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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 50, (Herbst 2011)

Rechungpa - Tibets verkannter Yogi

Von Rosi Fischer

Was wir heute von Rechungpa wissen, stammt vorwiegend aus drei Büchern, nämlich der Lebensgeschichte Milarepas von Tsangnyön Heruka, den Vajragesängen Milarepas, ebenfalls von Tsangnyön Heruka, und der Lebensgeschichte Rechungpas von Götsang Repa, einem Schüler Tsangnyön Herukas. Nach diesen Quellen war Rechungpa hochbegabt und gutaussehend, aber von schwierigem Charakter: Er soll stolz, widerspenstig und unbeherrscht gewesen sein. Die drei Texte waren bereits im alten Tibet weit verbreitet; sie wurden in jüngerer Zeit in das Englische und in andere Sprachen übersetzt und sind heute in der ganzen Welt bekannt. Kaum jemand weiß aber, dass es noch eine Vielzahl anderer Quellen gibt, die Rechungpa in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.

In seiner Doktorarbeit The Biographies of Rechungpa von 2007 hat Peter Alan Roberts mehr als dreißig, zum Teil unveröffentlichte tibetische Quellen seit dem 13. Jh., zu Rechungpa gesichtet und in mühseliger Kleinarbeit miteinander verglichen. Seine Forschung bringt Erstaunliches zutage: Nach einigen bisher unbekannten Quellen war Rechungpa nicht nur Milarepas wichtigster Schüler, sondern auch sein Lehrer und er erhielt wichtige Übertragungen, die er an die Kagyü-Meister weitergab.
Zwei Rechungpa-Biographien, die noch von seinen Schülern aus dem 12. Jh. stammen, sind verschollen. Diese dienten vermutlich zusammen mit weiteren mündlich und schriftlich überlieferten Quellen als Vorlage für eine ganze Reihe von Lebensgeschichten Rechungpas, Milarepas oder anderer Kagyü-Linienhalter. Man kann mehrere Erzähltraditionen aus den vorhandenen Quelltexten ableiten: Eine erste wichtige Tradition basiert auf der Drukpa-Kagyü-Liniengeschichte von dem Yogi Gyadangpa (frühes 13. Jh.), eine zweite auf den von dem Drigung-Kagyü Dönmo Ripa niedergeschriebenen großen Kagyü-Biographien (Mitte 13. Jh.) und eine dritte auf der Vorlage Leben und Gesänge von Shepay Dorje (anonym, 14. Jh., im Folgenden kurz Shepay Dorje) mit den wichtigen Folgetexten Lebensgeschichte Milarepas und Vajragesänge Milarepas von dem Drukpa-Kagyü Yogi Tsangnyön Heruka (Ende 15. Jh.). Vereinfacht ausgedrückt stellen die Texte der Gyadangpa-Tradition Rechungpa relativ positiv dar; diejenigen der Dönmo Ripa Tradition sind kurz, sachlich und neutral (hierhin gehört auch die Lebensgeschichte Milarepas Wolken von Segen vom zweiten Shamarpa Khachö Wangpo). Der Text Shepay Dorje porträtiert Rechungpa an einigen Stellen eher negativ und an anderen überraschend positiv, und die daran anschließenden Texte von Tsangnyön Heruka beschreiben Rechungpa relativ kritisch – und auf diesen letzten Texten beruht unser heutiges Wissen über Rechungpa. Peter Alan Roberts hält aber die Quellen der ersten beiden Erzähltraditionen aufgrund der frühen Datierung, der logisch aufgebauten Erzählstruktur und des klaren und einfachen Stils für insgesamt glaubwürdiger als die Quellen der Shepay Dorje Tradition; und hier hält er den Text Shepay Dorje wiederum für verlässlicher als die Texte von Tsangnyön Heruka und dessen Schülern.
Im Folgenden wird anhand von fünf Schlüsselepisoden gezeigt, wie sich das Bild Rechungpas vom 12. bis zum 16. Jh. in den relevantesten Textquellen verändert hat. (Es gibt sehr viel mehr Textquellen und -stellen; diese können hier aber nicht berücksichtigt werden.)

Ein Kadampa-Mönch greift Milarepa an
Der Gyadangpa Text erzählt, dass der Kadampa-Mönchsgelehrte Tönpa Darlo mit Milarepa einen Debattierwettbewerb austrägt. Er verliert, wird wütend und greift Milarepa an. Die anwesenden Schüler Milarepas wollen gegen Tönpa Darlo vorgehen; doch Milarepa hält sie zurück, so dass es nicht zu einer Eskalation kommt. In dem Shepay Dorje Text werden aus dem einen Mönchsgelehrten zwei Mönche, und hier ist es nicht Tönpa Darlo, sondern der andere Mönch, der Milarepa angreift. Und aus den Schülern Milarepas – es hieß bei Gyadangpa "alle Rechungpas" (Rechungpa im Sinne von "jüngerer Schüler")1 – wird nun einer, nämlich Rechungpa. Der Text lenkt vom schlechten Benehmen des Mönchs ab und konstruiert ein angebliches Fehlverhalten Rechungpas, der den Mönch verprügeln will; doch Milarepa hält ihn zurück. Es heißt: "Rechungpas wilder Stolz wurde befriedet und er meditierte auf Geduld."
Tsangnyön Herukas spätere Vajragesänge Milarepas dramatisieren den Vorfall noch: Hier will Rechungpa den Mönch sogar umbringen. In einem späteren Text (Segensstrom, anonym, Ende 15. Jh.) steht außerdem, dass Rechungpa beschließt, zum Studium der Debattierkunst nach Indien zu gehen, um den Mönch besiegen zu können. Milarepa erklärt ihm aber, dass Debattieren nicht nur nutzlos, sondern auch schädlich sei. Es heißt weiter, dass Rechungpa in Indien schwarze Magie lernen will, um die Angriffe des Mönchs abwehren zu können. Das Motiv, dass Rechungpa zum Erlernen der Debattierkunst oder der Schwarzmagie nach Indien geht, kommt immer wieder in späteren Texten vor. Die Mehrdeutigkeit des Begriffs Rechungpa – "jüngerer Schüler" und Beiname für Rechungpa – mag der Ausgangspunkt für spätere Fehl-Interpretationen gewesen sein, was aber nicht erklärt, warum ab jetzt Rechungpa so negativ dargestellt wird. Der Autor Roberts vermutet, dass anhand solcher Lehrer-Schüler Episoden die Einzigartigkeit und Größe Milarepas herausgestellt werden sollte.
Möglicherweise spielt auch eine Rolle, dass Milarepa Linienhalter war; noch dazu war er Gampopas Lehrer, und Gampopa war zumindest nach den Dhagpo-Kagyüs Gründungsvater der Kagyü-Linien.

Rechungpa geht nach Indien
Im Text Gyadangpas heißt es, dass Milarepa seinen Schüler Rechungpa anweist, nach Indien zu gehen, um dort die fünf Dakini-Belehrungen, die Milarepa nicht von Naropa bekommen hatte, zu erhalten und mitzubringen. Zu diesem Zweck muss Gold gesammelt werden, das der indische Meister als Geschenk bzw. Gegenleistung bekommen soll. Vor der Abreise weist Milarepa Rechungpa den höheren Thron zu, setzt sich selbst auf den niedrigeren, bietet Rechungpa das gesammelte Gold dar und kehrt so das bestehende Schüler-Lehrer Verhältnis um. Dagegen geht im Shepay Dorje Text Rechungpa nach Indien, um Debattierkunst und Schwarzmagie zu lernen. Bei der Abreise sitzt Rechungpa nicht auf einem höheren, sondern einem niedrigeren Thron und Milarepa bietet Rechungpa nicht das gesammelte Gold an.

Rechungpa kommt aus Indien zurück
Gyadangpa schreibt Folgendes: Als Rechungpa von Indien nach Tibet zurückkehrt, kommt Milarepa ihm entgegen und begrüßt ihn, und Rechungpa übergibt Milarepa die Textsammlung, die er mitgebracht hat. Danach schickt Milarepa Rechungpa zum Wasserholen. Während Rechungpa fort ist, verbrennt Milarepa alle Texte mit Ausnahme der Dakini-Belehrungen. Als Rechungpa vom Wasserholen zurückkommt, glaubt er, Milarepa habe die gesamte Textsammlung verbrannt. Milarepa erklärt ihm aber, dass es nötig war, die Texte zu verbrennen, weil zu viel Gelehrsamkeit schadet und den Yogi vom Wesentlichen abhält. Er zeigt anschließend, dass er die Texte jederzeit wieder entstehen lassen kann, wenn er mit den Fingern schnippt. Rechungpa ist erfreut und stimmt ein Lied an, in dem er die Praxis der Dakini-Belehrungen lobt und die negativen Folgen des Gelehrtentums beschreibt. In dem Shepay Dorje-Text finden wir plötzlich einen Lehrer-Schüler Konflikt vor, bei dem Rechungpa das Vertrauen in seinen Lehrer verliert und sich auch sonst recht seltsam benimmt. Rechungpa kommt aus Indien zurück, mit Texten, die nun schwarze Magie enthalten und erwartet von Milarepa, dass dieser sich vor ihm verbeugt, was Milarepa aber nicht tut. Rechungpa ist gekränkt und erklärt, dass er sehr kostbare Belehrungen in Indien bekommen habe. Milarepa tadelt seinen Hochmut und Rechungpa lenkt ein. Nun wird eine neue Szene hinzugefügt: Milarepa befiehlt Rechungpa, ein herumliegendes Yakhorn aufzuheben. Rechungpa protestiert, hebt es aber trotzdem auf. Als ein Hagelsturm einsetzt, kann sich Milarepa verkleinern und findet in dem Horn Schutz, während Rechungpa nass wird. Rechungpa beschwert sich, weil er glaubt, Milarepa wollte ihn mit dem Hagelsturm bestrafen, weil er schwarzmagische Texte von Indien mitgebracht hat. Milarepa weist ihn wieder zurecht.
Nun folgt die Episode mit der Textverbrennung. Hier verliert aber Rechungpa jegliches Vertrauen in Milarepa und wendet sich von ihm ab. Daraufhin zeigt Milarepa fünf Wunder, aber Rechungpa lässt sich davon nicht beeindrucken. Als Milarepa schließlich gen Himmel entschwindet, packt Rechungpa die Reue und er möchte am liebsten tot sein. Schließlich zeigt sich Milarepa, und Rechungpas Vertrauen ist wiederhergestellt.
In Folgetexten dieser Tradition gibt es immer wieder neue dramatisierende Elemente. Zum Beispiel behält Rechungpa einen Text aus seiner Textsammlung heimlich üfür sich, doch Milarepa kommt ihm auf die Schliche. Oder Rechungpa beschließt, wieder nach Indien zu gehen, um schwarze Magie zu erlernen; oder er will zu Tipupa zurück, weil Milarepa ihn so schlecht behandelt. In einem Text will er sich sogar umbringen, als Milarepa im Himmel verschwunden ist. Rechungpa schlüpft in die Rolle eines uneinsichtigen dummen Tölpels. Die Szenen könnten aus einem Bauernschwank stammen; sie trugen damals bestimmt viel zur allgemeinen Belustigung bei.

Rechungpa verabschiedet sich von Milarepa
Beginnen wir wieder mit Gyadangpa. Rechungpa wird vom inzwischen alt gewordenen Milarepa nach Zentraltibet geschickt. Nachdem Rechungpa weg ist, beklagt sich Milarepa in einem Lied, dass Rechungpa ihn schmählich alleingelassen habe. Als die Zuhörer schockiert sind, beruhigt Milarepa sie und sagt ihnen, dass dies ein Witz war, denn er selbst hätte Rechungpa fortgeschickt. In dem Shepay Dorje-Text heißt es dann aber, dass Rechungpa unbedingt Milarepa verlassen will und er lässt sich auch durch Milarepas Flehen nicht umstimmen.
Rechungpa trifft Milarepa noch ein letztes Mal, und Milarepa überträgt ihm alle Belehrungen – außer einer, die er ihm beim Abschied gibt: Er zeigt Rechungpa seinen schwieligen Hintern, der wie der "Hintern eines Affen" aussieht. Tsangnyön Heruka ersetzt in seinen Vajragesängen Milarepas aber Rechungpa mit Gampopa – und das ist die Geschichte, wie wir sie heute kennen.

Rechungpa und Gampopa träumen
Die folgende Episode beleuchtet die unterschiedlichen Darstellungen von den beiden Schülern Gampopa und Rechungpa. Wie im Shepay Dorje Text berichtet wird, fragt Milarepa Rechungpa und Gampopa einmal nach ihren Träumen. Rechungpa träumt, dass er eine Muschel bläst, während er auf einem salzbeladenen Esel reitet, was bedeutet, dass sein Ruhm sich in der ganzen Welt verbreiten wird. Gampopa träumt, er stehe bei Sonnenaufgang auf einem weißen Stein und Geier umkreisen ihn, was bedeutet, dass er vielen Schülern bei einem großen felsigen Berg helfen wird.
Im Nachwort des Shepay Dorje Texts steht außerdem, dass Milarepa vier Herzenssöhne hatte und Rechungpa wird als erster genannt. Desweiteren werden acht nahe Schüler aufgezählt und am Schluss wird noch allgemein von sechs Schülern gesprochen, die Milarepa hatte, als er bereits alt war – einer davon ist Gampopa.
In Tsangnyön Herukas Vajragesängen Milarepas wird die Traumszene völlig anders wiedergegeben: Rechungpa befindet sich in seinem Traum am Fuße von drei Tälern; er ruft nur laut und es gibt keinen salzbeladenen Esel. Milarepa interpretiert seinen Traum diesmal so: Weil Rechungpa sich dreimal gegen ihn aufgelehnt habe, wird er drei Mal in drei verschiedenen Tälern wiedergeboren werden. Gampopa träumt, dass er viele Leute töten wird, was Milarepa für sehr glücksverheißend hält. Milarepa erklärt, dass ihm mit Gampopa endlich ein Sohn geboren wurde und damit sein Lebenswerk vollendet sei.
Tsangnyön Heruka, der in der Tradition von Gampopa steht, weicht hier stark von seiner Vorlage, dem Shepay Dorje Text, ab. Möglicherweise hat er noch andere schriftliche oder mündliche Überlieferungen verwendet. Gampopa ist derjenige, der Milarepas Werk weiterführt, während Rechungpa als ungehorsamer Schüler porträtiert wird. Tsangnyön Heruka ist auch derjenige, der schreibt, dass Gampopa Milarepas sonnengleicher und Rechungpa Milarepas mondgleicher Schüler ist.

Fasst man zusammen, so war Rechungpa nach den vergleichsweise älteren und wohl auch glaubwürdigeren Quellen ein außerordentlich wichtiger und ehrenhafter Schüler Milarepas – nach dem Shepay Dorje Text sogar der wichtigste. Berücksichtigt man die Übertragungen, die Rechungpa von Milarepa bekommen und weitergegeben hat, bestätigt sich dieses Bild:
Milarepa gab Rechungpa alle seine Übertragungen. Außerdem hatte Rechungpa von Tipupa die Meditationen auf "Höchste Freude" (tib. Khorlo Demchog, skt. Chakrasamvara) und "Rote Weisheit" (tib. Dorje Phamo, skt. Vajravarahi) erhalten, die das Nyengyu oder Karnatantra (etwa "die Belehrungen der körperlosen Dakini durch Hören") mit sexuellen Praktiken mit einschließen. Die Übertragung des Mahamudra erhielt er später in Tibet vom Nepalesen Asu, Schüler eines Schülers von Maitripa.
Rechungpa etablierte die Rechung Nyengyu- bzw. Karnatantra-Linien, die im kleinen Rahmen unabhängig weiterexistierten. Seine Übertragungen waren außerdem wesentlicher Bestandteil einiger nach Gampopa entstandener Kagyü-Zweiglinien, insbesondere der Drukpa-Kagyüs und der Taglung-Kagyüs. Aber auch die Karma-Kagyü-Linie hat enge Beziehungen zu Rechungpa vorzuweisen. Der erste Karmapa war neben Gampopa auch ein Schüler Rechungpas gewesen. Der zweite Karmapa Karma Pakshi erhielt die Einweihung auf die Buddhaform "Allmächtiger Ozean" (tib. Gyalwa Gyamtso, skt. Jinasagara), die eine Hauptmeditationsform der Karma-Kagyüs wurde, von einem Schüler Rechungpas. Der dritte Karmapa Rangjung Dorje erhielt von seinem Lehrer ebenfalls weitere Übertragungen Rechungpas. Aus der Karma Kagyü Linie ging ferner die Surmang-Kagyü-Linie hervor, die auf der Rechung Übertragung des Karnatantra basiert. Der dem 10. Karmapa Chöying Dorje nahestehende Yogi Mingyur Dorje verfasste nach einer Vision die Meditation auf den zweiten Karmapa, in dessen vorgestelltem Kraftkreis sich Rechungpa befindet.
Nach Biographien der Karmapas (Karmapa, The Black Hat Lama of Tibet (1976), gesammelt von Nik Douglas & Meryl White; Biography of the First Karmapa Du Sum Khyenpa (2010), übersetzt von Sonam Chopel unter der Anleitung von Shangpa Rinpoche) hatte der erste Karmapa viele herausragende Lehrer der Nyingma, Marpa- und Kadampa-Traditionen. Wie Gampopa war er Mönch und gründete eigene Klöster. Von Gampopa erhielt er Marpa- und Kadampa-Belehrungen und die Übertragung auf "Oh Diamant" (tib. Kye Dorje, skt. Hevajra) und auch von Rechungpa Belehrungen von Naropa und Maitripa. Die drei Hauptmeditationsformen der Karma-Kagyü-Linie "Höchste Freude", "Rote Weisheit" und "Allmächtiger Ozean" und das Mahamudra gehen nicht nur auf Gampopa, sondern auch auf andere Lehrer einschließlich Rechungpa zurück. Wie erklärt sich dann aber die prominente Rolle Gampopas innerhalb der Karma-Kagyü-Linie?
Mit dem 11. Jh. begann in Tibet die Zeit der Klostergründungen der Schulen der neuen Übersetzungen buddhistischer Schriften. Der Buddhismus war zwar schon mit Guru Rinpoche bzw. Padmasambhava im 8. Jh. nach Tibet gekommen, wurde aber ein Jahrhundert später durch den Bön-König Langdarma verboten und beinahe vollständig zerstört. Erst gegen Ende des 10. Jh. kamen buddhistische Meister aus Indien mit neuen Übersetzungen nach Tibet, und der Buddhismus wurde wiederbelebt. Im 11. und 12. Jh. entstanden in ganz Tibet viele Kadampa-Klöster, in denen Wert auf eine intensive schulische Ausbildung gelegt wurde.
Zwischen den Mönchsgelehrten und den Repas kam es öfters zu Auseinandersetzungen, wie zum Beispiel in den Biographien Milarepas berichtet wird. Milarepa wurde nicht nur von dem Kadampa-Mönch Tönpa Darlo angegriffen, sondern auch einmal von Mönchen eines Kadampa-Klosters verprügelt. Mit dem neuen Erstarken des Buddhismus etablierten sich in den nächsten beiden Jahrhunderten in Tibet immer mehr Klöster, die auch die Schrifthoheit innehatten. Neue Übertragungslinien entstanden, das Mönchs- und Klosterwesen als institutionalisierte Form der Religionsausübung wurde immer wichtiger. Diese Entwicklung findet auch in der Geschichtsinterpretation ihren Niederschlag. Lesefehler bei den alten, möglicherweise beschädigten oder in anderen Dialekten verfassten Vorlagen und die Freude am Fabulieren und Dramatisieren spielen sicherlich ebenfalls eine Rolle. Außerdem wurden die Praktiken der Yogis meistens geheim gehalten, so dass die Mönche und andere davon nichts erfuhren und so auch nichts berichten konnten.
Geht man davon aus, dass die neu untersuchten Quellen wenigstens in Teilen Rechungpa korrekt beschreiben, so besteht der Verdienst der Arbeit von Peter Alan Roberts darin zu zeigen, dass die Rolle Rechungpas für den tibetischen Buddhismus über Jahrhunderte hinweg unterbewertet wurde. Dies könnte auch bedeuten, dass der Laienbuddhismus in Tibet als deutlich wichtiger einzuschätzen ist, als es von den klösterlichen Traditionen bis heute dargestellt wird.
Wahrscheinlich können in vielen Fällen die Lebensgeschichten buddhistischer Meister nicht wörtlich genommen werden, aber sie können uns auf unserem Weg zur Erleuchtung inspirieren. Außerdem mag die Entscheidung, diesen oder jenen Meister als den EINEN Linienhalter zu benennen, eine gewisse Vereinfachung darstellen und durch historische Gegebenheiten motiviert sein. Das System der Linienhalter geht ja auf indische Ursprünge zurück, wo es immer nur einen Linienhalter, dafür aber viel mehr einzelne Übertragungslinien gab. Erst in Tibet wurde dieses Prinzip geändert. Zwar gab es offiziell immer noch einen Haupt-Linienhalter, daneben aber viele andere, die in Bezug auf bestimmte Übertragungen sogar höher gestellt sein konnten. – Man darf gespannt sein, wie sich der im Westen verbreitete Laienbuddhismus in Zukunft auf die Übertragungslinien auswirken wird.

1 Dorje Drak, der eigentliche Name Rechungpas, den ihm seine Eltern gaben


Roswitha Fischer, Professorin für englische Sprachwissenschaft an der Universität Regensburg. Verheiratet, eine Tochter. 1985 Zuflucht bei Lama Ole, seit 1991 Reiselehrerin. Zentrums- und Vereinsarbeit, Dharmatext-Übersetzungen deutsch/englisch, Mitarbeit am Schul-Projekt.

The Biographies of Rechungpa
Peter Alan Roberts
Routledge Chapman & Hall (2007, 2010)
ISBN-13: 978-0415596220
ca. 30 Euro

Die Redaktion dankt Manfred Seegers (Hamburg) und Maria Przyjemska (Bonn) für ihre Mitarbeit zu diesem Beitrag

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