebte. Er wollte einen wichtigen indischen Guru aus dem Süden mit Karmapa bekannt machen und Karmapa war einverstanden. Der Guru, in weiße Gewänder gekleidet, kam mit ungefähr 10 oder 15 Anhängern, einschließlich dem General und einigen Offizieren. Alle saßen auf dem Boden vor Karmapa und der Guru saß nah bei ihm. Ich selbst stand an der Tür und hörte sie etwas besprechen. Plötzlich sagte der Guru zu mir: "Komm her." Ich ging zu ihm und plötzlich brachte er auf mysteriöse Weise ein weißes Pulver hervor. Er bot etwas davon Karmapa an und etwas streute er auf meinen Kopf. Dann sagte er auf Tamil so etwas wie: "Vishnu ist hier", der Übersetzer sagte aber: "Tschenresig ist hier." Wir verstanden nicht, was er meinte, aber die Inder sehen Tschenresig oft als Vishnu.

Der Guru nahm dann Karmapas Mala, gab sie erst mir in die Hand und fing dann an sie zu reiben, bis plötzlich gelber Reis aus der Mala fiel. Ich hielt das für Magie – es war schon sehr befremdlich, Reis aus Karmapas Mala fallen zu sehen. Niemand sagte ein Wort, auch Karmapa nicht. Etwas von dem Reis bewahrte ich auf und dachte mir, dass er verschwinden würde, wenn es nur eine magische Illusion wäre. Aber der Reis verschwand bis heute nicht, ich habe ihn immer noch.

1965 bereiste Karmapa auf offizielle Einladung hin ganz Ladakh. In der Nähe von Leh gab er auf einem großen Feld eine Kronzeremonie und viele der Teilnehmer sahen währenddessen einen weißgekleideten Mann mit langem Bart und langen Haaren wie in einem Turban auf dem Kopf auf dem Thron sitzen. Später wurde alles Mögliche darüber geredet. Was Karmapa aber tatsächlich getan hatte, war, sich als Saraha zu zeigen.

Dudjom Rinpoche5 besuchte Karmapa kurz vor seinem Tod im Krankenhaus in Hongkong und erzählte mir hinterher: "Ich habe für Karmapa gebetet und hatte dann eine Vision: Ein Mann mit langem weißem Bart und mit weißem Haar, das wie ein Turban auf seinem Kopf lag, saß unter einem Baum. Währenddessen regnete es. Was hältst du davon?" Dudjom Rinpoche wollte mir damit eigentlich sagen, dass Karmapa nicht unter uns bleiben würde. Die Erscheinung als Saraha bedeutete, dass Karmapa nicht in seinem menschlichen Körper bleiben und sich stattdessen anders manifestieren würde. Rinpoche teilte es mir in dieser Form als Erzählung einer Vision mit. Ich dachte für einen Moment: "Warum versteht er die Bedeutung nicht? Er ist doch ein sehr wichtiger Lama?" Aber dann wurde es mir klar.

Karmapa konnte sich also als der 16. Karmapa zeigen oder aus bestimmten Gründen manchmal auch als Saraha. Meistens sahen wir ihn in normaler menschlicher Weise alltägliche Dinge tun. Aber zugleich gab es diese andere Ebene bei ihm, auf der er von "Roter Weisheit" umgeben war oder von der "Befreierin" oder auf der er sich einfach als Saraha zeigen konnte. Karmapa hatte alle diese Ebenen zur gleichen Zeit, aber unterschiedliche Menschen konnten unterschiedliche Manifestationen von ihm sehen.

Lama Ole wird euch am Ende dieses Kurses das Bodhisattva-Versprechen geben6. Nachdem man das Versprechen einmal abgelegt hat, fängt man entsprechend seiner Fähigkeiten an zu arbeiten. Zurzeit sind wir nur normale Menschen, mit den entsprechenden eingeschränkten Fähigkeiten. Durch die Praxis werden unsere Fähigkeiten aber wachsen und dementsprechend wird es der Schwerpunkt unserer Handelns werden, zum Wohl aller Wesen gleichermaßen zu handeln.

Durch unsere Guru-Yoga-Praxis sind wir mit Karmapa verbunden und arbeiten daran, unsere Bodhisattva-Einstellung, das Bodhicitta, zu verstärken. Wir machen Wünsche, dass wir Karmapas Aktivität unterstützen können um den Wesen zu helfen. Im Moment kann man vielleicht noch nicht so viel tun. Aber man legt das Bodhisattva-Versprechen ab, fängt an die Lehren anzuwenden und das Bodhicitta zu entwickeln und verbindet sich durch das Guru-Yoga mit dem großartigen Bodhisattva Karmapa. Diese Verbindung hält man immer im Geist und was auch immer geschehen mag, man handelt dann entsprechend.

So entstehen in uns als Ausrichtung für unser weiteres Leben ganz wichtige Gewohnheitstendenzen. Je nach unseren individuellen Fähigkeiten entwickeln wir mehr und mehr unser Verständnis, unsere Erkenntnis und unsere Aktivität. Karmapas Aktivität ist heute über die ganze Welt verbreitet und wir werden zunehmend fähig, daran teilzunehmen und zu helfen. Wenn wir dazu auch wünschen, weiterhin die Praxis-Methoden anwenden zu können, dann ist das das Allerbeste, das man tun kann.

Aus dem Englischen

1: Im alten Indien wurden Sommer und Winter als je ein Jahr gezählt, so dass hier von 1000 Jahren unserer Zeitrechnung die Rede ist.
2: Dort hatte es Gefechte zwischen der indischen und chinesischen Armee gegeben
3: Jigme Rinpoche baute in Südfrankreich auf Wunsch des 16. Karmapa das Dharmazentrum Dhagpo Kagyü Ling auf, den europäischen Hauptsitz des 16. Karmapa
4: Dungse Trinle Norbu Rinpoche, siehe Seite 70
5: Das frühere Oberhaupt der Nyingma-Linie
6: Rinpoche gab diese Belehrungen während des Silvesterkurses 2011 in Hamburg


Jigme Rinpoche
Lama Jigme Tsewang Rinpoche wurde 1949 in Kham in Osttibet geboren. Er ist ein Neffe des 16. Karmapa und ein Bruder des derzeitigen 14. Shamar Rinpoche. Als Jigme Rinpoche sieben Jahre alt war und der kommunistische Terror der Chinesen sich in der Gegend verbreitete, nahm der vorige Gyatrül Rinpoche ihn und Shamar Rinpoche heimlich mit nach Tsurphu, ins Kloster der Karmapas in Tibet. Jigme Rinpoche blieb dort bis zum Alter von elf Jahren und studierte unter der Leitung des vorigen Pönlop Rinpoche.
Als der 16. Gyalwa Karmapa 1959 Tibet mit einem Gefolge von vielen hohen Lamas und Tulkus verließ und nach Rumtek (Sikkim) ging, begleitete ihn auch Jigme Rinpoche. In Rumtek angekommen, gründete Karmapa, um die kostbaren Belehrungen der Kagyü-Linie zu bewahren, ein Kloster. Karmapa kümmerte sich besonders um die wichtigsten Tulkus der Linie und um diejenigen, die ihre Ausbilder werden sollten. Jigme Rinpotsche studierte unter der Leitung von verschiedenen Meistern die Gesamtheit der buddhistischen Lehre und insbesondere die Unterweisungen der Karma-Kagyü-Linie. Jeden Tag gab Karmapa ihnen zwei oder drei Stunden lang besondere Belehrungen und Instruktionen.
Von 1961 bis 1970 war Jigme Rinpoche Karmapas Assistent für die Belange der Karma-Kagyü-Linie und kümmerte sich in dessen Abwesenheit um die Belange des Klosters in Rumtek.
1974 begleitete er Gyalwa Karmapa auf seiner ersten Rundreise durch Europa und Amerika. Während dieser Reise bot Bernard Benson dem Karmapa Grundstücke in der Dordogne in Frankreich als Geschenk an. Der Karmapa nahm das Geschenk an und beschloss, dort seinen europäischen Hauptsitz einzurichten: Dhagpo Kagyü Ling.
Er bat Jigme Rinpoche, sich um das Zentrum zu kümmern und ernannte ihn zu seinem spirituellen Repräsentanten in Europa. Abgesehen davon, dass Jigme Rinpoche alle hauptsächlichen Übertragungen und Belehrungen von Gyalwa Karmapa erhalten hat, war er auch eng mit Gendün Rinpoche, Pawo Rinpoche, Kalu Rinpoche
und Dilgo Khentse Rinpoche verbunden und erhielt viele Unterweisungen und Ermächtigungen von ihnen. Ebenso erhielt er wichtige Übertragungen von Düdjom Rinpoche, vom vorigen Sangye Nyenpa Rinpoche und der vorigen Khandro Rinpoche.
Als der 16. Karmapa Jigme Rinpoche als seinen Repräsentanten für Europa ernannte, sagte er: "In der Person von Jigme Rinpoche lasse ich euch mein Herz." In diesem Sinne führt Jigme Rinpoche heute seine Aktivität in Europa fort, reist ausgiebig, besucht Zentren und unterrichtet dort und inspiriert alle, die mit ihm in Kontakt kommen.

Der Pater und der Lama
Broschiert: 372 Seiten
Verlag: Edition Milarepa;
Auflage: 1. (März 2007)
ISBN-13: 978-9080889224
Euro 19,50

Unsere Gefühle, Schlüssel zu Freud und Glück
Taschenbuch: 117 Seiten
Verlag: Bodhi Path
Auflage: 2 (November 2006)
ISBN-13: 978-3981128505
Euro 9,-

Beide erhältlich bei Bodhipath Deuschland: www.bodhipath-renchen-ulm.de